Wiener Konzerthaus

Festwochen-Konzerte

"Fliegende Holländer" glänzte im Konzerthaus

Minkowski stellte die Wagner-Oper dem "Vaisseau Fantome" gegenüber.

Im Jahr seines 200. Geburtstags wird Richard Wagner auf jede erdenkliche Art gewürdigt. Besonders schmeichelhaft für den Operngiganten ist die unmittelbare Gegenüberstellung mit einem seiner weniger visionären Kollegen. In einem musikhistorisch wertvollen und sitzmuskeltechnisch anspruchsvollen Großprojekt stellten Marc Minkowski und seine Musiciens du Louvre am 1 Juni im Wiener Konzerthaus Wagners "Fliegendem Holländer" die Oper "Vaisseau Fantome" von Pierre-Louis Dietsch voran, die auf einem frühen Szenenentwurf Wagners beruht. Das Festwochen-Publikum zeigte sich nach sechs Stunden - inklusive 90 Minuten Pause - erschöpft, aber begeistert.

Kleiner Treppenwitz der Musikgeschichte

Eine bekömmliche Vorspeise vor dem opulenten Wagner-Fest und ein kleiner Treppenwitz der Musikgeschichte: In Geldnot hatte Wagner den Entwurf für die Oper um den verdammten Seefahrer der Pariser Oper angeboten. Der Kompositionsauftrag, den er sich erhoffte, ging allerdings an einen anderen: Kapellmeister Pierre-Louis Dietsch schrieb mit "Vaisseau Fantome" ("Das Geisterschiff") seine erste und einzige Oper. Ihr Erfolg war bescheiden. Wagner selbst ließ es sich allerdings nicht nehmen, den "Holländer" ebenfalls zu vertonen, seine Fassung feierte nur wenige Monate später Premiere. Beide Opern waren dazu gedacht, gemeinsam mit einem anderen Stück, etwa einem Ballett, gespielt zu werden. Nun hat sich diese Idee auf Umwegen verwirklicht.

Wiederentdeckung französischer Romantiker   

Dass Marc Minkowski und die Musiciens du Louvre sich mit ihren Originalklanginstrumenten an die Wiederentdeckung französischer Romantiker machen - schon vor zwei Wochen wurde das Projekt in Versailles aufgeführt -, ist eine löbliche Sache; und tatsächlich hat Dietschs "Vaisseau fantome" mehr zu bieten, als man aufgrund seiner Rezeptionsgeschichte vermutet hätte: Melodisch wie gestisch hat Dietsch die Handlung mit sicherem Handwerk umgesetzt, schöne Duette zwischen Sally Matthews als Minna und Russell Braun als Troil (seine Version von Senta und Holländer) stechen hervor, insgesamt herrscht konventionelles, aber nicht ungeschicktes Pathos. Für stimmliche Höhepunkte - in beiden Opern - sorgte Tenor Bernhard Richter.

Minkowski zeigte Freude über Wagner lautstark  

Dass sich aber nicht nur das Publikum, sondern auch Minkowski selbst mehr für den Hauptgang interessierten, war schwer zu verbergen. Vor deutlich vollerem Saal verwies der "echte" Holländer seinen freundlich-bemühten Zeitgenossen schon mit den ersten Takten in die hinteren Reihen der Musikgeschichte. Die ungleich größere, bestechendere Vision Richard Wagners wird vor allem in der Orchesterführung überdeutlich hörbar, wie es seine Untermalungsfunktion gänzlich hinter sich lässt und zur treibenden, kommentierenden, kontrastierenden Kraft im Geschehen wird. Die Handlung ist gegenüber Dietschs Variante einfacher und stringenter, hat weniger Text, aber mehr Musik, sowohl in der Menge als auch in Komplexität und der Vielseitigkeit des kompositorischen Vokabulars.

Resümee: Oper vom Feinsten  
Unabhängig von der eindrücklichen Unterrichtsstunde bot dieser "Holländer" konzertante Oper vom Feinsten. Minkowksi ist ein Wagner-Dirigent mit kräftigem dramatischen Zugriff, der im Rausch der Effekte intuitiv die richtigen Entscheidungen trifft - dabei aber freilich über manche Spitzfindigkeit hinwegwischt. Als Sängerensemble scharte er Evgeny Nikitin als volltönenden, wenn auch eher unbeweglichen Holländer, Ingela Brimberg als hochdramatische Senta und Mika Kares als Donald um sich. Sie alle erhielten frenetischen Applaus - wobei man sich des Eindrucks nicht ganz erwehren konnte, dass sich die Zuhörer nicht zuletzt selbst

Info
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