Kirche in Zeiten des Lockdowns
Toni Faber: ''Lockdown der Herzen darf nicht sein"
Im Seitenschiff bauen einige Philharmoniker einen kleinen Sesselhalbkreis für ein Livestream-Konzert auf, eine Mitarbeiterin des Wachdienstes kontrolliert am Hauptschiff den Zugang. In der Leere von Österreichs größter Kirche hallen die Schritte am Steinboden.
Für das Fotoshooting und das Interview lässt Dompfarrer Toni Faber die komplette wunderbare Beleuchtung der 600 Jahre alten Kathedrale einschalten. Der sympathische und immer freundliche Geistliche wird ernst, wenn er auf die Nacht des Allerseelentags angesprochen wird: „Ich war einige Male bei den Terror-Tatorten. Dieses Kerzenmeer ist beeindruckend. Es zeigt, dass wir diesem Hass mit der Kraft der Vergebung entgegentreten.“
Sympathischer und gelassener Lebenshelfer
Seit 23 Jahren betreut Toni Faber als Dompfarrer die Gläubigen im 1. Bezirk in Wien. Der immer höfliche Liebling der österreichischen Society-Reporter bleibt auch in der aktuell harten Zeit ein Lebenshelfer. Ein Mitmensch, der nicht sudert und grantelt, sondern gelassen Hoffnung schenkt. Im Talk mit dem INSIDER (siehe Interview auf den Seiten 10, 11) ermuntert Faber dann auch zum Training des eigenen Ichs: „Wir gehen zwar in ein Fitnesscenter, um unseren Köper zu trainieren. Aber wir haben verlernt, an unserem Charakter zu üben.“ (Da fällt einem mancher Mitbewohner dieses Planeten ein, dem man gleich eine Charakter-Trainings-Jahreskarte zu Weihnachten schenken möchte.)
Der Geistliche sorgt sich auch um die sogenannten Corona-Leugner, die nur wenige Meter vom Dom entfernt ihre Mund-Nasen-Schutz-Masken verbrannt haben: Es sei immer noch Zeit für eine Umkehr, hofft Toni Faber auf Einsicht bei dieser Gruppe. Und der Dompfarrer meint: „Vermutlich wird der erste Corona-Fall in der Nähe eines dieser Menschen zu einem Umdenken führen.“
Toni Faber hat auch noch einen Buchtipp: „Das Gesetz des Ausgleichs: Warum wir besser gute Menschen sind“ von Johannes Huber. Der Domkapitular ist schon beim zweiten Drittel des Buchs.
Toni Faber: "Wir dürfen keinen Lockdown der Herzen zulassen"
INSIDER: Wir sind mitten im zweiten Lockdown der Corona-Krise – ist die Kirche zu still in dieser schwierigen Zeit? Die Sehnsucht nach Institutionen, denen man vertrauen kann, wächst doch?
TONI FABER: Ich glaube, die Kirche ist nicht still. Wir machen natürlich auch bei den Sicherheitsvorkehrungen mit. Aber wir ziehen uns nicht in die Sakristei zurück. Wir machen unsere Aktivitäten eben nicht mehr in physischen Zusammenkünften. Wir dürfen keinen Lockdown der Herzen zulassen. Unsere Aufgabe ist: Wie kann ich Nächstenliebe ohne physische Zusammenkünfte zeigen? Wir halten Gottesdienste per Livestream ab, ich bin bei Begräbnissen, wir versuchen über Telefon und Internet die Menschen zu erreichen, um mitzuteilen: „Gott ist nach wie vor für dich da.“ Wir sind jetzt im Lockdown noch mehr gefordert als sonst zu zeigen: „Du bist nicht allein in diesem Lockdown, Gott begleitet dich.“ Da sind wir auch herausgefordert, erfinderisch zu sein.
INSIDER: Zum Beispiel?
FABER: Nach dem ersten Lockdown haben wir auf digitale Kameratechnik im Dom umgestellt. Und wir sind achtsam, auch den Gläubigen nachzugehen und nicht nur zu warten, bis sie zu uns kommen.
INSIDER: Sie wohnen und arbeiten im Herzen der Bundeshauptstadt, wie erleben Sie jetzt die aktuelle Situation in Wien während dieser Corona-Sperre – und kurz nach dem Terroranschlag?
FABER: Ich war gestern wieder mit einer lieben Freundin an den Tatorten in der Innenstadt. Dort stehen Tausende von Kerzen. Da ist eine riesengroße Sehnsucht da, dem Hass nicht mit Hass zu begegnen, sondern auf das zu setzen, was den Hass überwinden kann: Das ist die fürbittende Liebe, die Bereitschaft zur Vergebung, einen Neuanfang zu setzen. Das ist eine Art Lebensgesetz: Ich kann nicht nur Gewalt mit Gewalt austreiben. Ich brauche die staatliche Ordnung, die Sicherheit. Aber das, was Leben schafft, ist nicht die Gewalt.
INSIDER: Darüber habe ich auch schon kürzlich mit Caritas-Präsident Monsignore Landau gesprochen: Wie erklärt die Kirche dieses Leid, diese extreme Belastung der Menschen? Warum das alles, wenn es doch einen „gütigen Gott“ gibt?
