'Neonazis, Rattenfänger und die dritte Welle'

Corona-Insider von Isabelle Daniel

'Neonazis, Rattenfänger und die dritte Welle'

Isabelle Daniel versorgt Sie täglich mit unserem neuen Corona-Insider. Wie geht es weiter mit der Pandemie? Wie schlägt sich Österreich? Was plant die Politik? Alle Antworten im Corona-Insider, täglich neu.

Neonazis, Rattenfänger und die dritte Welle

Sie riefen „Sieg Heil“, streckten den Arm zum „Hitlergruß“, fabulierten etwas von „Judenpresse“, „great reset“ und anderen absurden und rechtsextremen Verschwörungstheorien. All das waren Szenen, die sich in Wien am Samstag wieder einmal abgespielt hatten.

Ja, nicht alle, die am Samstag gegen die Anti-Covid-Maßnahmen demonstriert hatten, teilen dieses ekelhafte neonazistische Gedankengut. Vermutlich ist es sogar eine Minderheit. Der Haken: Die Menschen wissen mittlerweile, dass im Hintergrund dieser „Proteste“ – die feigerweise als „Spaziergänge“ ausgegeben werden – führende Figuren der rechtsextremen und neonazistischen Szene involviert sind. Also, sorry, wenn man merkt, dass andere Polizeisperren durchbrechen, wenn man mitkriegt, wie manche eindeutig antisemitischen Dreck brüllen, geht man. Bleibt man hingegen, toleriert man es zumindest.

Dass die FPÖ mit von der Partie ist, verschlimmert die Angelegenheit noch. Ex-FPÖ-Innenminister Herbert Kickl weiß schließlich ganz genau, wer seit Wochen über Telegram mobil für diese Demos macht, die zunehmend aggressiver werden. Entweder er hat kein Problem mit diese Figuren – z.B. mit Gottfried Küssel – oder er nimmt es bewusst in Kauf, um politisches Kapital daraus zu schlagen.

Jedenfalls sind verdammt viele Rattenfänger unterwegs

Abgesehen von der unheilvollen Ideologie, konnte man unter sehr vielen dieser Demonstranten auch wieder einmal beobachten, wie wenig sie vom Schutz Dritter halten. Denn die vorgeschriebenen Masken waren Mangelware.

Und das bringt wiederum andere in Gefahr. Zu einem Zeitpunkt, an dem die Neuinfektionen im Vergleich zum vergangenen Montag um 43 Prozent gestiegen sind. Und die Intensivstationen sich immer rascher füllen.

Kein Wunder, dass man in der Wiener Innenstadt verängstigte ältere, aber auch jüngere Menschen sah, die die Rücksichtslosigkeit vieler bei dieser Demo nicht goutierten.

Auch Geschäftsleute in der Innenstadt leiden unter diesen Demos, die Samstag für Samstag den Ring lahmlegen und Menschen aus der Innenstadt vertreiben. Aber vielleicht ist das ja Teil der Strategie?

Ein genauer Blick, wer hinter diesen Demos steckt, könnte darüber Auskunft erteilen.  Zum einen sind es natürlich Kickl und seine direkte blaue Gefolgschaft – der FPÖ-Mandatar Martin Graf, der einst mit seinen „Totengedenken“-Auftritten am 8. Mai für Wirbel sorgte, darf freilich ebenso wenig fehlen wie andere Blaue. Der formale FPÖ-Chef Norbert Hofer dürfte eher Getriebener sein.

Küssel lauschte der Kickl-Rede

Kickls Rede lauschte am Samstag wiederum niemand Geringerer als Gottfried Küssel. Dieser ist wiederum einstiger „Führer“ der heimischen Neonazis und saß bereits zwei Haftstrafen nach dem NS-Verbotsgesetz ab. Er passt freilich auf, nicht allzu sehr mit Gesetzen in Konflikt zu geraten, ist aber omnipräsent und natürlich nie mit Maske zu sehen.

Seine einstigen Gefolgsleute von der VAPO sind ebenso allgegenwärtig wie die Identitären um Martin Sellner. Dazu kommen mittlerweile neuere Anführer dieser Szene.

Und: Es waren auffallend viele Deutsche in Wien. Dass FPÖ und AfD – in Deutschland unter Beobachtung des Verfassungsschutzes – kooperieren, ist bekannt.

Kickls Reden sind Wasser auf ihre Mühlen.

Dass zunehmend Menschen auf diese Demonstrationen gehen, verwundert freilich den Verfassungsschutz wenig. Was uns zu den Rattenfängern zurückbringt. Sie spüren die Verunsicherung von immer mehr Menschen, die unter den wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie leiden und verstärken diese Ängste.

Auf Fakten – die Intensivstationen füllen sich und mit einer starken dritten Welle gefährdet man noch mehr Betriebe und Jobs – gehen die Agitatoren freilich nicht ein.

Ihre Aktionen – wenn Massen laut skandieren, steigt naturgemäß auch die Ansteckungsgefahr im Freien, wie Demonstrationen dieser Art in Deutschland und USA belegten – verstärken das Problem.

Maskenlose und immer aggressivere Figuren

Nachweisbar stiegen auch viele ohne Masken danach in U-Bahnen oder Straßenbahnen, was wiederum erneut Dritte gefährdet. Mit der B.1.1.7-Variante, die weit ansteckender ist, reicht es nicht mehr aus, wenn nur Vorsichtige die FFP2-Maske tragen. In geschlossenen Räumen mit mehreren Maskenlosen könnten sich auch jene mit Mundnasenschutz anstecken.

Herbert Kickl und die Seinen sind mittlerweile offenbar ganz auf AfD-Kurs eingeschwenkt.

Und was werden diese Politiker und ihre Anhänger sagen, wenn die dritte Welle immer stärker wird?

Was die Herren Küssel und Co wollen, ist allen klar. Aber will auch Kickl das totale Chaos? Will er Szenen, wie wir sie nach Trump-Reden im US-Kapitol gesehen haben?

Am Samstag gab es bereits Verletzte.

Das Recht auf Demonstrationsfreiheit ist wichtig. Aber die Gefährdung Dritter und „Sieg Heil“-Rufe haben auf den Straßen Wiens nichts zu suchen.

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