Morddrohungen gegen Anwalt

Inzest-Fall

Morddrohungen gegen Anwalt

„Ich bin fassungslos“, gesteht der Wiener Star-Anwalt Rudolf Mayer. Der Verteidiger mit jahrzehntelanger Erfahrung hat schon einige „Bestien“ vor Gericht vertreten – aber noch nie wurde ihm derart blanker Hass entgegengebracht. „Dass so etwas in Österreich möglich ist, hätte ich mir nie gedacht“, versichert Rudolf Mayer im ­ÖSTERREICH-Gespräch.

Attacken
Seit der Advokat den Fall Josef Fritzl vergangene Woche übernommen hat, erhält Mayers Kanzlei zahlreiche Droh-Mails. Da wird gefordert, dass man dem Anwalt die Zulassung entziehen möge oder dass der Verdächtige Fritzl für immer in ein Bergwerk eingesperrt gehöre.

Angriffe
Doch was Mayer wirklich zutiefst erschütterte, waren die teils unappetitlichen Angriffe gegen seine Person. „Welches Gewissen hat Ihre Kanzlei, wenn man solch eine Bestie, die das ganze Land hasst, verteidigt. Solche Menschen verdienen keine Verteidigung (...).“ Ein anderer Schreiber meint: „Wer kann unsere Kinder vor solchen Menschen schützen, wenn diese immer wieder einen Verteidiger finden.“ Weiter: „Ein Großteil der Rechtsanwälte gehören gleichzeitig mit der Bestie eingesperrt.“

Bestrafung
Eine Mail beunruhigte Mayer besonders: „Fritzl das Monster soll hingerichtet werden! Und du, Anwalt Mayer gehörst auch bestraft. Es werden einige, die während der Fußball-EM 2008 da sind, dich aufsuchen. Pass auf dich auf! Wir werden dich finden!“ Und sogar aus Großbritannien kam ein Anruf: „Ganz im Ernst, wir wollen solche Perversen wie Fritzl nicht. Wir wollen auch solche Advokaten nicht. Pass auf dich auf!“ Angesichts dieser Einschüchterungen kommt der ansonst so wortgewandte Verteidiger erstmals ins Stocken. „Dass man den Verteidiger mit dem Täter identifiziert, ist mir völlig unerklärlich. Der Verteidiger, der zum Beispiel einen Mörder vertritt, heißt das Töten um Himmelswillen doch nicht gut! Was ist das für ein Verständnis von unserem Rechtsstaat?“

Verständnisvoll
Aber auch positive Nachrichten wurden an Mayer geschickt. Da schreibt zum Beispiel ein Engländer: „Das Recht auf Verteidigung muss man schützen. Ich sende Ihnen die besten Wünsche für Ihre Bemühungen, die Wahrheit hinter der Emotion zu finden.“

Toughe Staatsanwältin
Staatsanwältin Christiane Burkheiser wird Josef F. nach dem Inzest-Drama jedenfalls schweren sexuellen Missbrauch, Vergewaltigung und Freiheitsberaubung zur Last legen. Sie ist erst seit zehn Monaten im Amt und kommt jetzt praktisch durch "Zufall" zu diesem Fall. Am Mittwoch wird sie erstmals Josef Fritzl verhören.

Lebenslang droht
Gut möglich auch eine Anklage wegen „Mord durch Unterlassung“. Denn Fritzl hat ein krankes Baby, das er mit seiner Tochter Elisabeth gezeugt hatte, vor 12 Jahren im Keller sterben lassen, ohne einen Arzt zu holen. Anschließend verbrannte er das Kind in einem Heizkessel. Im für ihn besten Fall kommt der 73-Jährige mit 15 Jahren Haft davon; geht die Mordanklage durch, droht ihm lebenslänglich.

Taktik
Das ist nahezu eine „Mission Impossible“ für Fritzls Anwalt Rudolf ­Mayer, da dagegenzuhalten. Die Strategie des gewieften Advokaten: „Meiner Meinung nach ist Josef Fritzl psychisch krank und gehört nicht ins Gefängnis, sondern in eine geschlossene psychiatrische Anstalt.“

Gutachten
Über den Geisteszustand – und damit die Schuldfähigkeit des Inzest-Vaters – wird das Gericht ein Gutachten in Auftrag geben. Fritzls Verteidiger dazu: „Falls diese Expertise nicht die Persönlichkeit widerspiegelt, erwäge ich, einen zweiten Sachverständigen zu beauftragen.“ Das Wichtigste für den Verteidiger: „Erstens die Mordanklage wegzukriegen und zweitens ein faires Verfahren. Denn ich vertrete kein Monster, sondern einen Menschen.“

Sensation
Die Idee hinter der Taktik: Wird Fritzl durch Gutachten für nicht zurechnungsfähig erklärt, gibt es überhaupt keinen Strafprozess. Denn der Inzest-Vater würde dann in einer Nervenklinik untergebracht werden. Noch unglaublicher: Eine Kommission aus Ärzten und Juristen müsste jedes Jahr über seinen Geisteszustand befinden. Und hielten ihn die Experten ­irgendwann für geheilt, wäre er sofort ein freier Mann.

Maßnahme
Weitere Möglichkeit: Gutachten attestieren Fritzl eine „gestörte Persönlichkeit“, erkennen ihn aber als zurechnungsfähig. Dann muss der Angeklagte seine Haftstrafe abbüßen, aber danach noch – unbefristet – in eine Sonder­anstalt für abnorme Rechtsbrecher. Für den 73-Jährigen gleichbedeutend mit ­lebenslang.

Keine Kommentar der Gutachterin
Adelheid Kastner, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, die das Gutachten durchführen wird, wollte sich vorerst nicht zu dem Fall äußern. Sie meinte aber, dass Umgang mit der Sache für sie "nichts Neues" wäre, zu lange wäre sie schon im "Geschäft". Wie lang ein solches Gutachten dauern würde, konnte sie nicht sagen. So etwas kann Tage aber auch nur Stunden dauern, das käme auf die Komplexität des Falles an.

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