29. März 2008 08:52
Immer wieder lässt Maria Nussbaumer, Mutter des sechzehn Monate lang im
Südirak verschollenen Bert, einen Stoßseufzer los. Es ist ein trister
Konferenzraum im Dutzendhotel „Comfort Inn“ nahe dem Airport der
US-Midwestmetropole Minneapolis. Familienmitglieder von weiteren vier
Nussbaumer-Kollegen starren fassungslos – wie auch die österreichische
Geiselmutter, die von Sohn Franz nach Amerika begleitet wurde – auf einen
Aktenordner voll brisanter Unterlagen.
Fünf Opfer, darunter auch Bert Nussbaumer, sind bereits offiziell für tot
erklärt – und die neuen Dokumente illustrieren, dass sie leicht gerettet
werden hätten können. „Das ist nicht zu ertragen“, schüttelt Maria
Nussbaumer den Kopf beim exklusiven ÖSTERREICH-Interview, wo sie offen über
ihre Trauer und ihre Wut auf die FBI-Agenten spricht.
ÖSTERREICH: Von den US-Angehörigen wurden Details einer regelrechten
Pannenserie bekannt. Ihre Reaktion dazu?
Maria Nussbaumer: Nach all dem, was ich jetzt gerade erfahre – wie viele
Möglichkeiten vertan, wie viele Chancen verpasst wurden, wie das FBI die
Hilfe von anderen plump abgelehnt haben könnte –, kann ich nur sagen: Ich
bin enttäuscht und wütend! Und traurig! Was ich hier erfahren habe über all
die Pannen und die mögliche Gleichgültigkeit der US-Fahnder gegenüber den
Opfern: Es ist ein glatter Wahnsinn. Vor allem wenn man erfährt, dass
vielleicht nicht alle Hand in Hand gearbeitet haben. Dass Infos nicht
untereinander ausgetauscht worden sind. Dass jeder seine eigene Suppe kocht
und dadurch Chancen verpasst wurden! Ich bin enttäuscht und aufgebracht.
ÖSTERREICH: Wurden Sie ausreichend informiert?
Nussbaumer: Seitens der österreichischen Behörden fühlte ich mich gut
informiert. Doch die konnten nur weitergeben, was ihnen das FBI übermittelt.
Und das war eher dürftig. Zusätzlich könnten die auch etwas zügiger handeln.
Das mit den Fingerabdrücken zum Beispiel: Da hatten wir von den US-Familien
bereits am 23. Februar Bescheid bekommen, und die österreichischen Behörden
sollten das erst zwei Wochen später offiziell erfahren.
ÖSTERREICH: Was war für Sie das Schwerste?
Nussbaumer: Das Spekulieren in den Medien, diese vielen Informationen, die
herumschwirrten – man wusste nie, was ist echt, was sind Gerüchte. Am Ende
wusste ich nicht mehr, was ich glauben sollte. Die bohrende Unsicherheit war
schlimm, und das sechzehn Monate lang. Das Problem war, dass die
Österreicher auf die Informationen der Amerikaner angewiesen waren – und die
sehr knausrig damit umgingen.
ÖSTERREICH: Haben Sie das Gefühl, dass der Staat Österreich genug
versucht hat, um Bert freizubekommen?
Nussbaumer: Es wurde uns immer versichert, dass alles Menschenmögliche getan
wird.
ÖSTERREICH: Gab es Details?
Nussbaumer: Wir wurden unterrichtet, wann immer jemand in den Irak geschickt
worden ist. Das lief aber eher über die diplomatischen Beziehungen. Auch der
Heeresnachrichtendienst soll aktiv geworden sein. Und alles blieb stets
ergebnislos. Es ist für uns schwer abzuschätzen, ob alles getan wurde. Aber
ich muss es glauben,
ich habe ja keine Wahl. Ich habe bei den Besuchen von Vertretern des
Außenamtes gefleht: „Wird alles Menschenmögliche getan?“ Und es wurde mir
versichert: „Wir gehen jedem Hinweis nach, jeder kleinsten Information.“
ÖSTERREICH: Was sind Ihre Gedanken zu den Entführern?
Nussbaumer (beißt die Lippen zusammen): Ich kann mir das gar nicht mehr
vorstellen! Wie das jemand fertigbringen kann. Die müssen derart hasserfüllt
sein. Es ist schwer zu begreifen ...
ÖSTERREICH: Wie stehen Sie die USA-Reise zu den Familien von Berts
Kollegen durch?
Nussbaumer: Die Familien sprechen sich Trost zu. Es ist ein
Zusammengehörigkeitsgefühl, das uns allen hilft. Es ist gut, in diesen
schweren Stunden hier zu sein.
ÖSTERREICH: Was war Ihr Gefühl in Bezug auf Berts Chancen?
Nussbaumer: Ich habe bis zuletzt immer noch Hoffnung gehabt. Ich wollte
einfach nicht aufgeben! Ich glaubte so lange an die Chance, dass er doch
noch am Leben ist, bis das Gegenteil bewiesen war. Vor wenigen Stunden waren
meine letzten Informationen noch, dass Bert nicht unter den zur
Identifikation anstehenden Körpern sein soll. So hoffte ich doch noch auf
ein Wunder! Aber es war eine emotionale Qual. Besonders nachdem es jetzt
laufend Nachrichten gibt über die Bekanntgabe von Namen weiterer Leichen,
die ja auch Berts Arbeitskollegen waren. Oft plagten mich – vor allem
während der langen Phasen, wo es überhaupt keine Nachrichten gab – Zweifel.
ÖSTERREICH: Wann hatten Sie zuletzt Kontakt mit Bert?
Nussbaumer: Eine Woche vor der Entführung. Er war fröhlich, hat sich über
nichts beschwert. Er wusste, dass es dort nicht ungefährlich ist. Aber er
klang nicht besorgt. Ein ganz normales Gespräch: „Hallo, wie geht es dir?“
und so weiter. Dann machte ich mir Sorgen, da er sich nicht meldete. Und
dann hörte ich die schlimmen Nachrichten im Radio. (bah)