"Posten-Schacher"

Wut-Lehrerin rechnet ab

Bildungsminister ist 'irritiert' von der Vorgehensweise seiner ehemaligen Ombudsfrau.

Wien. Das Ressort veröffentlichte am Montag jenen Bericht, für den die als „Wut-Lehrerin“ bekannt gewordene Susanne Wiesinger ein Jahr lang durch die Schulen des Landes tingelte. Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) hält das 137-Seiten-­Papier (s. re.) allerdings für unvollständig: Es enthält zwar Erfahrungsberichte über kulturelle Konflikte in den Klassen, doch politisch relevante Empfehlungen fehlen noch.

Was sich in dem Wiesinger-Bericht auch nicht findet, ist, was die „Ombudsfrau für Wertefragen und Kulturkonflikte“ vom Bildungsministerium hält. Das schrieb die Wiener Lehrerin stattdessen im gestern erschienenen Buch Machtkampf im Klassenzimmer nieder – dafür wurde sie von Faßmann gefeuert. Die besten Passagen im Buch:

  • Über Postenschacher: „Um Fragen, wie unsere Schulen für die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen vorbereitet werden, geht es eigentlich nie. Es geht um Posten, Macht und die eigene ­Karriere.“
  • Über Message Control: „Selbst in Gesprächen mit Lehrern sollte ich nicht von der parteipolitischen Linie des Kabinetts abweichen.“
  • Über Kritik an Deutschklassen: „Davon wollte das schwarze Kabinett nichts wissen, denn das passte nicht in sein ideologisches Konzept.“
  • Sie nahm Druck seitens der ÖVP wahr: „Meine Arbeit sollte ausschließlich die politischen Positionen der Volkspartei untermauern – das war jedenfalls mein Eindruck. (…) Ab dem Zeitpunkt, als klar war, dass ich bei diesem Spiel nicht mitmachen würde, fühlte ich mich unter Beobachtung.“
  • Sie kritisiert aber auch die SPÖ: „Dass meine Arbeit von den Roten so umfassend wie möglich boykottiert werden würde, hatte ich befürchtet. Ausmaß und Vorgehensweise haben mich dann aber doch überrascht.“
  • Über das Bildungssystem: „In unseren Klassenzimmern spielt sich tagtäglich eine bildungspolitische Katastrophe ab. Die soziale Sprengkraft dieser jahrelangen eklatanten Fehlentwicklung wird leider nicht erkannt. So produzieren wir, so hart es klingen mag, eine ungebildete Schicht an Mindestsicherungsempfängern.“

Ihr Bericht: Das prangert Wiesinger an

Wiesinger berichtet auf 137 Seiten über Kulturkonflikte in Schulen. Bei 39 Schulbesuchen führte sie insgesamt 158 persönliche Gespräche dafür.

  • Diskriminierung: Wie­singer kommt zu dem Schluss, dass insbesondere weibliche Lehrkräfte und Schulleiter oft mit Diskriminierung zu tun oder mit fehlendem Respekt zu kämpfen hätten. Sie empfiehlt anonyme Erhebungen an den Schulen über Rassimus sowie den Einsatz von „Brückenbauern“ ebendort.
  • Gewalt: 847 Anzeigen und 875 Polizeieinsätze habe es 2017/18 wegen schwerer Gewaltvorkommen an Schulen gegeben. Ermah­nungen oder Suspendierungen würden oft nicht reichen, so Wiesinger.
  • Religion: Der Ombudsfrau wurde in den Gesprächen zugetragen, dass Re­ligionszugehörigkeit bei Schülern zunehmend wichtiger erachtet werde als Nationalität und bei manchen über dem Recht stünde. Das spalte die Klassen und gestalte u. a. den Turnunterricht schwierig.

Wiesinger: »Ich bin doch kein wütender Maulwurf«

Ansage. So verteidigt sich Susanne Wiesinger in einem Interview mit der APA.

Über Parteifilz: „ÖVP und SPÖ sind die dominierenden Parteien im Schulsystem. Dauernd arbeiten sie gegeneinander. Das wirkt sich deutlich auf die Arbeit in den Schulen aus.“

…Druck: „Man ist nicht an Lösungen interessiert, sondern am Durchziehen des parteipolitischen Programms. Somit kommen schwarze Schulleiter unter Druck, ebenso wie rote. Es gibt keine parteiunabhängigen Schulleiter.“

…Konsequenzen: „Lehrer werden zerrieben im Kampf zwischen Bildungsdirektionen und Ministerium. Es ist ein Klima der Ausgrenzung und die Schulleiter zittern vor Konsequenzen.“

…Maulwurf: „Ich bin kein wütender Maulwurf. Ich brenne nur dafür, Probleme kontruktiv und öffentlich zu diskutieren. Auch bin ich keine Wutlehrerin. Aber die Probleme dieses Systems müssen öffentlich werden.“

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