Lehrerin redet 
Klartext: Kampf-Platz Schule

Schüler-Terror

Lehrerin redet 
Klartext: Kampf-Platz Schule

Lehrer schlagen Alarm: Kinder sind immer aggressiver. Sind die Eltern schuld?

Mit einem Satz brachte Paul Kimberger eine Lawine ins Rollen: „Die Eltern haben meiner Ansicht nach nicht eine ­Erziehungsberechtigung, sondern eine Erziehungsverpflichtung“, so der Pflichtschul-Lehrergewerkschafter. Kimbergers provokanter Vorschlag gegen „erziehungsfaule“ Eltern: Wer ein Problemkind großzieht und seiner Erziehungspflicht nicht nachkommt, dem soll die Familienbeihilfe gestrichen werden. Harter Tobak.

Fakt ist: Die Zahl der verhaltensauffälligen Schüler nimmt zu. Die Lehrergewerkschaft schätzt, dass es in Österreichs Schulklassen rund zehn Prozent – also bereits 100.000 – Problemschüler gibt. Die Elternvertreter sehen das nicht so wild, wollen von Strafen für Eltern nichts wissen.

Wurfgeschosse.
Die Gewerkschaft sagt: Viele Lehrer sind am Ende ihrer Kräfte. Sie fühlen sich immer öfters als Dompteure einer wild gewordenen Generation junger Löwen. Anstatt Brüche in Kommazahlen umzuwandeln, modeln einige ihrer Schüler oft lieber Plastikflaschen in Wurfgeschosse um, beklagt sich ein Lehrer.
Es bedarf keiner großen Provokation, dass die Kids explodieren. Außer Ermahnen haben die Lehrer kaum Durchgriffsrechte und fühlen sich immer wieder in die „Opferrolle“ gedrängt.

So geschehen am BORG Nonntal in Salzburg. Problemschüler Kristijan S. (16) wurde von der Schule verwiesen. Er hatte Ethiklehrerin Rosemarie B. bedroht: „Warte nur, was dir passieren wird, wenn ich dich das nächste Mal am Bahnhof sehe.“ Mit obszönen Gesten beleidigte er die Lehrerin. Schüler und die 50-köpfige Lehrer-Crew sprachen sich für einen Schulverweis aus. Aber: Ein Formalfehler macht es möglich, dass der Schüler an der Schule bleiben darf.

Noch heftiger ein Fall in Niederösterreich: Hier wurde erst kürzlich eine Lehrerin von mehreren Schülern verprügelt.

Multikulti-Klasse.
Eine Schule mit vielen Problemfällen leitet auch Marion Serdaroglu-Ramsmeier (43). Der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund beträgt in der WMS Kauergasse in Wien Rudolfsheim-Fünfhaus 85 Prozent. Allein das stellt die Lehrer in den Multikulti-Klassen (aus Bosniern, Kroaten, Serben, Türken, Rumänen, Polen) vor große Herausforderungen. Auch weil Kinder wochenlang nicht zum Unterricht erscheinen, in Krisenzentren, nicht daheim leben. Weil viele Eltern nicht Deutsch können, zuweilen sprachliche Defizite haben.
Trotzdem ist die Schule „privilegiert“ – denn hier gibt es Sozialarbeiter, Psychagogen und Lerncoaches. „Unsere Schule wäre ein Zukunftsmodell“, sagt Direktorin Serdaroglu-Ramsmeier.

 

ÖSTERREICH: Frau Serdaroglu-Ramsmeier, Sie sind Direktorin an einer sogenannten „Brennpunktschule“ in Wien-Fünfhaus. Mit welchen Problemen kämpfen Ihre Lehrer und Schüler?
Serdaroglu-Ramsmeier: In unserer Schule gibt es 209 Kinder, 85 Prozent davon haben Migrationshintergrund. Einige Kinder leben in Krisenzentren – also wohnen gar nicht bei ihren Eltern – oder werden vom Jugendamt betreut. Andere haben Eltern, die mit schweren existenziellen Problemen kämpfen. Wenn Kinder so einen „Rucksack“ mitbringen, sind manche natürlich verhaltensoriginell.

