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Karadzic wurde vor Festnahme observiert

Radovan Karadzic sei vor seiner Verhaftung, zu der es nach offiziellen Angaben vor genau einer Woche kam, gut zwei Monate lang von mehr als 50 Mitarbeitern des serbischen Nachrichtendienstes BIA observiert worden, berichtete die Belgrader Tageszeitung "Press" am Montag unter Berufung auf einen hohen Polizeifunktionär. Die BIA-Mitarbeiter seien zufällig nach einem anonymen Telefonanruf beim Notdienst der Polizei auf "Dr. Dragan Dabic" gestoßen. Eine darauffolgende Routinekontrolle habe ergeben, dass "Dabic" in Wirklichkeit der mutmaßliche Kriegsverbrecher Karadzic sein könnte. In Serbien leben laut Angaben des Innenministeriums 61 Personen, die Dragan Dabic heißen.

Letztes Video vor seiner Verhaftung: Karadzic alias Dabic am 22. Juni beim Besuch eines Klinik-Festes in Novi Banovci bei Belgrad.

Das größte Problem bei der Observierung soll laut dem nicht namentlich genannten Polizeifunktionär gewesen sein, die Identität des vermeintlichen Karadzic noch vor der Festnahme zu bestätigen. "Unsere Mitarbeiter besuchten alle seine Vorträge, einige wandten sich an ihn als Patienten. (...) Eine Mitarbeiterin hat sich mit Radovans Freundin, Mila Cicak, angefreundet. Unsere Kontakte hatten wir auch bei der Zeitschrift 'Zdrav zivot' (Gesundes Leben), für die Karadzic regelmäßig Artikel verfasste", zitierte die Zeitung die Quelle.

Festival-Besuch im Mai
Zum ersten Mal wurde Karadzic demnach heuer Ende Mai bei einem "Festival des gesunden Lebens" auf der Belgrader Sawe-Insel Ada Ciganlija von BIA-Mitarbeitern observiert. Die meisten BIA-Mitarbeiter und Polizisten, die mit der Observierung von "Dabic" beauftragt worden seien, wussten gar nicht, wer sich hinter diesem Namen versteckt habe, berichtete das Blatt.

Die Polizei sei besonders wegen der Gelassenheit des Haager Angeklagten irritiert gewesen: "Wir waren darüber verwirrt, wie kaltblütig 'Doktor Dabic' wirkte. Mit keiner einzigen Geste zeigte er Nervosität, verhielt sich normal vor den Kameras, war im Gespräch mit Menschen gelassen. (...) Bei einer Reise in die Vojvodina wurde der Wagen, mit dem er unterwegs war, von der Polizei angehalten, um die Personalausweise aller Passagiere zu prüfen. Zu unserer großen Überraschung stellte sich heraus, dass sein Personalausweis ein echter war (...)."

Kopf- und Barhaare gesichert
Erst bei wiederholten Besuchen von zwei BIA-Mitarbeitern, die sich als hilfesuchendes, kinderloses Ehepaar ausgaben, in einer Belgrader Ordination, wo "Dabic" arbeitete, sei es den Polizisten gelungen, sich einige Kopf- und Barthaare des Arztes zu sichern. Die DNA-Analyse habe dann zur 50-prozentigen Sicherheit die Identität Karadzic' bestätigt. Die Observierung des Haager Angeklagten sei in Erwartung eines "falschen Schrittes" oder Kontaktes mit der Familie fortgesetzt worden.

Laut "Press" wurde Karadzic tatsächlich bereits am 18. Juli in einem städtischen Bus, der zwischen dem Stadtviertel Neu-Belgrad und Batajnica verkehrte, festgenommen. Der frühere Führer der bosnischen Serben, habe an jenem Freitagvormittag auf seiner neuen Handynummer eine offenbar chiffrierte Information - "Die Arznei ist eingetroffen" - erhalten. Er kehrte sogleich in seine Wohnung zurück, packte seine Sachen in eine Reisetasche und machte sich auf den Weg nach Batajnica.

Analysen wurden abgewartet
Er sei festgenommen und zunächst in einer Wohnung im Stadtzentrum Belgrads gehalten worden: "Wir mussten sicher gehen, dass es sich wirklich um Karadzic handelte. Wir haben Blut- und Gewebeprobe sowie eine DNA-Analyse gemacht. Erst als drei Analysen mit hundertprozentiger Sicherheit die Identität bestätigten, wurde die Information über die Festnahme veröffentlicht und Karadzic ins Gefängnis verlegt", schilderte der Polizeifunktionär.

Anwalt stellt Strafanzeige
Karadzic selbst soll bei der Einvernahme vor dem Ermittlungsrichter in der Nacht auf Dienstag erklärt haben, am Freitagabend festgenommen worden zu sein. Nach offiziellen Abgaben kam es erst am Montagabend zu der Verhaftung. Er wisse aber nicht, wo er drei Tage lang festgehalten worden sei, sagte Karadzic. Sein Anwalt Svetozar Vujacic reichte vorige Woche auch Strafanzeige wegen Entführung gegen unbekannt ein.

Der Polizeifunktionär bestritt gegenüber "Press" auch die Behauptungen eines Neffen des Haager Angeklagten, fünf oder sechs Jahre lang sein einziger Helfer gewesen zu sein. Es würde sich nur um ein Ablenkmanöver handeln. In einem Geschäftsmann aus dem zentralserbischen Valjevo werde einer von mehreren Fluchthelfern vermutet, berichtete das Blatt.

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