Alma Zadic: ''Ich war ein Flüchtlingskind''

Justizministerin im Interview

Alma Zadic: ''Ich war ein Flüchtlingskind''

Justizministerin Alma Zadic erzählt im oe24.TV-Interview ihre unglaubliche Geschichte.

Die zehnjährige Alma Zadic, ein ehrgeiziges Kind, hört von ihrer Lehrerin, dass sie wohl sitzenbleiben muss. Sie ist erst seit Kurzem in Österreich – geflohen vor dem Krieg, der zu dieser Zeit in Bosnien tobt – und spricht daher noch nicht gut Deutsch. „Ich wollte sofort zeigen, was ich kann, aber ich hatte am Anfang den Eindruck, ich bin da nicht wirklich akzeptiert“, schildert die neue Justizministerin, heute 35 Jahre alt, im oe24.TV-Interview mit Wolfgang Fellner ihre Erfahrungen mit Integration hierzulande.Erst in einer anderen Schule, mit höherem Ausländeranteil, habe sie entsprechende Unterstützung erhalten. Ohne die, ist sich die Grüne sicher, „würde ich heute nicht hier sitzen“.

Video zum Thema: Alma Zadic bei Fellner! LIVE - Teil 2
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Hass im Netz

Doch bis heute ist Fremdenhass ein Thema für die Anwältin: Als sie als Ministerin angelobt wird, ist sie mit einer Flut an Hasspostings – und sogar Morddrohungen – konfrontiert. Jetzt ist Zadic mit Personenschutz unterwegs.

Die erste Ministerin mit Migrationshintergrund spricht auf oe24.TV über die traumatische Kriegszeit, ihren glücklichsten Moment nach der Flucht und darüber, wie sie als Justizministerin jetzt gegen Hass im Netz vorgehen will.

© TZOE/Tobi Bauer
Justizministerin Zadic im Interview mit ÖSTERREICH-Herausgeber Wolfgang Fellner.

Alma Zadic auf oe24.TV: "Mein Vater wusste nicht, ob wir noch leben ..."

Wolfgang Fellner: Sie sind mit zwei Personenschützern hier. Für Sie ein ungewohntes Gefühl?

Alma Zadic: Es ist wahnsinnig ungewohnt für mich und eigentlich auch nicht so üblich. Bei jedem neuen Minister gibt es eine Art Gefährdungseinschätzung und bei mir kam man zu dem Schluss, dass ich Personenschutz brauche.

Fellner: Was sehr unrühmlich ist für dieses Land. Die erste Ministerin mit Migrationshintergrund ist mit Hasspostings und sogar Morddrohungen konfrontiert. Haben Sie eigentlich Angst?

Zadic: Also ich muss sagen, mit den zwei äußerst professionellen Beamten, die jeden morgen vor der Tür auf mich warten und mich freundlich begrüßen, fühle ich mich eigentlich sehr sicher. Aber natürlich war es ein mulmiges Gefühl, wenn man liest: „Dera gherat a Kugel.“ Da denkt man sich schon: Was ist, wenn da einer dabei ist, der was macht?

Fellner: Frau Ministerin, Sie haben ja eine unglaubliche Geschichte. Sie sind inmitten des Bosnien-Krieges aufgewachsen.

Zadic: Ja, genau. Meine Familie ist 1994 nach Österreich gekommen. 1992 hat der Krieg begonnen und Tuzla – wo ich geboren wurde – war belagert, wurde immer wieder beschossen. Die ersten paar Monate des Krieges habe ich in einem Keller verbracht.

Fellner: Sie waren also ein Kriegskind, muss man sagen?

Zadic: Ich habe diese Erfahrung gemacht, ja.

Fellner: Ihr Vater ist dann voraus nach Österreich gegangen?

