Huaweis Comeback-Smartphone im großen Test

Bringt das Nova 9 die Wende?

Huaweis Comeback-Smartphone im großen Test

Wir konnten das neue Nova 9 bereits vor seiner Weltpremiere (in Wien) mehrere Tage testen.

Huawei  war lange Zeit auf dem besten Weg, am weltweiten Smartphone-Markt die Nummer eins zu werden. Auch in Österreich gingen die Android-Geräte des chinesischen IT-Konzerns weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Doch seit den harten Sanktionen der US-Regierung, die Huawei u.a. die Verwendung von 5G-Prozessoren aus den USA sowie die Nutzung von Google-Diensten (Play Store, Maps, Gmail, YouTube, etc.) untersagt, spielt die Firma beim Smartphone-Absatz außerhalb Chinas  so gut wie keine Rolle mehr . Zuletzt haben andere chinesische Newcomer wie  XiaomiVivo  oder  OnePlus  die Lücke geschlossen. Der verschwindend geringe Marktanteil hat Huawei in den letzten 12 Monaten sogar dazu gebracht, dass beispielsweise in Europa so gut wie keine neuen Smartphones mehr auf den Markt kamen. Die letzte große Neuheit war die  Mate 40-Reihe  im Herbst 2020. Das P50 (Pro) schaffte es hingegen nicht mehr in die „alte Welt“. Doch nun versucht Huawei das große Comeback.

Neues Nova 9 im Vorab-Test

Die Chinesen stellen am Mittwoch (ab 15:30 Uhr) in Wien bei einem globalen Produktlaunch - mit über 700 geladenen Tech-Journalisten aus über 20 Ländern - neben der Watch 3 GT und einer speziellen Version der FreeBuds4 auch das neue Nova 9 vor. Mit diesem Smartphone will Huawei in Europa wieder Fuß fassen. Wir konnten das brandneue Gerät vorab bereits über eine Woche lang testen. Wie es sich dabei geschlagen hat, lesen Sie in den folgenden Absätzen.

Diashow: Das Huawei Nova 9 im oe24.at-Test

Erster Eindruck

Huawei verbaut beim Nova 9 ein 6,57 Zoll großes Display. Da dieses über die gesamte Front reicht und seitlich abgerundet ist, fällt das Smartphone vergleichsweise kompakt (160 x 73,7 x 7,77 mm) aus. Zudem liegt es gut in der Hand und ist mit 175 Gramm angenehm leicht. Insgesamt sieht das Smartphone ziemlich edel aus. Passend dazu hinterlässt es einen hochwertigen Eindruck und ist bestens verarbeitet. Die Selfie-Kamera steckt oben mittig in einem Display-Loch. Auf der Rückseite ragt das vertikal angeordnete Kameramodul nur dezent aus dem Gehäuse heraus. Deshalb kommt es kaum zu Wacklern, wenn das Nova 9 auf einer ebenen Fläche liegt und man am Display herumtippt. Den Fingerabdrucksensor verbaut Huawei im Display. Die erstmalige Einrichtung dauert zwei bis drei Minuten (gilt auch für jeden weiteren Finger). Im Test funktionierte die Entsperrung sehr schnell und stets zuverlässig. Als weitere biometrische Entsperrfunktion ist eine Gesichtserkennung an Bord, die bei guten Lichtverhältnissen ebenfalls einwandfrei funktioniert. Die manuellen Tasten (Lautstärkeregler und Power-Button) sind an der rechten Seite untergebracht. An der Unterseite gibt es nur einen USB-C-Anschluss (USB 3.1) - ein Klinkenstecker ist wie bei den meisten aktuellen Smartphones nicht an Bord. Mittlerweile haben sich viele Nutzer an den Entfall jedoch gewöhnt oder nutzen ohnehin kabellose Kopfhörer. Wichtiger dürfte den Käufern sein, dass das Nova 9 wasserfest und gegen Staub geschützt (IP68-Zertifikat) ist.

