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Annie Ernaux erhält den Literaturnobelpreis 2022

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Die französische Autorin wurde am Donnerstag in Stockholm als die Preisträgerin ''für den Mut und die klinische Schärfe, mit der sie die Wurzeln, Entfremdungen und kollektiven Fesseln der persönlichen Erinnerung aufdeckt'' gewürdigt. 

Stockholm. Die französische Autorin Annie Ernaux erhält den Literaturnobelpreis 2022. Die 82-Jährige wurde am Donnerstag in Stockholm "für den Mut und die klinische Schärfe, mit der sie die Wurzeln, Entfremdungen und kollektiven Fesseln der persönlichen Erinnerung aufdeckt" gewürdigt. Arnaux war zuletzt in den Quoten der Wettbüros hinter Anne Carson und Michel Houellebecq auf Platz drei geführt worden.

Ernaux glaube an die befreiende Kraft des Schreibens, hieß es von der Akademie. Sie schreibe kompromisslos und in klarer, sauberer Sprache. Mit großem Mut und klinischer Schärfe offenbare sie die Qual der Klassenerfahrung und beschreibe unter anderem Scham, Demütigung und Eifersucht.

Wir haben Annie Ernaux bisher noch nicht telefonisch erreicht. Aber wir sind sicher, dass sie die Nachricht bald erhalten wird", sagte Mats Malm, Sekretär der Schwedischen Akademie bei der Bekanntgabe. Sie erfuhr erst kurz darauf durch einen Anruf der schwedischen Nachrichtenagentur TT von der Auszeichnung, wie die Agentur berichtete. "Nein! Wirklich?", sagte sie nach TT-Angaben. "Ich habe heute Morgen gearbeitet und das Telefon hat die ganze Zeit geklingelt, aber ich bin nicht dran gegangen", sagte sie demnach und ergänzte: "Ich höre es jetzt die ganze Zeit klingeln."

"Ich war sehr überrascht...", berichtete Ernaux dem schwedischen Sender SVT. "Es ist eine große Verantwortung ... zu bezeugen, nicht unbedingt in Bezug auf mein Schreiben, sondern mit Genauigkeit und Gerechtigkeit in Bezug auf die Welt zu bezeugen."

Neuauflagen geplant

Im Suhrkamp Verlag rechnet man damit, dass die auf Deutsch übersetzten Bücher schon im Verlaufe des heutigen Tages nicht mehr lieferbar sein werden. Für alle im Verlag erschienenen Bücher von Ernaux seien Neuauflagen geplant. In den kommenden Tagen erscheint "Das andere Mädchen", die Übersetzung des 2011 erschienenen Romans "L'autre fille". Als Taschenbuch kommt zudem "Das Ereignis", die Geschichte einer schwangeren jungen Frau, die im Frankreich der 60er-Jahre versucht, Wege für eine Abtreibung zu finden. Die Verfilmung des Romans durch die Französin Audrey Diwan gewann 2021 den Goldenen Löwen der Filmfestspiele Venedig. Der heuer bei Gallimard erschienene Roman "Le jeune homme" ist noch nicht auf deutsch erschienen.

Verliehen wird die mit zehn Millionen Schwedischen Kronen (rund 925.000 Euro) dotierte Auszeichnung am 10. Dezember, dem Todestag des schwedischen Dynamiterfinders und Preisstifters Alfred Nobel. Im Vorjahr ging der Preis an den aus Sansibar stammende Autor Abdulrazak Gurnah, im Jahr davor wurde die US-Lyrikerin Louise Glück ausgezeichnet.

Annie Ernaux: Die "Ethnologin ihrer selbst"

Annie Ernaux hat erst in den vergangenen Jahren breite Popularität erhalten. Mit ihren autofiktionalen Arbeiten thematisiert sie als "Ethnologin ihrer selbst" (Eigendefinition) soziale Ungleichheit und Klassenerfahrungen und wurde damit zum Vorbild für Kollegen wie Didier Eribon und Edouard Louis.

Ernaux wuchs als Arbeiterkind in der Normandie auf und studierte in Rouen und Bordeaux. Sie arbeitete als Gymnasiallehrerin und veröffentlichte 1974 mit "Les Armoires vides" ihren ersten autobiografischen Roman. Seither sind rund 20 Romane erschienen, darunter "Les Années" (2008) und "Mémoire de fille" (2016). Zuletzt wurde die Verfilmung ihres 2000 erschienenen Romans "L'événement" breit rezipiert. Darin beschreibt sie, wie sie als Studentin 1963 schwanger wird. In einer Zeit und einem Land, in dem Abtreibung verboten ist, versucht sie, das in ihr heranwachsende Kind nicht zu bekommen. Die Verfilmung durch die Französin Audrey Diwan gewann 2021 den Goldenen Löwen der Filmfestspiele Venedig und sorgte auch aufgrund der unübersehbaren Parallelen zu aktuellen Entwicklungen wie etwa in den USA für Diskussionen.

Dramatisierung ihres Romans "Die Scham"

Auch in den Theatern wurden Dramatisierungen ihrer Bücher immer wieder gespielt. So bereitet am Volkstheater Wien derzeit Ed Hauswirth eine Dramatisierung ihres Romans "Die Scham" vor. Premiere ist am 29. Oktober in der "Dunkelkammer" des Hauses.

Im Frühjahr erhielt Ernaux den 13. Würth-Preis für Europäische Literatur - "für die Unerschrockenheit, mit der sie ihre Erfahrung in ihrer Autofiktion protokolliert, und für die Klarheit ihres Blickes auf Gesellschaft und kollektives Gedächtnis". Die schwedische Akademie würdigte sie nun "für den Mut und die klinische Schärfe, mit der sie die Wurzeln, Entfremdungen und kollektiven Fesseln der persönlichen Erinnerung aufdeckt".

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