Zadic: Ja, weil das für die Familie zu gefährlich gewesen wäre. Ich habe ja noch einen vier Jahre jüngeren Bruder. Meine Eltern haben lange darüber diskutiert, dann ist der Papa Ende 1992 vorausgegangen. Und er war auch in Österreich, als alle Grenzen dichtgemacht wurden. Das heißt, er konnte nicht mehr zurück und wir konnten nicht mehr raus. Und die Kämpfe haben sich verstärkt.

Fellner: Das muss traumatisch sein für eine 10-Jährige …

Zadic: Für mich war es das. Ich habe eine sehr starke Beziehung zu meinem Vater und es war sehr belastend, dass er nicht da war. Für meinen Vater muss es aber noch schlimmer gewesen sein, weil er hier immer die Berichte gehört hat, dass Tuzla beschossen wird, und nicht gewusst hat, ob seine Kinder noch leben.

Fellner: Sie sind dann irgendwann mit einem UN-Flüchtlingskonvoi nachgekommen …

Zadic: 1994 sind wir mit dem ersten UN-Konvoi rausgefahren. Da waren ganz viele Kinder und Frauen dabei. Diese Reise von Tuzla nach Kroatien – das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen – hat damals zwei Wochen gedauert. Aber ich habe die Reise ehrlich gesagt verdrängt. Ich weiß nur noch, wie wir dann in Zagreb gelandet sind und am nächsten Morgen war der Papa da.

Fellner: Welche Erfahrungen mit Integration in Österreich haben Sie gemacht?

Zadic: Ich war zunächst auf einer Schule, wo ich gar keine Unterstützung bekommen habe. Ich war immer ein sehr ehrgeiziges Kind und wollte sofort zeigen, was ich kann – aber die Sprache konnte ich natürlich nicht. Ich hatte am Anfang den Eindruck, ich bin da nicht wirklich akzeptiert. Ich habe mich sehr fremd gefühlt. Wir sind dann umgezogen und ich kam in eine Schule, wo der Ausländer-Anteil viel höher war. Dort habe ich dann unglaubliche Unterstützung erfahren. Ich bin überzeugt davon: Wenn ich damals nicht in diese Schule gekommen wäre, würde ich heute nicht hier sitzen.

Fellner: Sie haben aber auch rasch die Schattenseiten des Landes kennengelernt, oder?

Zadic: Ja, ich kann mich da ganz gut an eine Straßenbahnfahrt erinnern. Der Straßenbahnfahrer hat zu mir gesagt: „Tschuschen brauchen wir hier nicht.“ Und das war für mich als 14-jähriges Mädchen, das einfach nur dazugehören und ein Teil der Gesellschaft sein will, aber dem gesagt wird „schleich dich“ – das war für mich sehr belastend. Ich erinnere mich noch genau: Ich habe mich dann dort hingesetzt und heimlich geweint.

Fellner: Und jetzt wollen Sie als Justizministerin gegen Hass im Netz vorgehen. Was planen Sie?

Zadic: Wir werden demnächst ein Maßnahmenpaket vorlegen. Darin wird vorgesehen sein, dass wir jenen Menschen, die nicht die Möglichkeit haben, gegen Hasspostings vorzugehen, die nötigen Instrumente in die Hand geben. Derzeit handelt es sich beispielsweise bei übler Nachrede oder Beleidigung um Privatanklagedelikte. Das bedeutet, dass das Kostenrisiko beim Opfer liegt. Da soll es Erleichterung geben.

Fellner: Braucht es aus Ihrer Sicht eine Klarnamenpflicht?

Zadic: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir es auch anders schaffen. Wir brauchen diese Klarnamenpflicht nicht, weil interessanterweise viele Hasspostings unter echtem Namen veröffentlicht werden. Was wir sehr wohl machen müssen, ist Facebook, Google und andere Social-Media-Plattformen stärker in die Pflicht zu nehmen. Damit die von sich aus tätig werden und strafrechtliche Grenzüberschreitungen von sich aus melden.

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