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Caritas-Chef im Interview

Landau: »Wir ­fragen uns dann: Haben wir unser Bestes gegeben?«

Die Schlange ist 60 Meter lang – und wird immer länger: Der INSIDER traf den Caritas-Chef bei einer Lebensmittelausgabestelle in Wien-Floridsdorf. 

Wien. Mit ihren Schirmen decken die Mütter im Nieselregen mehr die Kinderwagen vor ihnen als ihre eigenen Köpfe ab, bei acht Grad stellen sich bis zu 170 notleidende Wiener und Migranten einmal pro Woche um Lebensmittel bei der Pfarre Gartenstadt in Floridsdorf an.
 
Heute verteilt auch Caritas-Präsident Michael Landau (60) die Hilfspakete sowie Salat und Obst: „Die Menge der Lebensmittel, die wir für unsere Ausgabestellen brauchen, steigt deutlich. Und dabei ist die Krise noch nicht auf dem Höhepunkt.“
 

»Corona zeigt die Stärken und Schwächen der Gesellschaft«

 
Appell. Bei zwölf Ausgabestel­len sind allein heuer bereits 490.000 Kilo Lebensmittel an bedürftige Mitmenschen ausgegeben worden, 50.000 Freiwillige helfen beim Helfen. Michael Landau: „Die Coronakrise zeigt jetzt die Stärken und auch die Schwächen einer Gesellschaft. Irgendwann werden wir dann auf die Corona-Monate wie auf eine überstandene Flutkata­strophe zurückschauen. Dann werden wir uns sicher fragen: Haben wir tatsächlich unser Bestes gegeben?“
 
Im großen Interview mit dem INSIDER meint Michael Landau, dass auch die Bundesregierung „sicher ihr Bestes“ geben will. Der stets höfliche Monsignore lässt aber dezent durch­blicken, dass er doch etwas mehr Hilfe im Kampf gegen die drohende neue Armut erwartet: „Wir müssen alles tun, damit dieser Gesundheitskrise keine soziale Pandemie folgt. Wir dürfen keinen einzigen Menschen im Stich lassen, dazu braucht es jetzt eine gemeinsame Anstrengung.“
 
© Wolfgang Wolak
Landau
× Landau
 
INSIDER: Für viele Österreicher ist die Zukunftsperspektive für die nächsten Wochen in der Coronakrise dunkelschwarz. Wie geben Sie den Menschen wieder Hoffnung?
MICHAEL LANDAU: Zunächst geht es um die ganz konkrete Hilfe, die wir leisten. Da kommen Menschen zu uns, die vor der Frage stehen, ob sie noch die Miete zahlen können, ob sie noch Lebensmittel einkaufen oder ob sie noch heizen können. Da ist jetzt das Wichtigste, diese Menschen in ihrer akuten Not nicht im Stich zu lassen. Diese ganz unmittelbare Hilfe ist jetzt das Dringendste. Wir müssen jetzt auch ­alle Kraft als Gesellschaft daransetzen, damit aus der Gesundheitskrise nicht eine soziale Krise wird.
 
INSIDER: Von wie vielen Menschen reden wir, wenn wir über die wirtschaftlichen Opfer der Pandemie sprechen?
LANDAU: Schon vor der Pandemie waren 230.000 Kinder und Jugendliche armutsgefährdet. Und in der Sozial­hilfe ist die größte Gruppe, die Unterstützung braucht, jene der Kinder und Jugendlichen. Ein Fokus muss daher sein, Kinder- und Jugendarmut zu verhindern. Ein zweiter Schwerpunkt liegt beim Thema Arbeits­lose: Die Zahlen sind dramatisch gestiegen – und ich denke, wir sind noch nicht auf dem Höhepunkt der Krise.
 
INSIDER: Also bei der Wirtschaftskrise?
LANDAU: Ja, während bei der Coronakrise eine Impfung reichen wird, wird es beim Thema der Armutsbekämpfung ein Bündel von Maßnahmen brauchen. Es war wichtig, dass Mieten gestundet worden sind. Es scheint mir wesentlich, diese Maßnahmen noch lange fortzusetzen. Rekordarbeitslosigkeit fordert Rekordverantwortung.
 
