Corona-Insider von Isabelle Daniel

Wie stark ist Sebastian Kurz noch?

Wie stark ist Sebastian Kurz noch?
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Isabelle Daniel versorgt Sie täglich mit unserem neuen Corona-Insider. Wie geht es weiter mit der Pandemie? Wie schlägt sich Österreich? Was plant die Politik? Alle Antworten im Corona-Insider, täglich neu.

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Und wenn wir alles aufmachen?

Die Hölle, das sind die anderen, sagt Garcin in Jean Paul Sartres „geschlossene Gesellschaft“. Ein Satz, der – zwar immer wieder falsch interpretiert wurde – aber perfekt auf unsere Pandemiesituation passt. Schuld, das sind immer nur die anderen, oder? An diesem sonnigen Freitag stehen wir wieder einmal vor einer Weggabelung. Oder, frei nach Gesundheitsminister Rudolf Anschober: Die nächsten Tage werden entscheidend. „Ein neuerlicher dynamischer Anstieg der inzidenten Fälle kann die Lage in den Intensivstationen zum Zusammenbruch führen“, schreibt die Corona–Ampelkommission.

Was trocken klingt, ist eine massive Warnung an die Regierung– von ihren eigenen Experten. Wirtschaftskammer, ein Großteil der Bundesländer und wohl die Mehrheit der Bevölkerung wollen, dass die Regierung am Montag Lockerungen verkündet.

Können wir ab Mitte März Lokale, Hotels, Kultur, Sport und was immer öffnen?

Können kann man alles. Man sollte nur auch wissen, wohin es führt.

Wovor die Experten jetzt warnen

Laut Ampel–Kommission wurden nur maximal 15 Prozent der Neuinfektionen der vergangenen zwei Wochen durch die Antigentests entdeckt. Das zeigt, dass der Anstieg der Neuinfektionen nur am Rande mit den Rekordtestzahlen zu tun hat.

Das exponentielle Wachstum – wie gestern beschrieben – ist real und setzt sich fort. Zeitgleich wächst der Anteil an der B.1.1.7 Mutation. In weiten Teilen des Landes ist die ansteckendere Variante des Coronavirus bereits die dominante Variante. Österreichweit wird sie mit 57 Prozent angegeben.

Leider hört das Wachstum dieser Variante – sie verdoppelt sich je mach heimischer Region jeweils alle zwei bis vier Wochen – leider nicht bei 100 Prozent auf. In zwei Wochen könnte sie etwa in Wien bei 110 Prozent liegen, im Burgenland und der Steiermark bereits bei 140 Prozent. In Vorarlberg – dem derzeitigen Musterschüler – erst in vier Wochen bei 30 Prozent.

Das sind doch nur Zahlen? Ja, aber die werden sich nicht nur in den Neuinfektionen, sondern auch in den Spitälern niederschlagen. Die Ampel–Kommission – sie war vor der zweiten Welle äußerst zurückhaltend – rät der Bundesregierung daher dringend „allfällige Öffnungen zu überdenken“. Was, wenn wir doch öffnen? Kann man das „Restrisiko“ eingehen, wie Ages–Leiter Franz Allerberger meint? Was wollen eigentlich Bundeskanzler Sebastian Kurz und Gesundheitsminister Rudolf Anschober wirklich? Und sind wir mehr Visegrad als Westeuropa?

Stellen wir uns also vor, dass wir mitten im exponentiellen Wachstum Mitte März auch Indoor-Gastronomie, Touristik, Kultur- und Sporteinrichtungen neben Handel, Dienstleistungen und Schulen wieder ganz öffnen.

Wie groß wäre dieses Restrisiko, das etwa Ages-Leiter Franz Allerberger kürzlich „wagen“ wollte? Ein Blick nach Tschechien – sie öffneten, während ihre Infektionszahlen stiegen – könnte einen bitteren Einblick geben. Sie befinden sich in einer dritten Welle, die ihr Gesundheitssystem gerade zum kollabieren bringt. Ist das eins zu eins mit uns vergleichbar?

Nein, Österreich hat ein besser ausgebautes Gesundheitssystem. Wir hätten also mutmaßlich ein bis zwei Wochen mehr Zeit bevor die „Hölle“ (Copyright Tschechiens Premier) losgehen würde. Wir reden also von Ende März. Aber wir testen doch viel mehr und würden ja Eintrittstests machen, kann man jetzt einwenden.

