Wahnsinn Damaskus

Syrien: »Sie töten sich alle gegenseitig«

Isabelle Daniel berichtet unter Lebensgefahr vom Aufstand in Syrien.

„Schauen Sie, bei uns kämpfen Saudi-Araber, Iraner und alle anderen. Da gibt es keinen Ausweg mehr. Die bringen sich alle gegenseitig um und das Volk blutet aus“, sagt der Sunnit Ahmed. Er spricht aus, was die stille Mehrheit in Syrien nach 18 Monaten Aufstand gegen den Diktator Bashar al-Assad denkt. 25.000 Tote später ist die Bevölkerung müde. Die Rebellen zeigen ihre ermordeten Kämpfer. Das Regime führt Journalisten in Militärspitäler, um junge Männer mit amputierten Beinen vorzuführen.
Und beide Seiten begraben täglich mehr. Allein im August sollen bis zu 5.800 Menschen in Syrien in Kämpfen ums Leben gekommen sein.
Beim ÖSTERREICH-Lokalaugenschein im Bürgerkriegsland wird jedenfalls schnell klar, dass beide Seiten in diesem Konflikt zu brutalem Mord greifen: In Jeremana etwa, einer christlichen Hochburg zehn Kilometer von Damaskus entfernt, haben radikale Milizen der Rebellen fünfmal in sieben Tagen Bomben hochgehen lassen und Zivilisten getötet.

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Das syrische Regime wiederum geht Tag für Tag und Nacht für Nacht in Rebellengebieten um Damaskus mit schwerer Artillerie gegen die Aufständischen vor. In Damaskus beben immer wieder Fenster und Terrassen. Immer wieder umschwirren Helikopter die Stadt. Und wenn es dunkel wird, kommen die Sniper – von beiden Seiten – aus ihren Verstecken und töten. Eltern trauen sich nicht mehr, ihre Kinder in die Schulen zu schicken – aus Angst, diese könnten sonst ins Visier der Scharfschützen geraten. Immer mehr Menschen hier sind ohne Arbeit, ohne Perspektive. Als Europäer wird man ständig darauf angesprochen, ob man „uns nicht ein Visum beschaffen kann“. Viele Syrer wollen ihr Land verlassen und „nicht in diesem sinnlosen Krieg sterben“, sagt Aisha, einst glühende Aktivistin.
Die Rebellen haben zunehmend islamistische Milizen, die für einen „Gottesstaat“ kämpfen. In Syrien tobt auch ein Krieg der Religionen: radikale Sunniten gegen Schiiten-Fundis, Alawiten und Christen. Die Alawiten (Assad gehört dieser religiösen Minderheit an) kämpfen indes unerbittlich um den Machterhalt. „Sonst werden wir alle getötet“, sagt mir ein Alawit aus dem System.
Syriens Regime hat Damaskus noch unter Kontrolle. In den Vororten gibt es aber bereits ganze Viertel, die von der „Freien Syrischen Armee“ kontrolliert werden. In der Nähe eines dieser Viertel hielt mich Syriens Geheimdienst fest – angeblich, um „eine Entführung durch Dschihadisten zu verhindern“. Dafür wurden gleich acht Männer mit Maschinengewehren um uns postiert. Die Nerven im 24-Millionen-Einwohnerland liegen eben blank. Die FSA wiederum hat die zivilen Flughäfen in Damaskus und Aleppo „zu legitimen Zielen“ deklariert. Sie wollen „Flieger abschießen, um Waffenlieferungen zu stoppen“.
Immer mehr Airlines – nur noch arabische Linien fliegen Syrien an – stoppen daher den Flugverkehr in das Kriegsland. Auch ich musste das Land daher ungeplant über den Landweg verlassen. Die Route in den nahen Libanon ist gespenstisch ruhig – doch jeder weiß, dass dort die Kämpfer der radikalen libanesischen Hisbollah für Assad für „Ordnung“ sorgen. An der Grenze warten „Tausende von Menschen“. Sie wollen „einfach nur raus, um weiterzuleben“.

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Isabelle Daniel in Damaskus. Die ÖSTERREICH-Reporterin wurde festgenommen – musste das Land am  Landweg verlassen.

 

                                    So tickt der Assad-Clan

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Seit 40 Jahren regiert der Clan von Syriens aktuellem Präsidenten Bashar al-Assad das Land. Der Augenarzt ist offiziell die Nummer eins, ein Regimeinsider berichtet ÖSTERREICH jedoch davon, dass „in Wirklichkeit sein Bruder Maher und die Mutter die Fäden ziehen.“ Maher Assad dirigiert die brutale vierte Division in Syrien. Und er soll hinter den Kulissen auch für die „Präsidentengarde“ verantwortlich sein. Diese verlässt Damaskus nie. Und wird die Hauptstadt bis zum bitteren Ende verteidigen. Assad, seine Frau Asma und die drei gemeinsamen Kinder sollen ebenso wie Assads Mutter noch in Damaskus sein, sagt der Insider. Anisa Assad soll sich für „mehr Härte gegen die Rebellen aussprechen“, behauptet der Regime-Mann. Sie war schließlich Zeugin, wie ihr Mann Hafez al-Assad, 1982 brutal gegen einen geplanten Aufstand der Moslembrüder gegen ihn vorgegangen sei. Der damalige Präsident Syriens ließ bis zu 20.000 Menschen in nur einer Woche in Hama ermorden.
 

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