INSIDER: Jene Mieten, die gestundet worden sind, werden jetzt irgendwann doch fällig?
LANDAU: Deswegen ist ein wichtiges Element, hier rasche, unbürokratische Soforthilfe zu leisten. Niemand soll im Winter delogiert werden: Eine Fortsetzung der Stundungen ist ein wichtiges Thema. Die gleiche Energie, die wir dazu verwenden, müssen wir dafür einsetzen, das soziale Gefüge in unserem Land stabil zu halten. Wenn der Finanzminister zu Recht sagt: „Was immer auch notwendig ist“, dann muss das auch für die Menschen gelten, die von den Folgen der Pandemie schwer getroffen sind.
 
INSIDER: Müssen wir nicht befürchten, wenn eine so große Gruppe von Österreichern plötzlich arbeitslos ist, dass sich auch soziale Konflikte zuspitzen?
LANDAU: Genau deshalb ist 
es so wichtig, einen sozialen Lockdown zu verhindern. Ich sehe durchaus jetzt in der Krise, dass Menschen bereit sind, aufeinander zu achten. Das war auch in den Anfangsphasen der Krise sehr ermutigend. Wahr ist: Es tritt eine gewisse Ermüdung ein. Wir dürfen aber in diesem Kampf nicht nachlassen. Ich mache jetzt meine Aufgabe schon 25 Jahre: Ich bin deshalb überzeugt, dass der Tag kommen wird, an dem wir auf diese aktuelle Krise zurückschauen werden wie auf eine Flutkatastrophe oder ein Erdbeben. Und wir werden dann vor der Frage stehen: Haben wir in der schwierigen Situation unser Bestes gegeben? Dafür würde ich sehr gerne werben.
 
INSIDER: Und das könnten wir auch in Österreich schaffen?
LANDAU: Ja, indem wir fürein­ander da sind, indem wir die Schwächsten nicht vergessen. Das wird jetzt entscheidend sein. Aber es braucht ­eine gemeinsame Anstrengung von Bund, Ländern, Gemeinden, Zivilgesellschaft und Kirchen, damit wir diese Aufgabe gut bewältigen.
 
INSIDER: In diesen Pressekonferenzen der Bundesregierung, die wir wöchentlich erleben, wird sehr viel über Milliarden gesprochen. Fehlt’s nicht dabei an einer Herzlichkeit, an einer Menschlichkeit? Menschelt es zu wenig?
LANDAU: Ich glaube, dass die Bundesregierung in der Anfangsphase durchaus einiges auch richtig gemacht hat. Jetzt geht es darum, auch jene, die unter den sozialen ­Folgen der Pandemie leiden, nicht zu vergessen. Die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft und die soziale Sicherheit sind zwei Pfeiler ein und derselben Brücke. Es geht immer um die Menschen hinter den Zahlen. Das lehrt mich die tägliche Erfahrung.
 
INSIDER: Was sind da die emotionalsten Momente in Ihrem Alltag?
LANDAU: Ich erinnere mich an eine Frau in Wiener Neustadt, eine Alleinerzieherin, die erfolgreich einen Kosmetiksalon geführt hat. Aufgrund des ersten Lockdowns ist sie von einem auf den anderen Tag ohne Einkommen dagestanden. Sie musste dann ihre Tochter um deren Ersparnisse bitten, um etwas zum Essen einkaufen zu können. Sie können sich vorstellen, was das für diese Unternehmerin bedeutet hat.
 
INSIDER: Sie sind ja nicht nur Caritas-Präsident, sondern auch Priester. Bei allem Schlechten, was uns Menschen widerfährt, heißt es immer, das sei eine Prüfung des Glaubens. Wie erklären Sie diese aktuelle Situation anderen Gläubigen? Warum müssen wir das ertragen?
LANDAU: Die erste Frage, die sich jetzt stellt, ist nicht die nach dem Warum. Das Leid ist zunächst eine Anfrage: Wie gehen wir damit um? Was tragen wir dazu bei, die Situation derer zu verbessern, die nicht mehr weiterwissen? Da sehe ich eine große Hilfsbereitschaft. Wenn wir aufeinander achten, wenn wir füreinander da sind, dann können wir diese Herausforderung schaffen. Vielleicht ist das auch ein Learning. Hier ist jetzt ganz offensichtlich, dass jeder durch sein Tun einen Beitrag leisten kann – die Regeln einhalten, die Maske tragen, aufeinander schauen. Dann verändert das etwas. Da kommt’s auf jeden Einzelnen an.
 
