1.9.1939

"Es herrschte eine amorphe Angst"

ÖSTERREICH: Herr Lendvai, welche Erinnerungen haben Sie noch an den Kriegsbeginn 1939?

Paul Lendvai: Ich lebte in Budapest, las aber, sooft ich konnte, die Zeitungen von meinem Vater. Er hörte die ausländischen Sender wie BBC oder die Stimme Amerikas und erzählte gelegentlich die Nachrichten. Die Angst, dass der Krieg auch auf die anderen Länder übergreift, war überall spürbar. Ein Zeichen, dass etwas Ominöses vorgeht, war für meine Familie aber nicht der 1.9.1939, sondern schon der Anschluss von Österreich 1938.

ÖSTERREICH: Wie war die Stimmung in Ungarn gegenüber dem Deutschen Reich?

Lendvai: Viele Ungarn haben sich durch die Wiener Schiedssprüche 1938 und 1940 blenden lassen. Zuerst haben Hitler und Mussolini Gebiete mit ungarischer Bevölkerungsmehrheit in der Südslowakei und in der Karpato-Ukraine von der Tschechoslowakei abgetrennt und Ungarn zugesprochen. Später hat Ungarn auch Nord-Siebenbürgen von Rumänien zurückbekommen. Dadurch herrschte anfangs Freude. Aber es wurde allmählich klar, dass man einen Preis zahlen und an der Seite Hitler-Deutschlands (erst freilich 1941) in den Krieg eintreten musste.

ÖSTERREICH: Konnten die Menschen beim Überfall von Polen schon abschätzen, dass das der Anfang des 2. Weltkrieges ist?

Lendvai: Dass die ganze Welt in Flammen aufgeht, wusste man noch nicht. Aber es war klar, dass nicht nur Polen betroffen ist. Deswegen herrsch­te eine amorphe, sehr schwer definierbare Angst. Nach dem Polenfeldzug gab es in Ungarn 100.000 Polen-Flüchtlinge. Sie erzählten von den Gräueltaten.

ÖSTERREICH: Sie zählen zur letzten Kriegsgeneration. Wie prägte der Krieg Ihr Leben?

Lendvai: Wenn man jung ist, erträgt man Entbehrungen leichter. Aber wir haben schon früh Verfolgung, Hunger und Tod erlebt. Vielleicht tritt meine Generation deswegen so vehement gegen Nationalismus auf. Wir kennen die Konsequenzen.

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