Zugunglück in Russland: Drei Festnahmen

60 Verletzte

© (c) Reuters

Zugunglück in Russland: Drei Festnahmen

Russische Ermittler haben nach dem Bombenanschlag auf den Schnellzug zwischen Moskau und St. Petersburg drei Verdächtige festgenommen. Bisher sei noch unklar, ob die Festgenommenen etwas mit dem Anschlag zu tun hätten, meldete die Agentur Interfax am Freitag unter Berufung auf Kreise der Ermittler.

"Die Drei wurden wegen einer heißen Spur festgenommen", wurde der namentlich nicht genannte Informant zitiert. Russische Medien berichteten, es handle sich bei den Verdächtigen um zwei Tschetschenen und einen Russen.

Rechtsextremer Hintergrundvermutet
Nach dem Bombenanschlag auf die Bahnverbindung zwischen Moskau und St. Petersburg haben sich Hinweise auf einen rechtsextremen Hintergrund der Tat verdichtet. Die am Anschlagsort gefundenen elektrischen Kabel deuten auf eine Urheberschaft von russischen Rechtsextremisten hin, berichtet die englischsprachige "Moscow Times" am Mittwoch auf ihrer Internetseite. Ähnliche Kabel seien nämlich bei zwei von Rechtsextremisten verübten Bombenanschlägen verwendet worden. Tschetschenische Extremisten würden dagegen Mobiltelefone zur Zündung ihrer Sprengsätze verwenden, schreibt die Zeitung.

Parallelen zu Anschlag auf Anatoli Tschubais
Die beim Anschlag vom Montag verwendete Bombe weise Parallelen auf zum Anschlag auf den liberalen Ex-Premier und jetzigen Chef des staatlichen Strommonopolisten EES Rossii, Anatoli Tschubais, im März 2005 sowie jenen auf einen Zug zwischen Moskau und der tschetschenischen Hauptstadt Grosny im Juni desselben Jahres. Für diesen Anschlag wurden im April zwei Ultranationalisten verurteilt, die offenbar tschetschenische Zugpassagiere töten wollten. Für den Anschlag auf Tschubais muss sich derzeit eine Gruppe von Rechtsextremisten vor Gericht verantworten. Bei keinem der Anschläge gab es Todesopfer.

Schnellzug von Geschäftsleuten und Beamten genutzt
Die russische Terrorexpertin Irina Borogan wies darauf hin, dass der Schnellzug "Newski Express" zwischen Moskau und St. Petersburg vor allem von Beamten und Geschäftsleuten benützt wird, gegen die sich der Hass der russischen Rechtsextremisten genauso richte wie gegen Angehörige von Minderheiten und Ausländer. Auch der Politikwissenschaftler Alexander Khramchikhin (Chramtschichin) vermutet nicht die bisher für die meisten Terroranschläge in Russland verantwortlichen Kaukasus-Rebellen hinter der Bombe auf den Expresszug. Ein solcher Anschlag brächte den Rebellen nämlich nur wenig. "Sie wurden damit nur beweisen, dass es sie noch gibt. Den Krieg im Kaukasus haben sie schon verloren", sagte der Experte am russischen Institut für politische und militärische Analysen.

Stecken Putin-Anhänger dahinter?
Khramchikhin glaubt eher, dass Unterstützer des russischen Präsidenten Wladimir Putin hinter der Tat stecken könnten. Durch das Heraufbeschwören einer großen Terrorgefahr im Land könnten sie eine Verschiebung der im Herbst stattfindenden Parlamentswahlen erreichen sowie ein neuerliches Antreten Putins bei der Präsidentenwahl im kommenden Frühjahr. Putin darf wegen der in der russischen Verfassung festgelegten Amtszeitbeschränkung nicht ein drittes Mal in Folge zur Wahl antreten.

Aufstieg Putins durch Anschläge 1999 begünstigt
Die Zeitung verweist in diesem Zusammenhang auf die Tatsache, dass die im Herbst 1999 von tschetschenischen Extremisten durchgeführten Anschläge auf Wohnblocks in Moskau, bei denen Dutzende Menschen ums Leben kamen, maßgeblich zum Aufstieg Putins beitrugen. Der bis dahin weitgehend unbekannte und uncharismatische Regierungschef griff mit eiserner Hand gegen die Rebellen durch und wurde wenige Monate später mit überwältigender Mehrheit zum Nachfolger von Staatspräsident Boris Jelzin gewählt. Der Politikexperte Dmitry Orlow (Orlov) meint dagegen, dass die Situation heute ganz anders sei als im Jahr 1999. Das Ansehen von Putins Regierung beruhe nämlich in großem Maße auf ihrer Kompetenz in der Terrorbekämpfung und ihren Leistungen bei der Stabilisierung des Landes. Eine neue Gewaltwelle würde damit auf den Kreml zurückfallen, sagte Orlow.