FABER: Ich war vorgestern bei einem Sterbenden mit 92 Jahren. Bei ihm habe ich im Gespräch so salopp „den lieben Gott“ erwähnt. Und der schreit mich an: „Hör auf damit!“ Ja: Wir können über den liebenden Gott reden, über den Gott der Liebe, aber das „liebe Gott“ ist viel zu verniedlichend. Wir müssen vom Gott reden, der Leidenschaft in uns weckt, der mitleidet mit uns Menschen, mit den Einsamen. Der jeden begleitet, der leidet. Wir können von einem Gott reden, der herausfordert und prüft, aber uns auch in der Zeit dieser Prüfung nicht verlässt.
INSIDER: Kann so etwas wie die Pandemie uns Menschen auch „besser“ machen?
FABER: Ich lese eben das Buch von Johannes Huber „Das Gesetz des Ausgleichs: Warum wir besser gute Menschen sind“. Sehr interessant, aber da sind keine Wundermittel angegeben. Sondern: Wie wir mehr Herzensfrieden, mehr Glück, mehr Zufriedenheit im Leben dadurch erlangen, dass wir an unseren Tugenden feilen. Viele von uns gehen ins Fitnessstudio und trainieren ihren Körper – aber haben wir verlernt, an unserem Charakter, an unserem Wesen zu üben? Das wäre die wichtigste Übung. Diese Übung wird in Pandemiezeiten noch wichtiger: Wie gehe ich mit Belastungen um? Ich tröste mich damit, dass meine Eltern in der Kriegszeit und danach viel mehr Herausforderungen gehabt haben. Wir müssen diese Zeiten nicht nur als Belastung empfinden, sondern in diesen Zeiten all das machen, was uns möglich ist.
INSIDER: Welche Fragen hören Sie jetzt besonders häufig?
FABER: Was mich am meisten berührt: Dass Menschen über die Einschränkungen und die Unsicherheit klagen. Aber ich kann mich trotz der jetzt aktuellen Situation in eine Grundstimmung, in eine Grundmelodie der Dankbarkeit begeben: Was ist jetzt trotz der beklagenswerten Zustände noch möglich? Wofür darf ich dankbar sein? Dass ich noch gesund bin. Dass Mitmenschen wieder gesund geworden sind. Dass unser Gesundheitssystem noch immer funktioniert. Dass wir die Möglichkeit haben, einander beizustehen.
INSIDER: Wie sehen Sie die radikalen Tendenzen in dieser Zeit der Pandemie, also jene Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben?
FABER: Wer heute nicht an Corona glaubt, der hat ja den Hausverstand verloren. Fürchterlich. Das ist verrückt, wenn man angesichts dieser Zahlen das wegdiskutieren will und nicht ernst nimmt. Verrückte gibt es immer, die sich in etwas verrannt haben. Aber es gibt auch immer die Möglichkeit zur Umkehr. Rund um einen herum flackern jetzt selbst bei den vorsichtigsten Menschen Fälle von Infektionen auf. Auch ich muss bei meinen vielen Kontakten vorsichtig sein. Aber mein Auftrag kann nicht sein, dass ich mich jetzt im Schneckenhaus verstecke.
INSIDER: Vor uns steht eine der wichtigsten Feiern der Christenheit, das Weihnachtsfest – hat Weihnachten 2020 eine ganz besondere Bedeutung?
FABER: Jetzt bin ich gerade dabei, alles auf das digitale Format zu verlegen. Gottesdienste mit einer ganz kleinen Anzahl von Menschen im Dom werden auch live gestreamt. Eine Rückkehr zur Normalität wird nach dem 7. Dezember noch nicht möglich sein.
INSIDER: Noch ein anderes Thema, weil ich in der Terrornacht am 2. November auch in einer Mauernische Ihres Doms TV-Liveberichte ins Studio durchgegeben habe – wie haben Sie diese Stunden erlebt?
FABER: Ich hab mich noch mit Freunden am Hohen Markt getroffen und dort dann die Schüsse gehört. Ich war natürlich wahnsinnig verunsichert und bin zum Dom zurückgelaufen, den wir räumen ließen. Dann haben wir Kontakt mit der Polizei aufgenommen. Ich war jetzt eben wieder bei diesen Orten des Terroranschlags. Und ich habe auch bewusst dort eine Kerze angezündet, wo der Attentäter gestoppt und getötet worden ist. Gebührt das dem? Unser Hass gebührt ihm nicht. Wir müssen diesem Hass eine andere Kraft entgegenstellen – die Kraft der Vergebung, des Neuanfangs.
INSIDER: Sie haben in einem oe24-Interview zu diesem Thema auch gesagt, dass wir Österreicher die Situation mit dem radikalen Islam zu „rosarot“ gesehen haben?
FABER: Ich achte all das, was in den Haftanstalten und Resozialisierungsvereinen gemacht wird. Die haben sich redlich bemüht. Nur, alle wegzusperren wird keine Lösung sein. Und in einen Menschen kannst du nicht hineinschauen. Die Möglichkeit des Bösen existiert nicht nur bei Terrorgefährdern, sondern bei jedem von uns. Der Mensch kann dem anderen ein Wolf sein. Und was hat dieser Attentäter gedacht: Der hat doch gewusst, das wird nicht gut enden. Er war verwirrt und verleitet.
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