Nussbaumers Mutter

"Mein Sohn könnte noch leben!"

Immer wieder lässt Maria Nussbaumer, Mutter des sechzehn Monate lang im Südirak verschollenen Bert, einen Stoßseufzer los. Es ist ein trister Konferenzraum im Dutzendhotel „Comfort Inn“ nahe dem Airport der US-Midwestmetropole Minneapolis. Familienmitglieder von weiteren vier Nussbaumer-Kollegen starren fassungslos – wie auch die österreichische Geiselmutter, die von Sohn Franz nach Amerika begleitet wurde – auf einen Aktenordner voll brisanter Unterlagen.

Fünf Opfer, darunter auch Bert Nussbaumer, sind bereits offiziell für tot erklärt – und die neuen Dokumente illustrieren, dass sie leicht gerettet werden hätten können. „Das ist nicht zu ertragen“, schüttelt Maria Nussbaumer den Kopf beim exklusiven ÖSTERREICH-Interview, wo sie offen über ihre Trauer und ihre Wut auf die FBI-Agenten spricht.

ÖSTERREICH: Von den US-Angehörigen wurden Details einer regelrechten Pannenserie bekannt. Ihre Reaktion dazu?

Maria Nussbaumer: Nach all dem, was ich jetzt gerade erfahre – wie viele Möglichkeiten vertan, wie viele Chancen verpasst wurden, wie das FBI die Hilfe von anderen plump abgelehnt haben könnte –, kann ich nur sagen: Ich bin enttäuscht und wütend! Und traurig! Was ich hier erfahren habe über all die Pannen und die mögliche Gleichgültigkeit der US-Fahnder gegenüber den Opfern: Es ist ein glatter Wahnsinn. Vor allem wenn man erfährt, dass vielleicht nicht alle Hand in Hand ge­arbeitet haben. Dass Infos nicht untereinander ausgetauscht worden sind. Dass jeder seine eigene Suppe kocht und dadurch Chancen verpasst wurden! Ich bin enttäuscht und aufgebracht.

ÖSTERREICH: Wurden Sie ausreichend informiert?

Nussbaumer: Seitens der österreichischen Behörden fühlte ich mich gut informiert. Doch die konnten nur weitergeben, was ihnen das FBI übermittelt. Und das war eher dürftig. Zusätzlich könnten die auch etwas zügiger handeln. Das mit den Fingerabdrücken zum Beispiel: Da hatten wir von den US-Familien bereits am 23. Februar Bescheid bekommen, und die österreichischen Behörden sollten das erst zwei Wochen später offiziell erfahren.

ÖSTERREICH: Was war für Sie das Schwerste?

Nussbaumer: Das Spekulieren in den Medien, diese vielen Informationen, die herumschwirrten – man wusste nie, was ist echt, was sind Gerüchte. Am Ende wusste ich nicht mehr, was ich glauben sollte. Die bohrende Unsicherheit war schlimm, und das sechzehn Monate lang. Das Problem war, dass die Österreicher auf die Informationen der Amerikaner angewiesen waren – und die sehr knausrig damit umgingen.

ÖSTERREICH: Haben Sie das Gefühl, dass der Staat Österreich genug versucht hat, um Bert freizubekommen?

Nussbaumer: Es wurde uns immer versichert, dass alles Menschenmögliche getan wird.

ÖSTERREICH: Gab es Details?

Nussbaumer: Wir wurden unterrichtet, wann immer jemand in den Irak geschickt worden ist. Das lief aber eher über die diplomatischen Beziehungen. Auch der Heeresnachrichtendienst soll aktiv geworden sein. Und alles blieb stets ergebnislos. Es ist für uns schwer abzuschätzen, ob alles getan wurde. Aber ich muss es glauben,

ich habe ja keine Wahl. Ich habe bei den Besuchen von Vertretern des Außenamtes gefleht: „Wird alles Menschenmögliche getan?“ Und es wurde mir versichert: „Wir gehen jedem Hinweis nach, jeder kleinsten Information.“

ÖSTERREICH: Was sind Ihre Gedanken zu den Entführern?

Nussbaumer (beißt die Lippen zusammen): Ich kann mir das gar nicht mehr vorstellen! Wie das jemand fertigbringen kann. Die müssen derart hasserfüllt sein. Es ist schwer zu begreifen ...

ÖSTERREICH: Wie stehen Sie die USA-Reise zu den Familien von Berts Kollegen durch?

Nussbaumer: Die Familien sprechen sich Trost zu. Es ist ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das uns allen hilft. Es ist gut, in diesen schweren Stunden hier zu sein.

ÖSTERREICH: Was war Ihr Gefühl in Bezug auf Berts Chancen?

Nussbaumer: Ich habe bis zuletzt immer noch Hoffnung gehabt. Ich wollte einfach nicht aufgeben! Ich glaubte so lange an die Chance, dass er doch noch am Leben ist, bis das Gegenteil bewiesen war. Vor wenigen Stunden waren meine letzten Informationen noch, dass Bert nicht unter den zur Identifikation anstehenden Körpern sein soll. So hoffte ich doch noch auf ein Wunder! Aber es war eine emotionale Qual. Besonders nachdem es jetzt laufend Nachrichten gibt über die Bekanntgabe von Namen weiterer Leichen, die ja auch Berts Arbeitskollegen waren. Oft plagten mich – vor allem während der langen Phasen, wo es überhaupt keine Nachrichten gab – Zweifel.

ÖSTERREICH: Wann hatten Sie zuletzt Kontakt mit Bert?

Nussbaumer: Eine Woche vor der Entführung. Er war fröhlich, hat sich über nichts beschwert. Er wusste, dass es dort nicht ungefährlich ist. Aber er klang nicht besorgt. Ein ganz normales Gespräch: „Hallo, wie geht es dir?“ und so weiter. Dann machte ich mir Sorgen, da er sich nicht meldete. Und dann hörte ich die schlimmen Nachrichten im Radio. (bah)

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