Salzburger Festspiele

Salzburger Festspiele

Zwischenbilanz über Schauspielprogramm

Schauspielchef Bechtolf stieß in seiner zweiten Saison auf teils heftige Kritik.

 Das war's fast schon. Die Salzburger Festspiele 2013 sind am kommenden Wochenende zwar erst bei ihrer Halbzeit angelangt, im Schauspielprogramm haben die Festspielmacher aber bereits alle Eigenproduktionen vorgelegt. Was in den nächsten Wochen noch folgt, sind Gastspiele aus Frankreich ("Schneewittchen", "Sans Objet"), Tschechien ("Der diskrete Charme der Bourgeoisie") und Belgien ("Romeo und Julia"). Zeit also für eine Zwischenbilanz.

Zweites Programm absolviert

Ziemlich fantastisch gehe es im Schauspielprogramm 2013 zu ("Ein böser Geist treibt sein Unwesen", "Eine unschuldige französische Viehhirtin empfängt von der Jungfrau Maria ihre Weisungen", "Ein reicher Mann begegnet unverhofft dem Tod, dem Teufel und allerlei anderen emblematischen Gestalten", usw.), hatte Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf im Vorfeld für sein zweites Programm geworben und hinzugefügt: "Das Translozieren innerer und irdischer Angelegenheiten in die Sphäre des Wunderbaren, Märchenhaften oder gar Religiösen ist aber keineswegs ein eskapistisches Verfahren: Der Ausflug ins scheinbar Ferne und Jenseitige fördert oft Verstecktes und Diesseitiges umso deutlicher zutage.."

Thater mehr für Bauch asl für Kopf
Was haben nun die Salzburger Theaterproduktionen bisher tatsächlich zutage gefördert? Insgesamt viel Kulinarisches, Theater mehr für den Bauch als für den Kopf, mehr für jedermann als für Spezialisten und Puristen (die mit Michael Thalheimers bis zur Starrheit reduzierter "Jungfrau von Orleans" freilich auch etwas geboten bekamen). Bechtolf muss darauf achten, dass die Kasse stimmt. Da passt es gut, dass sein Theaterbegriff ein offener ist, angetrieben von geradezu kindlicher Neugier. Das passt freilich nicht allen. "Bechtolf sucht den Blick des Kindes auf die Welt. Er will im Theater staunen. Er möchte sich verzaubern lassen. Deshalb ist der 'Jedermann' jetzt noch niedlicher", ätzt etwa Karin Cerny im "profil" und legt nach: "Symptomatisch für diese Saison: So kindisch kann man gar nicht sein, um sich vom heurigen Salzburger Schauspielprogramm nicht unterfordert zu fühlen."

Jedermann brillierte
Cerny ist mit ihrer Kritik nicht alleine. Es ist auffällig, dass keine einzige der neuen Produktionen, die vom Publikum teilweise umjubelt und jedenfalls mehr als zufriedenstellend nachgefragt werden, als einhelliger Kritikererfolg gewertet werden kann. Im Gegenteil: Die ablehnenden Stimmen fallen teilweise ziemlich herb aus. Der Mut, das Traditionsstück "Jedermann" von einem angelsächsischen Regieduo endlich wieder neu befragen zu lassen, wurde großteils nicht belohnt. Das mit Puppen und Masken angereicherte Mysterienspiel sei "ein aufgeblasenes Spektakel" war zu lesen, "gediegenes Ausstattungstheater", bei dem "man völlig verblüfft über die monströse Naivität der Inszenierung" sei. Auch der neue Hauptdarsteller Cornelius Obonya bekam nicht nur Freundlichkeiten serviert ("Der blinde Fleck im Projekt", "luxuriöse Fehlbesetzung").

Publikum jubelte, Kritiker wetterten
Zu viel Oberflächlichkeit, zu wenig Ernsthaftigkeit - so lautete auch der Hauptvorwurf gegen "Lumpazivagabundus" in der Neuinszenierung von Matthias Hartmann auf der Perner-Insel und den "Sommernachtstraum", den Henry Mason im Residenzhof realisierte. Das Publikum amüsierte sich königlich, die Kritiker oft unter ihrem Niveau. Immerhin festspielwürdig ist bei der Nestroy-Produktion die Besetzung (freilich bedingt durch die Burgtheater-Koproduktion) sowie bei Shakespeare die Kombination mit Felix Mendelssohn-Bartholdys Schauspielmusik - eine Vermischung aus Schauspiel und Musik, wie sie bereits im Vorjahr bei der Verquickung von "Ariadne auf Naxos" mit "Der Bürger als Edelmann" glückte (und letztlich Obonya wohl die "Jedermann"-Rolle eintrug).

Ein bunter Mix
Doch auch das radikale Gegenteil scheint nicht goutiert zu werden: Die düsteren, stark reduzierten Schiller-Exerzitien Thalheimers gefielen nur wenigen Kritikern. Die Beurteilung des von Bechtolf angeregten "Jedermann"-Solos von Philipp Hochmair, mit dem der deutsche Bastian Kraft im "Young Directors Project" (YDP) startete, scheint dagegen Geschmacksfrage. Dass das einst als Innovation gefeierte YDP bereits zum zweiten Mal einen bunter Mischmasch aus selbst initiierten Produktionen (wie "Lenz" im Vorjahr) und eingeladenen Gastspielen ("The Animals and Children Took to the Streets" beeindruckte) bietet, statt einen Wettbewerb miteinander vergleichbarer Regietalente, wird dagegen kaum diskutiert.

Zeitgenössische Dramatik fehlte
Das Fehlen der früher in Salzburg wichtigen Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Dramatik wird dagegen kaum registriert. Und Ausnahmeereignisse, die nur bei Festspielen zu erleben sind, weil eben nur hier die (unter dem Jahr an verschiedenen Häusern engagierten) Besten der Besten arbeiten, gehören überhaupt der Vergangenheit an. Den "Lumpazi" gibt's demnächst in Wien, die "Johanna" in Berlin und Hochmairs "Jedermann"-Solo in Hamburg. Bleiben der Residenzhof und der Domplatz als originärer Salzburger Beitrag. Das Alleinstellungsmerkmal ist durch einen reinen Standortvorteil ersetzt worden.

"Cosi fan turre" mit Freude erwartet
"Mittelmaß können sich diese Kulturmanager nie leisten, zumindest, was die Auslastung betrifft. Sie müssen also anpassungsfähig sein. Das erst qualifiziert sie für Höheres", schreibt Norbert Mayer in "Die Presse". Für Bechtolf geht's jedenfalls erst richtig los. Am 21. August hat seine "Cosi fan tutte"-Inszenierung Premiere. Und 2015/16 steht er als künstlerischer Direktor an der Seite von Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler überhaupt an der Spitze des Festivals. Kaum anzunehmen, dass ihm der Kassenerfolg dort weniger wichtiger sein wird. Seinen Kritikern dürften harte Jahre bevorstehen...

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)