Y Chromosom

Massiver Genverlust

"Y-Chromosom ist Schrott": Sterben Männer aus?

Der massive Genverlust wird von einigen Genetikern als Indiz gewertet, dass das Y-Chromosom eines Tages endgültig verschwinden wird.

Während die weiblichen X-Chromosome aus rund 1.000 gesunden Genen bestehen und bei Frauen zwei Mal auffindbar sind, haben Männer fragile Y-Chromosomen. Das Y-Chromosom hatte einst genauso viele Gene inne. Doch ihre Zahl verringerte sich über Millionen von Jahren auf weniger als 100. Eine frühere Studie der Wissenschaftlerin Jenny Graves der "Australian Academy of Science", ging daher davon aus, dass Männer in fünf Millionen Jahren aussterben würden. Die Forscherin meint, das männliche Chromosom sei “Schrott” und ein evolutionärer Unfall. Neuere Studien gehen aber davon aus, dass das Y-Chromosom stabiler ist als bisher angenommen und Männer auf eine erfolgreiche Zukunft hoffen können. 

Wenn Männer jedoch aussterben, ist das Ablaufdatum der Frauen auch nicht weit entfernt. Graves vermutet jedoch, dass während sich das Y-Chromosom allmählich auflöst, ein neues entstehen wird und sich somit eine neue menschliche Spezies entwickelt. Doch längst nicht alle Wissenschaftler stimmen Graves Erkenntnissen zu.

Y-Chromosom kein Auslaufmodell

Andere Studien zeigen, dass das Y-Chromosom, das im Erbgut einen Mann kennzeichnet, ist stabiler als bisher angenommen. Ein Vergleich verschiedener Tierarten zeige, dass eine Reihe von Genen auf dem Y-Chromosom viele Millionen Jahre überlebt hat, berichteten Forscher im Fachmagazin "Nature".
 
Die Gene hätten nicht nur mit dem Hoden oder der Spermienproduktion zu tun, betonten die Wissenschafter. "Auf dem Y-Chromosom sind etwa ein Dutzend Gene erhalten geblieben, die in Zellen und Geweben im ganzen Körper wirksam werden", wird David Page vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge (US-Staat Massachusetts) in einer Mitteilung seiner Universität zitiert. "Die Evolution zeigt uns, dass diese Gene wirklich wichtig für das Überleben sind", ergänzte Pages Kollege Daniel Bellott, Erstautor der Studie.
 
Eine frühere Studie hatte gezeigt, wie dramatisch der Genverlust auf dem Y-Chromosom in 300 Millionen Jahren Evolution war: Nur 19 von 600 Genen, die es ursprünglich mit dem X-Chromosom teilte, blieben demnach erhalten. Von diesen aber hat das menschliche Y-Chromosom dann in den vergangenen 25 Millionen Jahren lediglich eines verloren, schrieben die Wissenschafter. Der massive Genverlust wird von einigen Genetikern als Indiz gewertet, dass das Y-Chromosom eines Tages endgültig verschwinden wird.

Genpaare im Erbgut von Tieren verglichen

Page, Bellott und weitere Mitglieder der Forschungsgruppe untersuchten Gene, die sowohl auf dem Y- als auch auf dem X-Chromosom vorkommen. Sie verglichen diese Genpaare im Erbgut von Tieren, die in verschiedenen Graden mit dem Menschen verwandt sind: Schimpansen, Rhesusaffen, Weißbüschelaffen sowie Mäuse, Ratten, Hausrinder, Beutelratten und Hühner.
 
Aus ihren Ergebnissen schließen die Forscher, dass die im Menschen erhaltenen X-Y-Genpaare die Übersetzung von Genen in Eiweiße und deren Stabilität regulieren. Die Gene der X-Y-Paare funktionieren nur in doppelter Ausführung, ein Gen allein reicht nicht.
 
Zu einem ähnlichen Ergebnis zur Funktion der langlebigen Gene kommt auch eine Gruppe um Henrik Kaessmann und Diego Cortez von der Universität Lausanne in der Schweiz. Sie verglich Gene der Geschlechts-Chromosomen von 15 Säugetier- und vier Vogelarten miteinander. Dabei ermittelten die Forscher, dass das bei den Säugetieren geschlechtsbestimmende Gen SRY rund 180 Millionen Jahre alt ist.
 
David Page und sein Team wollen nun herausfinden, was die langlebigen Gene auf dem Y-Chromosom genau bewirken. "Es gibt einen deutlichen Bedarf, in der biomedizinischen Forschung über das geschlechtsunabhängige Modell hinauszugehen", unterstrich Page. Krankheiten, die bei Männern und Frauen unterschiedlich ausgeprägt sind, müssten genauer untersucht werden. Dazu gehört etwa das Turner-Syndrom, bei dem die Patientinnen nur über ein X-Chromosom verfügen.


OE24 Logo
Es gibt neue Nachrichten