Die Enführung, die keine war

ÖSTERREICH

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Die Enführung, die keine war

An der Sache war von Anfang an etwas faul: Am 23. Mai wurde der Polizei in Reutte eine Entführung gemeldet. Zeugen, die aus dem persönlichen Umfeld eines 21-jährigen, türkischstämmigen Tirolers und seiner Freundin (20) stammen, hatten Folgendes beobachtet: Der junge Mann „zerrte seine Freundin an den Haaren in einen Audi und raste davon.“ Doch die Kripo wunderte sich: Warum verständigten die Zeugen die Polizei erst eine halbe Stunde nach dem Vorfall? War es wirklich ein Kidnapping?

Geständnis
Die Antwort auf diese Fragen bekam die Exekutive nun frei Haus geliefert: Am Samstag spazierten der vermeintliche Entführer und sein „Opfer“ Hand in Hand in die Wachstube in Reutte, und erzählten den staunenden Beamten von der dramatischen Entführung – die keine war. Das Liebespaar hatte alles bis ins kleinste Detail inszeniert.

Zwangsheirat
„Sie erzählten, dass sie dem Druck, den ihre Familien auf sie ausübten, nicht mehr gewachsen seien“, berichtet Egon Lorenz von der Tiroler Kripo. Der Hintergrund ist verblüffend: Die Verliebten sollten heiraten – allerdings jeweils einen anderen Partner. Ihre Familien waren offenbar gegen ihr Verhältnis, die Beiden flüchteten vor der Zwangsheirat.

Untergetaucht
Weil ihre Verzweiflung genauso groß war wie ihre Liebe, inszenierte das Pärchen (um Ruhe vor ihren Familien zu haben) eine wilde Entführung. Da sie nicht wussten wohin, fuhren die Beiden nach Deutschland. Dort wohnten sie eine Woche lang bei Verwandten in Frankfurt/Main.

Fahndung
„Etwas Ähnliches hatten wir schon vermutet und ich bin froh, dass diese Theorie sich bewahrheitet hat“, atmet Kriminalist Lorenz auf. Denn: „Es wäre schlimm gewesen, wenn wir die junge Frau irgendwo tot gefunden hätten.“ Die Ermittler mussten nämlich – trotz aller Ungereimtheiten – von einer gewaltsamen Entführung ausgehen; deshalb war eine aufwendige Großfahndung samt Hubschraubern eingeleitet worden.

Anzeige
Das ist nun auch der Grund, warum das Paar mit einer Anzeige rechnen muss: Die „Vortäuschung einer mit Strafe bedrohten Handlung“ wird mit bis zu sechs Monaten Haft, bzw. mit hohen Geldstrafen geahndet.

Strafe
Worüber sich Juristen den Kopf allerdings noch zerbrechen müssen, ist die Frage, ob man die Flucht nicht auch als eine Art Notwehr interpretieren kann. Das Paar flüchtete nämlich (wenn auch sehr spektakulär) vor einer Straftat: der Zwangsheirat. Die „Nötigung zur Eheschließung“ wird hart bestraft – den Verwandten des Paares drohen bis zu fünf Jahre Haft.

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