Display und Performance

Beim Display gibt sich Huawei keine Blöße. Das 6,57 Zoll große OLED-Panel bietet eine Auflösung von 2.340 x 1.080 Pixel. Die Darstellungsqualität lässt kaum Wünsche offen. Dazu tragen der ordentliche Kontrast, die natürliche Farbwiedergabe und die hohe Helligkeit bei. Fotos, Videos oder Texte werden scharf angezeigt und sind selbst bei Sonneneinstrahlung gut erkennbar. Dank der Bildwiederholungsrate von 120 Hz gelingt das Scrollen durch Websites extrem flüssig und ohne jegliches Ruckeln. Bei der Performance und beim Mobilfunkstandard leidet das Smartphone unter den US-Sanktionen. Huawei darf von US-Herstellern nämlich keine Chips verbauen, die 5G unterstützen. Deshalb kommt beim Nova 9 nur der Snapdragon 778G 4G-Prozessor von Qualcomm zum Einsatz, der in Sachen Leistung nicht mit dem aktuellen Top-Chip des Herstellers (Snapdragon 888 inkl. 5G) mithalten kann. Da Privatkunden noch kaum zu 5G-Tarifen greifen, ist das aktuell kein allzu großes Problem. In ein bis zwei Jahren könnte das aufgrund fallender Preise jedoch anders aussehen. Ein Tarifwechsel von LTE auf 5G ist mit diesem Smartphone jedoch nicht möglich. Im Alltagsbetrieb reicht die Performance des Snapdragon 778G völlig aus. Das liegt neben den acht Kernen (4 x Cortex-A78 + 4 x Cortex-A55) auch am ordentlichen Arbeitsspeicher von 8 GB. Nur bei grafisch aufwendigen Games oder bei Augmented Reality-Anwendungen würde man sich etwas mehr Leistung wünschen. Der interne Speicher ist mit 128 GB ausreichend groß bemessen. Und bis auf das fehlende 5G ist das Nova 9 in Sachen Funktechnologie bestens aufgestellt. So sind Wi-Fi 6 (ax), Bluetooth 5.2 und NFC mit an Bord.

Akku und Sprachqualität

Der Akku von Huaweis Comeback-Smartphone bietet eine Kapazität von 4.300 mAh und überzeugt mit einer sehr guten Ausdauer. Im durchaus ambitionierten Testalltag hielt das Smartphone fast zwei Tage durch. Beim Laden spielt der chinesische IT-Riese schon lange in der absoluten Oberliga mit. Hier macht das Nova 9 keine Ausnahme. Das Handy bietet eine Schnellladefunktion mit 66-Watt-Unterstützung. Damit ist eine Vollladung in gerade einmal 38 Minuten erledigt. Positiv: Während mittlerweile viele Hersteller kein Netzteil mehr in den Lieferumfang packen, ist beim Nova 9 sogar ein 66-Watt-Ladegerät mit von der Partie. Kabelloses Laden wird leider nicht unterstützt. Dafür gibt es an der Gesprächsqualität nichts auszusetzen - Anrufer und Angerufener sind stets sehr gut und rauschfrei zu hören. In ruhiger Umgebung kann man selbst mit der integrierten Freisprechfunktion (ohne Headset) problemlos telefonieren.

Fotos und Videos

© Huawei
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Für Smartphone-Käufer zählt die Kameraqualität zu den wichtigsten Kaufkriterien. In diesem Bereich konnte Huawei vor allem bei seinen Top-Smartphones stets punkten. Obwohl das Nova 9 preislich unter aktuellen Flaggschiff-Modellen der Konkurrenz angesiedelt ist, setzt es auf ein ambitioniertes Kamera-Setup. Darüber hinaus wird der Nutzer bei Fotos und Videos von Künstlicher Intelligenz unterstützt.
Konkret setzt sich die verbaute Quad-Hauptkamera wie folgt zusammen:

  • 50 MP Hauptkamera (f/1.9)
  • 8 MP Ultraweitwinkel (f/2.2)
  • 2 MP Tiefensensor (f/2.4)
  • 2 MP Makrokamera (f/2.4)

Ein Teleobjektiv mit optischem Zoom ist nicht mit dabei. Für herkömmliche Fotos spielt aber ohnehin die Sensorgröße die entscheidende Rolle. Beim Nova 9 fällt dieser ziemlich groß (1/1.56 Zoll) aus und kann deshalb viel Licht aufnehmen, was sich bei der Fotoqualität positiv bemerkbar macht. Die Aufnahmen sind nicht nur äußerst detailreich und scharf, sondern wirken auch sehr natürlich und punkten mit einem guten Kontrast. Die Nahaufnahmen (Makro) wirken fast schon beeindruckend. Selbst bei schlechten Lichtverhältnissen oder ungünstiger Position lässt die Qualität der Bilder kaum Wünsche offen. Auch der Nachtmodus kann sich – nicht nur für diese Preisklasse – sehen lassen. Gleiches gilt für die Videoqualität. Das Nova 9 nimmt Clips in 4K-Qualität bei 60 Bildern pro Sekunde (fps) auf. Auch hier kommen die Details gut zur Geltung, was dafür spricht, dass die Bildstabilisierung einen guten Job macht.

