Faktencheck: Haben Lockowns gar keine Todesfälle verhindert?

coronavirus

Faktencheck: Haben Lockowns gar keine Todesfälle verhindert?

Eine Lockdown-Studie aus den USA sorgt weiterhin für großen Wirbel.

Seit Beginn der Pandemie werden Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus in bestimmten Kreisen kritisch betrachtet. Besonders der Nutzen von harten Maßnahmen wie Lockdowns wird oft hinterfragt. Eine neue Studie soll laut Social Media-Postings  und Medienberichten jetzt herausgefunden haben, dass Lockdowns gar keine Leben retten und wirkungslos seien.

Einschätzung: Die Studie trifft keine generelle Aussage zu Lockdowns. Sie hat nur festgestellt, dass in der ersten Corona-Welle politisch verordnete Maßnahmen kaum mehr Tote verhindert haben als Länder, in denen freiwillig das soziale Verhalten in der Gesellschaft angepasst worden ist. An der Studie und den Autoren wird Kritik geübt.

Überprüfung:

Der Inhalt der Meta-Studie, die 24 andere Studien aus unterschiedlichen Ländern auswählte und analysierte, wird derzeit vor allem von Maßnahmen-Gegnern verkürzt mit "Lockdowns retten keine Leben" oder "Lockdowns sind wirkungslos" wiedergegeben. In Wirklichkeit sagt der Inhalt der Studie allerdings folgendes aus: Verpflichtende nicht-pharmazeutische Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus zeigten zu Beginn der Pandemie kaum mehr Wirkung als von der Bevölkerung freiwillig vorgenommene Anpassungen.

Bevölkerung reduzierte selbst Kontakte

Konkret kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass in Europa und den USA, wo es derartige verhängte Maßnahmen gab, die Mortalität nur um 0,2 Prozent verringert worden ist. Als Vergleichswert werden unter anderem Länder herangezogen, in denen es keine derart strikten Maßnahmen gegeben hat, sondern zum Beispiel lediglich Empfehlungen.

Ein Grund dafür könnte sein, dass eine Bevölkerung in Zeiten einer Pandemie selbst vorsichtig ist und Social Distancing-Maßnahmen vornimmt, auch wenn sie nicht verordnet werden, wie die Studienautoren selbst in ihren Ausführungen angeben. Weitere mögliche Gründe für den fehlenden Unterschied sind laut den Wirtschaftswissenschaftern, dass verordnete Lockdowns nur einen Teil potenziell infizierender Kontakte einschränken, sie nicht die individuellen Hygienemaßnahmen regulieren, die Gesellschaft in der Folge bei einem erkennbar verringerten Risiko wieder unvorsichtiger agieren und unbeabsichtigte Auswirkungen eine Rolle spielen könnten. Mit letzterem ist etwa gemeint, dass sich Menschen durch Ausgangsbeschränkungen an Orten aufhalten mussten, die möglicherweise eine höhere Infektionsgefahr als öffentliche Orte aufwiesen.

Verordnungen versus öffentliches Bewusstsein

In erster Linie wirft die Studie die Frage auf, ob nachweislich effektive Maßnahmen (6) wie Kontaktbeschränkungen, Versammlungsbegrenzungen oder gezielte Schließungen von Ausbildungs-oder Arbeitsstätten, von der Politik verordnet werden müssen oder von einer Gesellschaft selbst angewandt werden. Dass solche Maßnahmen eine Auswirkung haben, wird in der Studie gar nicht bezweifelt.

Da die Studie nur die erste Welle berücksichtigt und zu dieser Zeit die Pandemie eine völlig neue Situation für die Menschheit war, können daraus nur schwer allgemeine Schlussfolgerungen getroffen werden. Ob sich Menschen im weiteren Verlauf der Pandemie ohne Verordnungen ähnlich vorsichtig verhalten hätten, hat sich die Studie nicht angesehen. Abseits der Lockdowns in der ersten Welle gingen viele Länder in Folge zu unterschiedlichen Zeitpunkten und Konditionen sowie für unterschiedliche Dauer in weitere Lockdowns.

Die Verkürzung, dass Lockdowns laut der Studie generell keine Leben retten, ist dadurch unzulässig. Die Autoren räumen ein, dass es in der ersten Welle schwierig war, zwischen dem Effekt von Lockdowns und dem Effekt von öffentlichem Bewusstsein zu unterscheiden.

Kritik an Studie

Derartige Lockdown-Studien sind schwierig durchzuführen, selbst Meta-Analysen. Darauf wiesen auch in der Vergangenheit mehrere Experten hin. Ein Lockdown erfolgt nicht immer in derselben Art und Weise, die Zusammensetzung unterschiedlicher nicht-pharmazeutischer Maßnahmen variiert stark. In der aktuellen Studie werden Lockdowns so definiert, dass mindestens eine nicht-pharmazeutische verpflichtende Maßnahme beschlossen wurde. Dazu gehören etwa Schulschließungen, Bewegungseinschränkungen oder das Aussetzen des internationalen Reiseverkehrs.

Nach Veröffentlichung der Studie wurden einige Aspekte stark kritisiert. So wurde sie etwa in keinem wissenschaftlichen Magazin sondern auf der Universitäts-Homepage veröffentlicht, wodurch auch kein Peer-Review notwendig ist. Auch die Auswahl der analysierten Studien wurde von Experten kritisiert, etwa von dem Ökonomen Andreas Backhaus von der Ludwig-Maximilians-Universität München auf Twitter.

Lockdowns als Notlösung

Generell ist es kein Geheimnis, dass Lockdowns sehr harte Eingriffe sind und vermieden werden wollen. Selbst die WHO weist darauf hin, dass, obwohl Lockdowns das Infektionsgeschehens verringern könnten, dennoch zahlreiche negative Auswirkungen möglich seien. Die Gesundheitsorganisation erkennt allerdings an, dass einige Länder zu gewissen Zeitpunkten keine andere Wahl gehabt hätten, als derartige Maßnahmen einzuführen, um sich Zeit zu erkaufen.

Es gibt aber tatsächlich Hinweise, dass Lockdowns in der ersten Welle sogar spezifische positive Auswirkungen auf die Gesundheit der betroffenen Bevölkerung hatten. Erst im Jänner dieses Jahres kam eine Studie zu dem Schluss, dass die durch Lockdowns verbesserte Luftqualität zu Beginn der Pandemie hunderte Menschenleben in Europa gerettet hat. Ursache seien dabei etwa die Einschränkung des Reiseverkehrs oder die Schließung von Arbeitsstätten gewesen.

Bereits am Anfang des vergangenen Jahres hat eine ähnliche Lockdown-Studie für Aufregung gesorgt und diesen harten Maßnahmen wenig zusätzliche Effektivität bescheinigt. Auch diese Ergebnisse des Gesundheitswissenschafters John Ioannidis wurden damals wegen der zugrunde liegenden Methodik kritisiert.