INSIDER: Damit sind wir schon bei einem heiklen Thema: Was sagen Sie eigentlich den Mitmenschen, die sich in Massen hinstellen und die Gefahr des Coronavirus verleugnen? Das muss Ihnen ja im Herzen wehtun, weil Sie auch die Folgen dieser Pandemie ständig sehen.
LANDAU: Ich glaube, dass dabei Deutschland sehr positiv bewertet wird, weil die Kanzlerin sich faktenbasiert, evidenzorientiert den Herausforderungen stellt. Angst und Wut sind keine guten Ratgeber. Wahr ist, und das geht mir ja auch so: Selbstverständlich geht einem das auf die Nerven, dieses Virus. Aber wir dürfen gerade jetzt nicht nachlassen. Jeder hat hier auch Verantwortung in seinem Tun und Lassen. Es geht nicht nur um den Selbstschutz, sondern es geht darum, einander zu schützen.
 
INSIDER: Ist diese Situation nicht auch eine Chance für die Kirche, wieder an Vertrauen zu gewinnen? Die Institution Kirche war in unserer Überflussgesellschaft zwar auch immer da, aber der Bedeutungsschwund war durchaus erkennbar.
LANDAU: Mein Eindruck ist – und das scheint auch im Zentrum von dem zu stehen, was Papst Franziskus meint –, die Kirche gewinnt nicht an Bedeutung, wenn sie sich um sich selbst kümmert. Sondern die Kirche gewinnt an Bedeutung, indem sie sich um die Menschen kümmert, die jetzt unsere Aufmerksamkeit brauchen. Wenn Papst Franziskus sagt, er tritt für eine Kirche ein, die hinausgeht, die auch an die Ränder der Gesellschaft geht, selbst auf die Gefahr hin, dass sie sich die Hände schmutzig macht und Beulen holt, dann ist das die Weise, worum es im Kern beim Glauben geht. Dass das alles mit dem Leben zu tun hat. Wir haben in der Caritas 50.000 Freiwillige, da spüre ich: Da ist Lebendigkeit. Da ist diese Krise auch ein Brennglas: Es zeigt die Schwächen einer Gesellschaft, aber auch die Stärken. Ich habe gelernt, dass es gut ist, sich auf die Stärken zu fokussieren. Und der Schlüssel zum geglückten Leben liegt auch darin, sich um das Glück der anderen zu kümmern. Nicht nur das Virus ist ansteckend, sondern auch die Armut kann ansteckend sein – Armut breitet sich aus. Dagegen braucht es eben ein Bündel von Maßnahmen. Da wäre es auch wichtig, die „Sozialhilfe neu“ nochmals anzusehen. Über so etwas wie eine Grundsicherung für Kinder gilt es nachzudenken.
 
INSIDER: Wir haben in wenigen Wochen das Weihnachtsfest – was würden Sie sich wünschen?
LANDAU: (denkt lange nach) Weihnachten ist ein Fest, in dessen Mittelpunkt ein Kind in seiner Zerbrechlichkeit steht. Die Kinder müssen wir in die Mitte nehmen, das ist ein ganz zentraler Punkt. Es wird heuer für viele ein schwieriges Weihnachtsfest werden. Auch jetzt, wenn wir Abstand halten müssen, müssen wir uns innerlich nahe bleiben, das Gespräch über den Gang suchen. Ein Thema ist dabei die Einsamkeit. Da muss uns in Österreich ein Pakt gegen die Einsamkeit gelingen.
 
INSIDER: Wir erleben eben nicht nur eine Gesundheits- und Wirtschaftskrise, sondern viele spüren auch eine seelische Krise. Können sich Mitmenschen, die daran leiden, an die Caritas wenden?
LANDAU: Wir haben genau dafür das „Plaudernetz“ – 05 1776 100 – etabliert. Eine Hotline, über die einsame Anrufer Freiwillige finden, die gerne mit ihnen sprechen. Das ist wichtig, denn die Einsamkeit macht krank.
 
Hinweis: Wer jetzt aktiv helfen will: www.zeitschenken.at und www.schenkenmitsinn.at und das Spendenkonto der Caritas: Erste Bank, IBAN: AT23 2011 1000 0123 4560 BIC: GIBAATWWXXX
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