Experte:

"Es gibt keine fremdentypische Kriminalität"

Die Kleinkriminalität in Österreich steigt - auch jene begangen von Asylwerbern, lautete in den vergangenen Tagen der Tenor von Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP) und dem Bundeskriminalamt. Dem widerspricht nun der Kriminalsoziologe Reinhard Kreissl. "Es gibt keine fremdentypische Kriminalität", sagte der Experte am Dienstag der APA.

Keine Rolle
Der von Sobotka "eingeführte Begriff Fremdenkriminalität spielt weder in der polizeilichen, noch in der juristischen Systematik eine Rolle", kritisierte Kreissl. "Durch diese Rhetorik schafft man eine diskriminierende Unterscheidung, die politisch problematisch ist", konstatierte der Soziologe. "Das Merkmal Fremder erklärt überhaupt nichts. Das Merkmal Armut sehr wohl. Das ist Armutskriminalität, meinetwegen auch Jugendkriminalität", sagte Kreissl. "Wenn ich zum Billa gehe und ein Weckerl stehle, hat das nichts damit zu tun, dass ich aus Syrien komme, sondern damit, dass ich Hunger habe", erklärte der Soziologe.

"Die Ausländer sind insgesamt nicht krimineller als die Inländer." Diebstahl, Raub und weitere Delikte auf der Straße "sind ein Problem von jungen Männern zwischen 15 und 25 Jahren, die unter schlechten sozialen Bedingungen leben und keine Bildung, keinen Job und keine Perspektiven haben", sagte Kreissl. Die gestiegenen Zahlen seien "schlichtweg darauf zurückzuführen, dass mehr Jugendliche im kriminalitätsgefährdeten Alter in Österreich sind", erklärte der Experte.

Größere Zahl von Asylwerbern
Zurückzuführen ist dies auf die größere Anzahl auf Asylwerbern. Dadurch steigt "natürlich insgesamt die absolute Zahl, aber der relative Anteil bleibt gleich". "Wenn Sie 100 Ausländer haben, sind zwei kriminell, bei 200 sind es vier. Wird eine Strichliste geführt, nimmt die Zahl zwar zu, aber die Ausländer sind dadurch nicht krimineller." Der Soziologe forderte "Zugang zum Arbeitsmarkt und Integrationsmaßnahmen". Gebe es mehr "perspektivlose Österreicher, würde die Zahl genauso ansteigen", sagte Kreissl.

Noch dazu sei in den vergangenen zehn, 15 Jahren in allen westlichen Gesellschaften die Kriminalität insgesamt zurückgegangen. Erklärbar sei dies mit dem demografischen Wandel, "die Gesellschaft wird älter, es gibt mehr über 60-Jährige als unter 20-Jährige", erklärte der Soziologe.

Erregungserotik
In den Medien ist zunehmend von Kriminalitäts-Hotspots zu lesen, wie etwa dem Praterstern oder auch die U6 entlang des Gürtels in Wien, die Öffentlichkeit ist vermehrt besorgt. "Es gibt eine Erregungserotik, die sich breit macht", konstatierte Kreissl. "Hier muss man die Luft rauslassen". Der Soziologe sprach von sogenanntem "Junkie-Jogging". Immer wieder komme es zur Verlagerung der Szene, beispielsweise am Karlsplatz sei die Lage mittlerweile ruhig. "Es dauert dann ein Vierteljahr, bis die Medien und die besorgte Öffentlichkeit den nächsten Hotspot entdecken, dann geht das Spiel von vorne los." Ab Juni wird das Gesetz bezüglich Dealens auf der Straße verschärft. "Das sind nur kurzfristige Maßnahmen", sagte Kreissl. Insbesondere bei den Kleindealern "ist das der hilflose Versuch von perspektivlosen Jugendlichen, sich etwas dazuzuverdienen". Und "insgesamt gesehen, ist das Drogenproblem ein Gesundheitsproblem und kein Sicherheitsproblem", erklärte der Soziologe.

Für die Zunahme der Kriminalität spielen "mehrere Faktoren eine Rolle". "Diese muss man ins Feld führen, um der naheliegenden populistischen Rhetorik Einhalt zu gebieten", forderte Kreissl. In der "momentanen Erregung" ist beispielsweise die Bereitschaft, Anzeige zu erstatten, größer. Bereits nach den Silvesterattacken in Köln habe sich gezeigt, dass sich das Anzeigeverhalten geändert hat. "Wenn ein Thema so gehypt wird, sinkt die Schwelle für die Anzeigen. Aber die Welt hat sich nicht verändert", sagte der Soziologe.

   Innenminister Sobotka hat für Mittwoch einen Maßnahmenkatalog zur Kriminalitätsbekämpfung eingefordert. "Es wird vermutlich keine magische Formel geben, mit der er das Thema angehen kann", sagte Kreissl. "Der neue Innenminister hat nicht mehr Ressourcen und keine neuen Ideen."
 

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