20. Oktober 2009 18:45
ÖSTERREICH: Herr Bundeskanzler, Sie haben sich in den letzten Tagen
vehement für Benita Ferrero-Waldner als EU-Kommissarin ausgesprochen. Ist
das schon der offizielle Vorschlag der Regierung für die Besetzung dieses
wichtigen Postens?
FAYMANN: Das ist ein Vorschlag, von dem ich ausgehe, dass der
Koalitionspartner zustimmen wird, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass
die ÖVP jene Kommissarin schlecht redet, die sie selbst nominiert hat. Es
wäre ein große Vorteil für Österreich, wenn Benita Ferrero-Waldner wieder
als EU-Kommissarin zur Verfügung steht - erstens, weil wir wissen das
Kommissionpräsident Barroso sich von Österreich dringend eine Frau als
Vertreterin wünscht, damit Frauen einen wichtigen Anteil in der
EU-Kommission haben. Und zweitens, weil wir hier eine profilierte Frau
haben, die ihre Arbeit ausgezeichnet gemacht hat, die in Europa großes
Ansehen genießt und die deshalb viel für uns durchsetzen kann.
ÖSTERREICH: Und Willi Molterer als EU-Kommissar lehen Sie als Kanzler
definitiv ab?
FAYMANN: Ich will die Dinge positiv formulieren: Wir haben eine
exzellente EU-Kommissarin, die enorm korrekt, loyal und positiv für unser
Land gearbeitet hat.- Warum sollen wir diese ausgezeichnete Person
austauschen? Und ich gehe davon aus, dass auch die ÖVP diese Kommissarin
respektvoll behandelt, wenn sie wieder kandidieren will. Und sie hat ja klar
gesagt, dass sie für ein weiteres Mandat zur Verfügung steht.
ÖSTERREICH: Warum wollen Sie Molterer als Kommissar nicht - weil Sie der
ÖVP vorwerfen, dass hier ein ehemaliger Parteichef versorgt wird?
FAYMANN: Ich will niemanden heruntermachen - schon gar nicht Willi
Molterer. Aber wir sind alle in dieser Regierung der Meinung: Unsere
Kommissarin macht ihren Job gut, sie hat hohes Ansehen. Deshalb meine ich:
Sie soll weiter für Österreich tätig sein, wenn sie zur Verfügung steht.
ÖSTERREICH: Stimmt es, dass Sie der ÖVP das Vorschlagsrecht für den
Kommissar zugestanden haben? Warum stimmen Sie dann nicht zu, wenn die ÖVP
Molterer vorschlägt?
FAYMANN: Moment einmal - ich habe nie gesagt, die ÖVP bekommt einen
Gutschein oder einen Freifahrschein egal wen immer sie nennt. Sondern die
ÖVP soll einen Vorschlag für einen überparteilichen EU-Kommissar machen. Und
Benita Ferrero-Waldner ist ja ein Vorschlag der ÖVP, sie ist auf Vorschlag
der ÖVP in dieses Amt nominiert worden. Und deshalb kann ich mir nicht
vorstellen, dass es von der ÖVP für die von ihr selbst nominierte
EU-Kommissarin keine Zustimmung gibt. Noch dazu, wo sie einen exzellenten
Job gemacht hat und ein Aushängeschild für den Frauenanteil der Kommission
ist.
ÖSTERREICH: Und wenn die ÖVP sagt: Wir bestehen auf Molterer?
FAYMANN: Da müßte die ÖVP vorher sagen, sie ist gegen ihre eigene
Kommissarin. Und ganz ehrlich: Das glaube ich nicht.
ÖSTERREICH: Und dass es für Österreich enorm wichtig wäre, das
Landwirtschafts-Ressort zu erhalten, das zählt für Sie nicht?
FAYMANN: Das entspricht nicht der Wahrheit. Präsident Barroso hat ganz
klar gesagt, dass er uns das Agrar-Ressort nicht versprechen kann - und dass
wir definitiv nicht davon ausgehen können, das Agrar-Ressort zu erhalten. Er
will zuerst die Namen - und teilt dann die Ressorts zu. Mit Ferrero-Waldner
gehen wir auf Nummer Sicher, erhalten ein wichtiges Ressort und hohen
Einfluss.
ÖSTERREICH: Vizekanzler Pröll hat in seiner „Rede an die Nation“ sehr
vehement die Abschaffung der Hacklerregelung gefordert...
FAYMANN: Das hat mich - ganz ehrlich gesagt - entsetzt. Wir haben der
Bevölkerung vor der Wahl versprochen, dass die Hacklerregelung bis 2013
bleibt. Das war das Versprechen beider Koalitionspartner, gemeinsam per
Gesetz im Sommer beschlossen. Das Wort eines Politikers muss etwas gelten,
das Vertrauen von Wählern zur Politik muss wieder hergestellt werden. Ich
will, dass sich die Österreicher auf ihren Bundeskanzler verlassen können:
Ich halte mein Wort! Ich habe 100.000 betrioffenen Menschen hier ein
Versprechen gegeben. Und das heißt: Die Hacklerregelung bleibt bis 2013.
Punkt.
ÖSTERREICH: Das heißt, der Vizekanzler hat sein Wort gebrochen?
FAYMANN: Er hat in seiner Rede eine Diskussion eröffnet, die ich zutiefst
ablehne, weil für mich das Vertrauen der Menschen der wichtigste Grundsatz
ist. Ich will, dass die Österreicher wissen: Wenn eine Regierung ein Gesetz
vor einer Wahl macht, dann schafft sie das nicht elf Monate später wieder
ab. Ich will keine Regierung, auf die man sich nicht verlassen kann. Und
deshalb sage ich als Bundeskanzler: Mein Wort gilt.
ÖSTERREICH: Und die Rede des Vizekanzlers war abträglich für das
Vertrauen?
FAYMANN: In diesem Punkt war sie abtgräglich für das Vertrauen in die
Regierung, in die Politik generell. Da darf sich niemand wundern, wenn die
Menschen aus Protest Strache wählen, wenn das Wort eines Finanzministers
nicht einmal ein Jahr gilt.