ÖSTERREICH: Was verstehen Sie unter verhaltensoriginell?
Serdaroglu-Ramsmeier: Die Lehrer sind damit konfrontiert, dass es immer wieder Kinder gibt, die unwillig sind, im Unterricht mitzuarbeiten, oder keine Hausaufgaben bringen. Die Kinder beschimpfen sich untereinander und manchmal gibt es auch Raufereien. Und über Facebook werden die Kinder gemobbt. Eine Schülerin bedrohte eine Mitschülerin mit Mord. Nach einer Stunde Gespräch war den Mädchen klar, welche Tragweite diese Drohung hat und dass das kein Spaß ist.

ÖSTERREICH: Aber dann müssen Sie den Forderungen von Paul Kimberger doch recht ­geben?
Serdaroglu-Ramsmeier: Ich halte es für keine gute Idee, diesen Eltern vielleicht die Familienbeihilfe zu streichen. Denn warum soll ich Eltern in die Pflicht nehmen, die das Mathematikbeispiel gar nicht verstehen oder fast An­alphabeten sind. Unser Schulsystem ist auf die selbstverständliche Hilfe der Eltern aufgebaut. Doch in Familien vieler Kinder gibt es das nicht mehr, das ist für die Lehrer natürlich anstrengender. Aber dafür sollten sie ausgebildet werden. Ich finde es auch wichtig, dass es auch Lehrer gibt, die zweisprachig aufgewachsen sind.

ÖSTERREICH: Wie soll man Ihrer Meinung nach mit dem von Ihnen genannten Problem fertig werden?
Serdaroglu-Ramsmeier: Wir brauchen Sozialarbeiter und Psychagogen als Unterstützung. Wir hatten einen Burschen, der erschien drei Wochen nicht zum Unterricht. Also schickten wir den Schul­sozialarbeiter zu ihm nach Hause, um mit ihm und seinen Eltern ein Gespräch zu führen. Die Eltern ließen sich gerade scheiden, die Mutter war überfordert. Es gab auch Gewalt in der Familie. Aber das Gespräch mit dem Sozialarbeiter zeigte Erfolg. Der Schüler kam wieder in die Schule – zumindest für einige Wochen. Dann brach er wieder ab. Das ist ein sehr mühsamer Prozess. Aber man darf nicht aufgeben.

ÖSTERREICH: Aber jeder Schule einen Sozialarbeiter zur Verfügung zu stellen, wird teuer, wie reagieren die Eltern mit den klassischen Methoden wie Vorladen in die Sprechstunde?
Serdaroglu-Ramsmeier: In meiner Schule erscheinen die Eltern schon in den Sprechstunden. Frustrierend für die LehrerInnen ist es dann, wenn sich nichts ändert. Das sind die Momente, wo meine KollegInnen an ihre Grenzen stoßen.

ÖSTERREICH: Von der Lehrergewerkschaft hört man immer wieder, dass besonders Junglehrerinnen unter den Aggressionen von Schülern leiden. Wie war Ihr Einstieg als Lehrerin?
Serdaroglu-Ramsmeier: Ich habe vor 23 Jahren zu unterrichten begonnen. Die Probleme von damals zu heute haben sich nicht sehr verändert, aber vielleicht sind heute die Schulpartner mehr sensibilisiert. Als ich das erste Mal in die Klasse kam, fragte mich ein Schüler: „Na, wie alt sind wir denn? 16 Jahre?“ Da muss man ganz schön hart im Nehmen sein, sich hier durchzusetzen. Im ersten Jahr war ich nach dem Unterricht immer so fertig, dass ich zwei Stunden geschlafen habe.

ÖSTERREICH: Und als Sie noch in der Klasse unterrichteten, haben Sie nie Gewalt erlebt?
Serdaroglu-Ramsmeier: Doch, ich hatte einmal fast eine Messerstecherei. In meiner Klasse gab es einen Neonazi und einem Kind mit Migrationshintergrund. Die beiden hatten eine schwere Rauferei und im Nachhinein hat sich herausgestellt, einer hatte ein Messer mit. Das war heftig.

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