Frontkamera

Wie bereits erwähnt, ist vorne eine Punchhole-Kamera integriert. Diese verfügt über eine Auflösung von 32 MP (f/2.0) und einen 1/2.8 Zoll großen Bildsensor. Die Frontcam sorgt für schöne Selfies und ordentliche Videochats. Video-Fans kommen auch ansonsten auf ihre Kosten. Denn die vordere Kamera ermöglicht ebenfalls die Aufnahme von 4K-Videos. Darüber hinaus gibt es eine coole Dual-View-Funktion, bei der die vordere und hintere Kamera gemeinsam filmen.

© Huawei
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Software

Bei der Software gibt es eine Überraschung. Denn während das neue Top-Tablet  MatePad 10  und die Watch 3 bereits mit dem eigenen Betriebssystem HarmonyOS laufen, kommt beim Nova 9 - wie beim Mate 40 und P40 – die offene Version von Android zum Einsatz. Darüber liegt die erfreulich übersichtliche Oberfläche EMUI 12. Aufgrund der US-Sanktionen muss aber auch Huaweis Comeback-Smartphone ohne Google-Dienste und -Apps (Play Store, GMail, Maps, etc.) auskommen. Die chinesische Firma hat in den letzten beiden Jahren jedoch alles daran gesetzt, den eigenen Appstore, die App Gallery, zu einer echten Alternative zu Google Play und den Apples App Store aufzubauen. Und die Fortschritte sind durchaus herzeigbar. In der App Gallery finden sich immer mehr Anwendungen. International sind etwa Amazon, Telegram oder TikTok vertreten. Auch die Liste von österreichischen Partnern wächst sukzessive:

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Darüber hinaus gibt es mit Petal Search und  Petal Maps  gute Alternativen zur Google-Suche und zu Google Maps. Zudem  ist es relativ einfach, an beliebte Apps wie Facebook oder WhatsApp zu kommen. Wer also im Google-Universum nicht fix verankert ist, kommt mit dem Nova 9 auch mit der offenen Version von Android relativ problemlos durch den Alltag. Wer hingegen ständig Programme wie Gmail, Photos, Maps, YouTube oder den Assistant nutzt, wird wohl kaum umsteigen. Gleiches gilt für all jene heimischen Online-Banking-Kunden, deren Geldinstitute noch nicht in der App Gallery zu finden sind. Zwar kann man auch Apps via Sideload auf Huawei-Handys laden, davor raten Sicherheitsexperten jedoch strikt ab. Auch Google warnt aus Sicherheitsgründen (fragwürdige Quellen) vor dieser Praxis.

Fazit

Huawei startet mit dem Nova 9 einen Comeback-Versuch auf dem europäischen Markt. Ob dieser von Erfolg gekrönt sein wird, bleibt abzuwarten. Das liegt jedoch nicht am Hersteller und am Gerät sondern an den US-Sanktionen. Denn bis auf die fehlende 5G-Unterstützung und die nicht verfügbaren Google-Dienste kann man dem Smartphone nichts vorwerfen. Design, Verarbeitung, Display, Akkulaufzeit, Alltagsperformance und Kamera zählen in dieser Preisklasse derzeit zum Besten, was der Markt zu bieten hat. Huawei verkauft das Nova 9 ab Anfang November in den Farben Blau (Starry Blue) und Schwarz um 499 Euro. Vorbesteller bekommen im Aktionszeitraum (21. Oktober bis 14. November 2021) noch die kabellosen In-Ear-Kopfhörer  FreeBuds 4  (UVP: 129 Euro) kostenlos dazu.

Doch mittlerweile haben auch Hersteller wie Samsung, Xiaomi, Vivo, OnePlus oder HMD Global (Nokia) vergleichbare Geräte am Start, die kaum teurer sind, jedoch 5G und die Google-Dienste mit an Bord haben. Hier müssen sich die Käufer nicht die Mühe machen, fehlende Apps selbst zu installieren, oder auf sie zu verzichten. Einfach wird es das Nova 9 also nicht haben. Dennoch dürfte es auch hierzulande seine Fans finden.
  



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