Vorarlberg könnte es wagen, der Rest nicht

Das stimmt auch. Das könnte mutmaßlich einen Teil der Cluster verhindern. Nur leider sind – da sind sich alle Laborärzte einig – Antigentests nur für den Tag, an dem sie gemacht wurden, gültig. Das heißt, wer heute negativ getestet wurde, könnte morgen bereits positiv sein. Übersetzt: Bei sehr hohem Infektionsgeschehen würden Tests, die 48 Stunden alt sind, zu viele Cluster leider doch nicht verhindern.

Das Eintrittstesten ist ein ideales Instrument für Zeiten, in denen die Zahlen stabil sind, bestätigen Wissenschafter. In Vorarlberg etwa – auch, wenn sich auch dort die B.1.1.7 Mutation bald ausbreiten wird – hätte man weit mehr Spielraum, das zu probieren als in Niederösterreich, Burgenland, Steiermark, Kärnten oder Wien.

Regional Flammen rasch löschen

Sind wir mehr Visegrad als Westeuropa, fragen manche Experten, weil so viele Landeshauptleute ähnlich wie Tschechien oder die Slowakei trotz steigendem Infektionsgeschehen und weit ansteckenderer Mutante öffnen wollen? Nicht unbedingt.

In Frankreich – dort haben freilich nur Handel und Schulen offen – ignoriert Präsident Emmanuel Macron seit ein paar Wochen die Warnungen seiner meist sehr treffsicheren Wissenschafter, die sogar einen neuerlichen sehr harten Lockdown forderten, und ist mit erneut steigenden Spitalszahlen konfrontiert. Warum? Weil man regional nicht rasch genug reagiert hatte. Kommt Ihnen bekannt vor? Hermagor, Zillertal, Wiener Neustadt und Co lassen grüßen.

Reagiert man rasch im Kleinen, verhindert man, dass die Funken auf immer andere Regionen überspringen und ein immer größeres Feuer auslösen. Das haben wir ebenso verabsäumt wie Frankreich. Ob wir mehr Visegrad sind, wird sich am Montag beim Gipfel zeigen.

Sämtliche Experten, die die Regierung beraten – egal, ob die Epidemiologen, die Virologen, die Infektiologen, die Intensivmediziner, die Mathematiker oder Physiker – ratender Politik davon ab, ab Mitte März weitere Indoor-Öffnungen zuzulassen. Wirtschaft, das Gros der Landeshauptleute, FPÖ und Neos fordern die Öffnungen.

„Wissenschafter dürfen nicht entscheiden“

„Wissenschafter dürfen nicht entscheiden“, hört man oft. Tun sie eh nicht. Es ist und war immer eine Entscheidung der Politik. Man kann öffnen. Man kann sagen – so ehrlich muss man dann sein - dass man tausende Tote (Menschen, die nicht sterben müssten) in Kauf nehem würde, dass man das Risiko, Spitäler erneut an oder gar über ihr Limit gehen zu lassen, eingehen will. Ein Szenario, das laut der Ampel-Kommission sehr real ist. Donald Trump etwa entschied sich dafür. Tschechien offensichtlich auch.

Man kann sagen, dass man weitere Reisewarnungen gegen Österreich, weitere Grenzschließungen in Kauf nimmt. All das ist legitim. Auch, wenn es ethisch mehr als zweifelhaft ist. Ist es aber auch – jenseits der moralischen Komponente – klug?

Kanzler Sebastian Kurz und Gesundheitsminister Rudolf Anschober glauben das eher nicht. Sie wissen, dass sie Wirtschaft und Arbeitnehmer damit nur den kurzfristigen Spatz in der Hand geben, aber der Taube am Dach berauben würden. Tschechien muss wieder in einen brutal harten Lockdown. Frankreich demnächst wohl auch.

Die Hölle, das sind nicht die anderen

Ob Kurz und Anschober noch stark genug sind, sich noch durchzusetzen, wird sich Montag weisen.

Es würde Alternativen geben: Man muss regional reagieren – alle Bezirke über einer Inzidenz von 200 brauchen Massenhaft PCR-Tests, Verschärfungen mit Mobilitätsbeschränkungen. In der Zwischenzeit muss man impfen, impfen, impfen. Man muss noch mehr Menschen zum Testen bewegen. Man muss alle Bundesländer dazu bringen, auch die PCR-Tests auszuweiten, wie es Wien und Niederösterreich machen. Dann können wir nach Ostern vielleicht wirklich laue Stunden in Gastgärten genießen. Und den Hotels, der Kultur und dem Sport Öffnungsperspektiven geben. Die Politik und die Bevölkerung haben die Wahl.

Nur eines muss klar sein: die Hölle, das sind dann nicht „die anderen“.

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