Wiener Festwochen 2012 .- Luc Bondy

Intendanz

Luc Bondy greift nach Salzburger Festspielen

 "Ich kann nicht leugnen, dass es mich reizen würde", preist sich Bondy an.

Am 17. Juni feierte Luc Bondy seinen Abschied als Intendant der Wiener Festwochen und erhielt das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien. Am 17. Juli feierte der in Zürich geborene und in Frankreich aufgewachsene Intendant, Regisseur und Autor seinen 65. Geburtstag. Wenige Wochen vor Ende der Ausschreibungsfrist der Intendanz der Salzburger Festspiele meldet der derzeitige Leiter des Pariser Odeon-Theaters nun in einem per Mail geführten APA-Interview sein Interesse an den Salzburger Festspielen an.

Hier Luc Bondy im APA-Talk

APA: Herr Bondy, Mitte Juni sind Sie mit einem kleinen Fest nach 16 Jahren Tätigkeit von Wiener Festwochen verabschiedet worden. Wie häufig denken Sie jetzt, fast zwei Monate danach, noch an Österreich?

Luc Bondy: Darüber nachzudenken ist vielleicht noch zu früh - die Erinnerungen an die Wiener Zeit und ihre Auswertung (inklusive Selbstkritik) werden sich in mich einschleichen, ob ich will oder nicht.

APA: Sie haben gemeint, es wäre schön, wenn sie durch die eine oder andere Inszenierung oder Koproduktion auch weiterhin in Österreich präsent bleiben würden. Gibt es da bereits konkrete Pläne oder Gespräche? Es gab doch auch Gespräche mit den Salzburger Festspielen?

Bondy: Ja sowohl an der Burg wie in Salzburg gibt es Gespräche, Verhandlungen. In Salzburg sogar über zwei Uraufführungen, darunter György Kurtags erste Oper.

APA: Alexander Pereira wird ihrem früheren Festwochen-Musikchef Stephane Lissner an der Scala folgen. Neuerlich hatten die Salzburger Festspiele dadurch einen Kurzzeit-Intendanten und sind derzeit wieder auf der Suche. Was sagen Sie zu der dortigen Situation?

Bondy: Ich kenne seit Mortiers glänzender Zeit die Situation in Salzburg nicht mehr. Das letzte von Flimm noch geplante Jahr, das Hinterhäuser verwaltete, soll spannend gewesen sei. Der Initiator selber ging nach Berlin. Ich glaube, Salzburg müsste zu seinen Ursprüngen zurück: Reinhardt, Strauss, Hofmannsthal. Das heißt, ein Ort der Ideen zu einer (widersprüchlicherweise) noch nicht ganz erfassten Zeit. Dann, im Mortier'schem Sinn: große Werke der Klassik kreieren unter Bedingungen und Arbeitsvoraussetzungen, die es in der gängigen Oper nicht mehr gibt, Wiederentdeckungen machen von Werken der frühen 20er Jahre, freilich auch Uraufführungen, und sowieso die großen und ewigen Komponisten. Es wäre schön, jene wieder raffiniert und nicht ideologisch zu inszenieren, eine schwere Aufgabe, weil sie von den verschiedenen Interpreten abhängig ist. Das Theater- und Opernprogramm bedürften sicher gemeinsamer, zumindest einander ergänzender Programme. Für Uraufführungen müssen Autoren ermutigt werden. Die Geste für Salzburg ist das große internationale Labor: Es ist nötig, sich ausführlich mit den Künstlern auseinanderzusetzen und Dirigenten und Regisseure präzise zusammenzuführen.

 APA: Ist Salzburg ein Job, der auch Sie reizen könnte - oder sind dort die Weichen bereits allzu deutlich für Markus Hinterhäuser, ihren Nachfolger bei den Wiener Festwochen, gestellt?

Bondy: Ich kann nicht leugnen, dass es mich reizen würde. Natürlich interessiert mich Salzburg. Ich glaube, dass dies aus meiner beruflichen Laufbahn mehr als einsichtig ist. Ein Festival ist für einen Regisseur eine große Inszenierung und nicht nur Management. Für eine solche Aufgabe braucht man auf jeden Fall internationale Erfahrung in Oper, Theater und vor allem Kommunikationsfāhigkeiten - für all' das garantiere ich. Daher lasse ich mich gern darauf ansprechen. Ich würde mich mit so guten Mitarbeitern umgeben wie möglich - das ist sicher meine Tugend. Mein Katalysator-Talent ist eine Spätentdeckung... Aber nach Mortier ist es so und so schwer, auch noch viele Jahre danach. Seine tiefe Ahnung und künstlerische Courage bleibt gültig und für mich beispielgebend.

APA: Im Oktober inszenieren Sie Ödön von Horvaths "Don Juan kommt aus dem Krieg" am Berliner Ensemble. Was interessiert Sie an diesem selten gespielten Stück?

Bondy: Es ist eine Skizze, gleichzeitig mehr als das, über den mythischen Helden, der, vom Krieg kommend, ein anderer geworden ist: Er sucht endlich die EINE Frau... Diese lebt nicht mehr. Die Sprache ist großartig, verlangt Luft, Atmosphäre und keine blöde Ironie. Es ist für mich ein fast musikalisches Abenteuer.

APA: Das neue Stück von Peter Handke, "Die Unschuldigen und ich", bringt dort aber wieder Claus Peymann zur Uraufführung. Vor "Die schönen Tage von Aranjuez" hatten Sie gesagt: "Es wird sicher nicht so, wie sich Peter Handke das vorstellt." Wie hat Handke auf Ihre Inszenierung reagiert - und hätten Sie nicht gerne auch den neuen Handke zur Uraufführung gebracht?

Bondy: Vielleicht war ich nicht der geeignetste Regisseur für ihn. Aber ich finde natürlich, dass ein solcher Autor niemandem verpflichtet ist. Umgekehrt gilt das auch. Das neue Stück kenne ich nicht.

APA: Im Jänner werden Sie "Die falschen Geständnisse" von Marivaux mit Isabelle Huppert inszenieren. Sind Sie zufrieden mit dem Beginn Ihrer Intendanz am Pariser Odeon? Sind Ihre Pläne bisher dort aufgegangen?

Bondy: Zunächst wurde ich von Nicolas Sarkozy ernannt, mit der Zusage einer zusätzlichen Subvention. Die Kasse war nämlich leer, ich hätte in einem repertoirelosen Theater nicht mehr als ein Stück mit einem Schauspieler herausbringen können. Zwei Monate später kamen die Sozialisten mit Holland. Der Berater der Kulturministerin bestellte mich frühmorgens in ein Cafe in Avignon und sagte mir, ich müsste wissen, dass es dieses Geld nun nicht mehr gäbe - ein wenig so, als hätten die Vorgänger die Staatskasse geraubt. Ich habe es grimmig hingenommen. Dank der anfänglichen und einmaligen Zusatzsubvention habe ich eine erfolgreiche Saison zusammengebracht: Zum ersten Mal seit Jahren läuft das Odeon so gut wie kein anderes Theater in Paris. Das Kulturministerium ist nun sehr freundlich zu mir. Doch weil die französische Finanzkrise andauert, und ich mit wenig Geld mein Programm mache, habe ich einen Freundeskreis gegründet, den "Le Cercle des Amis de l'Odeon" - und siehe da, mein Programm gefällt ihnen und der Kreis wird immer größer.