Meistbefahrene Strecke zwischen den größten Städten Russlands
Der Anschlag auf die am meisten befahrene Strecke zwischen den beiden größten Städten Russlands war nach Angaben des Innenministeriums in Moskau durch eine ferngezündete Bombe verursacht worden. "Die Terroristen hatten es allem Anschein nach auf einen maximalen Schaden abgesehen", sagte ein Sprecher der Sonderkommission. Alles deute auf eine genaue Planung hin. "Wir können aber auch andere Gründe für einen Anschlag nicht ausschließen", sagte Bastrykin Die Hintergründe waren zunächst unklar.

Vor allem tschetschenische Rebellen und ihnen nahestehende Extremisten aus der Kaukasus-Region hatten in den vergangenen Jahren häufig Anschläge auf zivile Ziele in Russland verübt.

Sprengkraft von zwei Kilogramm TNT
Die Lokomotive und ein Dutzend Waggons sprangen bei Nowgorod, rund 500 Kilometer nördlich von Moskau, aus den Gleisen. Mindestens drei Waggons kippten um. Die Staatsanwaltschaft teilte mit, es seien Terror-Ermittlungen eingeleitet worden. Die offenbar selbst gemachte Bombe habe eine Sprengkraft von zwei Kilogramm TNT gehabt. "Die Bedrohung durch Terrorismus und Extremismus ist noch nicht eliminiert", sagte der Chef des Geheimdienstes FSB, Nikolai Patruschew, laut Medienberichten.

Patruschew kündigte ein Paket von zusätzlichen Maßnahmen an, die auf Vorbeugung gegen terroristische Akte und mögliche Notfälle gerichtet seien. Es dürfe nicht zugelassen werden, dass mögliche terroristische oder extremistische Handlungen die Lage im Land destabilisierten, sagte der Leiter des Nationalen Anti-Terror-Komitees. Vor allem tschetschenische Rebellen und ihnen nahestehende Extremisten aus der Kaukasusregion hatten in den vergangenen Jahren häufig Anschläge auf zivile Ziele in Russland verübt. Zuletzt waren bei einem Bombenanschlag auf einem belebten Moskauer Markt im August vergangenen Jahres elf Menschen getötet und 45 verletzt worden.

Verdacht fiel auf Rebellen aus dem Kaukasus
Zunächst bekannte sich niemand zu dem Anschlag. Der Verdacht fiel aber umgehend auf Rebellen aus dem Kaukasus. Die Nachrichtenagentur Interfax meldete, Kabel und weiteres an der Unglücksstelle sichergestelltes Material ähnelten dem, das bei einem Bombenanschlag auf einen Zug von Grosni nach Moskau 2005 benutzt worden sei.

Medienberichten zufolge ging der Anschlag am Montagabend noch relativ glimpflich aus: Demnach war die Bombe in der Nähe einer 30 Meter hohen Brücke platziert. Wäre der Zug dort hinuntergestürzt, hätte es wohl bedeutend mehr Opfer gegeben. RIA-Nowosti meldete, der "Newa-Express" sei zum Zeitpunkt des Unglücks 130 Stundenkilometer schnell gefahren. Anderen Angaben zufolge war die Garnitur mit 180 Kilometer pro Stunde unterwegs.

25 Verletzte in Krankenhäuser gebracht
25 der etwa 60 verletzten Menschen wurden nach Angaben des Bahnunternehmens in Krankenhäuser gebracht. Unter den Verletzten waren offenbar keine Ausländer. Bahnmanager Alexander Pirkow sagte im Fernsehen, insgesamt hätten sich 215 Fahrgäste und 20 Bahnmitarbeiter in dem Zug befunden. Der Lokomotivführer habe unmittelbar vor dem Entgleisen einen lauten Knall gehört.

"Wir haben zwei Explosionen gehört, dann wurden sehr schnell die Bremsen gezogen", sagte ein Zugbegleiter. "Panik brach aus." Ein Passagier sagte dem russischen Sender NTV, einige Fahrgäste seien offenbar in den Wagen eingeschlossen gewesen. Schaffner, Bahnangestellte und andere Reisende hätten Fenster eingeschlagen und den Leuten hinausgeholfen, als beschädigte Oberleitungen geborsten seien. Der gesamte Verkehr auf der Strecke, eine der meistbefahrenen in Russland, wurde eingestellt.

Gleise auf einer Länge von 800m aufgerissen
Die Explosion und der Zugunfall rissen die Gleise auf einer Länge von 800 Metern auf. Arbeiter begannen am Dienstag mit der Reparatur. Der Verkehr auf der auch bei Touristen beliebten Verbindung sollte am Nachmittag wieder aufgenommen werden.

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