Natalie Dessay bringt Erfolg

Opernkritik

Natalie Dessay bringt Erfolg

Karl Löbl: So war die Staatsopern-Premiere von „La Traviata“.

Wer ein Stück sehen will, wird unzufrieden sein. Wer die wahrhaftige, emotional starke Darstellung großer Gefühle schätzt, den wird diese ­Inszenierung überzeugen und packen. In Wien, aber nicht nur hier, will das Publikum jedoch vor allem die Opern wiedererkennen. Daraus ist ihm kein Vorwurf zu machen. Daher der Buh-Orkan, der nach der Premiere von La Traviata dem Regisseur und seinem Team galt. Denn Jean-François Sivadier hat nicht die Handlung inszeniert, sondern vor allem die Emotionen und Befindlichkeiten der Akteure.

Die Aktionen finden diesmal auf einer Art Probebühne statt, auf der Verdis Oper gleichsam vor Publikum erarbeitet wird. Keine Dekoration, kaum Requisiten, Probenalltag in Zivilkleidung. Bühnenarbeiter räumen Sessel weg, Assistenten korrigieren die Kopfhaltung der Sänger, der Hintergrund ist meist belebt.

Natalie Dessay ist eine erschütternde Violetta
Das ist für Kenner reizvoll, für den Spielbetrieb mit seinen wechselnden Besetzungen gewiss minder tauglich. Ein Fehler, der dem neuen Direktor wiederholt passiert. Dominique Meyer ist eine Stagione gewöhnt, noch nicht die Wiener Notwendigkeiten des Repertoires.

Die Premiere retten Natalie Dessay und ihre Partner. Mit ihnen hat Monsieur Sivadier, der vom Schauspiel kommt, die Emotionen, die zwischenmenschlichen Beziehungen genau geformt. Natalie Dessay ist eine intensive, glaubhafte, im Finale erschütternde Violetta. Sie verkörpert in jeder Szene genau die gemeinte Figur und singt mit Ausdrucksnuancen, welche diese Glaubhaftigkeit noch verstärken.

Charles Castronovo (Al­fred) und Fabio Capitanucci (Vater Germont) sind ihr gleichwertige Partner. Selten zuvor wirkten Körpersprache, Mimik, symbolhafte Gesten in der Oper so stark, so situationsgerecht, so echt. Das zeugt von einer intelligenten Personenregie. Dass auch sie ein Teil der Inszenierung ist, bedenken die Buh-Schreier leider nicht.

Bertrand de Billy hat mit dem Orchester Verdis Anweisungen ernst und auf die Sänger Rücksicht genommen. Er war mitverantwortlich dafür, dass diese Premiere zumindest ein starker Teilerfolg wurde.