Wahlanalyse: Sebastian Kurz ist nicht unschlagbar

Von Polit-Experte Robert Misik

Wahlanalyse: Sebastian Kurz ist nicht unschlagbar

Wir sind Herdentiere. Zu den Eigenheiten von uns Menschen gehört es, dass wir Leute gleich attraktiver finden, wenn sie von anderen Menschen auch attraktiv gefunden werden. Wem Erfolg nachgesagt wird, dem fliegt er zu. Wenn Ihnen jemand einreden will, dass er in seinem Urteil nicht von der Umwelt beeinflusst wird – glauben Sie dem kein Wort. Wir alle sind Herdentiere. Wir wissen es letztlich auch.

Kurz’ Medien-Kontroll-
Räderwerk scheppert

Im Chaos zerbrochen. Das beeinflusst uns beim Handykauf, aber auch in den politischen Urteilen. Wenn alle Welt behauptet, Sebastian Kurz stehe für „Erneuerung“ und sei „talentiert“, dann beeinflusst das das Urteil und auch die Wahlumfragen.

Offensichtlich ist hingegen: Sebastian Kurz’ Ibiza-Koalition ist im Chaos zerbrochen. Er selbst wurde abgewählt. Sein Medien-Kontroll-Räderwerk scheppert nur mehr, seitdem seiner Partei die vielen Hundert Ministersekretärsposten abhandengekommen sind. Immer mehr Skandale der türkis-blauen Regierungszeit kommen ans Licht. Aber seine persönlichen Werte sind weiter beeindruckend. In der Kanzlerfrage liegt er bei 45 Prozent.

"Wird Kurz angegriffen, 
ist er das arme Opfer"

Parteien vor einem Dilemma. Bleibt es dabei, wird Kurz die Wahl gewinnen. Das stellt die konkurrierenden Parteien vor ein Dilemma. Eigentlich müssen sie alles tun, um Kurz von seinen hohen Zustimmungswerten herunterzuholen. Anderseits müssten sie sich dann dauernd auf die Person Kurz konzentrieren, was ihn erst recht zum Polit-König macht, um den sich ­alles dreht. Greifen sie ihn nicht an, bleibt er der nette Überflieger – greifen sie ihn an, dann stellt er sich hin und sagt, er sei das arme ­Opfer.

"Wie in einem schlechten Film über die Mafia"

Zweifellos eine bequeme Ausgangsposition. Aber so ganz ungefährdet ist auch der Möchtegern-Wieder-Kanzler nicht. Die ÖVP wirkt im Augenblick hypernervös. Das liegt vielleicht nur daran, dass Kurz ein Kontrollfreak ist, dessen Nerven schon flattern, wenn er nur ein bisschen die Kontrolle verliert – wie jetzt bei der seltsamen Affäre um einen Kanzler-Sekretär, der mutmaßlich illegal, weil unter Angabe eines falschen Namens, Festplatten schredderte und aussagt, er könne sich leider, leider nicht erinnern, wer ihm dafür die Anordnung gab – was man eigentlich nur aus schlechten Filmen über die Mafia kennt.

Neuerdings passieren 
sogar Kurz Schnitzer

Gefährliche Abgehobenheit. Menschen haben ein sensibles Gespür. Ja, Kurz ist populär, aber es weiß letztlich auch ein jeder, dass er ein spezieller Charakter ist, der durch Intrigantentum und schmutzige Tricks hoch kam.

Fast jeder, der mit Kurz zusammenarbeiten musste – von Mitterlehner bis Kern bis Kickl –, will mit ihm nie wieder etwas zu tun haben. Glaubt noch irgendwer, dass das immer nur an den anderen liegt? Neuerdings passieren ihm auch Schnitzer wie die Aussage, dass die Politik nur etwas für Leute wäre, denen Geld nicht wichtig sei. Ein österreichischer Bundeskanzler verdient 331.000 Euro im Jahr. Das als Taschengeld anzusehen, zeugt von gefährlicher Abgehobenheit.

Fass am Überlaufen

Was, wenn weitere, sogar krasse Machenschaften ans Licht kommen oder die Leute einfach das Gegeneinander satthaben, ohne das Kurz nicht auskommt?

Jeder Bauer kennt die Redewendung von der Regentonne: dass irgendwann ein Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt. Dann kippt alles, obwohl man vielleicht gar nicht weiß, warum gerade jetzt. Die größte Stärke von Kurz ist eigentlich nur mehr, dass sich viele Menschen bisher schwer jemanden von der Konkurrenz 
als Kanzler(in) vorstellen können.

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