So unverwüstlich ist NY

So unverwüstlich ist NY

Wir sind wieder in unserer Wohnung nach der „Sandy“-Flut. Zwei Wochen Lagerkoller im Hotel mit den Kids sind zu Ende: Zeit für eine Rückblende der dramatischsten Tag seit 9/11. Und vor allem einer Liebeserklärung an eine Stadt, die sich einfach nicht unterkriegen lässt. Damit meine ich freilich nicht die Politführung: Unser abgehobener Milliardärs-Bürgermeister Bloomberg wollte bekanntlich lange stur am Marathonlauf an "Sandys" Killing Fields vorbei festhalten. Und auch nicht die Infrastruktur, die so veraltet, verrottet und anfällig ist, dass die Stadt viel länger lahmgelegt wurde als nötig.

Ich meine die Menschen dieser Stadt, ihr Zähigkeit, ihre Widerstandsfähigkeit, ihr Erfindergeist – aber vor allem ihre unglaubliche Hilfsbereitschaft. Das begann bereits in der Sturmnacht, als ein verirrter Autofahrer am Ende der West Street von Wassermassen eingeschlossen wurde. Ohne zu zögern wateten vier Männer ins rasch steigende Hochwasser. Ich schloss mich an, gemeinsam schoben wir ihn ins Trockene.

Erst richtig zusammen rückten die New Yorker, als die Sandy-Flut die Stadt k.o. schlug. Freilich war das Zusammenstehen nicht ganz so intensiv wie nach dem 9/11-Trauma. Wegen dem viel großflächigeren Verkehrs- und Versorgungschaos lagen die Nerven mitunter weit blanker. Doch es blieb das Streben, der Kitt, gemeinsam die Krise durchzustehen: Freunde öffneten ihre Wohnungen für die Sandy-Obdachlosen (wir selbst erhielten dutzende Angebote), als wegen des massiven Stromausfalls im unteren Drittel Manhattans die Stadt geteilt war, half die helle Seite der dunklen so gut wie es nur ging. Unser Hotel an der 42. Straße öffnete wie selbstverständlich einen Konferenzraum, wo Bewohner der „Dunklen Zone“ Smartphones und Laptops aufladen, surfen, telefonieren und – vor allem – sich auch aufwärmen konnten. Niemand vertrieb die tagsüber nach Midtwon pilgernden Massen, als sie in Supermärkten, Geschäften und gar Bankfilialen an den Steckdosen hingen. In den Vororten warfen Nachbarn sogar Verlängerungskabel mit Stromsteckern über den Gartenzaun. Ein kleine Geste, doch mit großer Symbolkraft. Kulant zeigte sich das Hotel auch uns gegenüber: Die Tagesrate wurde auf $199 reduziert, das Verbot von Haustieren aufgehoben, wodurch unsere Meerschweinchen "Boo" und "Titan" bei uns bleiben konnten.

Rührend kümmerte sich der Doorman am Morgen darum, dass Max und Mia im Taxi am Weg in die Schule angeschnallt waren. Fröhlich wünschte er: „Habt Spaß und lernt viel“. Wenige freundliche Gesten und Worte, doch eine bedeutungsvolle Aufmunterung in einer Zeit, wo wir uns durch den Verlust der Wohnung ohnehin entwurzelt fühlten.

Faszinierend auch, wie das Leben in „Blackout City“ (New York Times) in totaler Finsternis weiterging: Kleine Generatoren kühlten Gemüse und Obst in „Delis“, Restaurants waren mit Kerzen beleuchtet, das Menü wurde am Gaskocher zubereitet, die Getränke mit tagsüber herbeigeschleppten Eis gekühlt. Je zwei Polizisten regelten den Verkehr an jeder Straßenkreuzung, hunderte insgesamt in den finsteren Bezirken von TriBeCa bis zur Gramercy. Bewohner strampelten gut gelaunt auf Fahrradgeneratoren zum Betreiben von „Auflade-Stationen“. Viele hatten sich die Taschenlampen auf ihre Wollmützen als „Stirnlampen“ geklebt.

Trotz der halben Subway gesperrt und einem historischen Verkehrschaos drängten die Menschen zur Arbeit. Mit bewundernswerter Geduld und Ausdauer. Knapp vor 23 Uhr sah ich noch Tausende in völliger Dunkelheit angestellt vor den Shuttle-Bussen für den Heimweg. Erschöpft, doch entschlossen, nach nur wenigen Stunden Schlaf frühmorgens das stundenlange Pendeln nach Manhattan neuerlich zu beginnen.

Dabei war eine unglaubliche Leichtigkeit spürbar beim raschen Anpassen der Bewohner an die Katastrophenzeit. Im Hotel saß neben mir eine Studentin, die mit ihrer Mutter telefonierte: „Nein, Mum, mach dir keine Sorgen“, beruhigte sie: „Wir haben genug Kerzen, Decken gegen die Kälte, an jeder Kreuzung stehen die Polizisten, du brauchst keine Angst zu haben, mir geht es bestens“. Sie teilte ihr mit, wann sie ihr Handy wieder aufladen kann, zu welchem Zeitpunkt sie erreichbar ist. Ein Telefonat so unaufgeregt wie ein beiläufiges Update aus einem fröhlichen Urlaubsort anstatt einer halb finsteren Katastrophenstadt. Als dann am Freitag nach dem Sturm in den meisten Zonen die Lichter angingen, fielen sich die Menschen weinend auf den Straßen um die Arme. Aus Glück. Und auch Stolz, wie sie diese Tage meisterten. Als ich am Cover des „New York Magazine“ die Luftaufnahme mit dem halb abgedunkelten Straßenraster von Manhattan sehe, muss ich an die Morpheus-Rede aus „The Matrix“ denken: „We are Zion – and we are not afraid!“

Riesenglück hatten wir persönlich auch mit unserem Hausbesitzer, der Immobilienfirma „Rose Associates“. Nachdem die Stromfirma "ConEd" das Gebäude nicht anschließen konnte, mieteten sie kurzerhand einen Generator, reparierten die Lifte, setzten Gas, Wasser und Heizung instand. Und zogen die für Montag geplante Rückkehr um einen Tag vor: „Wir möchten euch gerne schon am Wochenende zuhause haben“, heiß es da. "Zuhause", kein Wort hatte mehr Bedeutung. Estee und ich umarmten uns, als wir die Email lasen. Die Kinder kreischten vor Freude (auch wenn Max gleich fragte, wann es denn wieder Internet geben würde...). Als wir die Koffer in die Lobby rollten, empfängt uns das erschöpfte Personal. Sie hatten zwei Wochen durchgearbeitet. Wir umarmen sie, bedenken uns.

Ich weiß in diesen Moment: So anfällig diese Metropole für Katastrophen ist, ich möchte Krisen nur hier durchstehen – in einer Stadt, wo ich weiß, dass wir sei gemeinsam meistern können.

Mehr von unserem US-Korrespondenten Herbert Bauernebel finden Sie hier auf AmerikaReport.com

Video: Sandy zieht eine Spur der Verwüstung nach sich

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