ORF zeigt "Schatten der Vergangenheit"

Wiener Philharmonikern

ORF zeigt "Schatten der Vergangenheit"

ORF-Doku zeigt "Die Wiener Philharmoniker im Nationalsozialismus".

Einen Tag bevor sich der "Anschluss" Österreichs an Nazi-Deutschland zum 75. Mal jährt beschäftigt sich am 11. März ab 22: 50 Uhr auf ORF 2 eine neue Fernseh-Dokumentation des ORF mit den "Schatten der Vergangenheit". "Die Wiener Philharmoniker im Nationalsozialismus" lautet der Untertitel des Films von Robert Neumüller, in dem auch die drei Historiker Oliver Rathkolb, Bernadette Mayrhofer und Fritz Tümpi zu Wort kommen, die in den vergangenen Wochen in den Archiven recherchierten. Ihre Ergebnisse wollen sie heute, Sonntag, Abend, im Rahmen einer Pressekonferenz vorstellen. Sie sollen auch im Internet veröffentlicht werden.

Brauner Einfluss auf das Orchester

Derzeit heißt es auf der Philharmoniker-Homepage zur Zeit des Nationalsozialismus: "1938 griff auf brutalste Weise die Politik ins philharmonische Geschehen ein: Die Nationalsozialisten entließen fristlos alle jüdischen Künstler aus dem Dienst der Staatsoper und lösten den Verein Wiener Philharmoniker auf. Lediglich die Intervention Wilhelm Furtwänglers bewirkte die Annullierung des Auflösungsbescheides und rettete die 'Halbjuden' und 'Versippten' vor Entlassung und Verfolgung. Dennoch hatten die Wiener Philharmoniker die Ermordung von sechs ihrer jüdischen Mitglieder in den Konzentrationslagern sowie den Tod eines jungen Geigers an der Ostfront zu beklagen."

Über die Studie "Politisierte Orchester"  
Mayrhofer und Tümpi, der bereits die Studie "Politisierte Orchester" über die NS-Vergangenheit der Wiener und der Berliner Philharmoniker veröffentlicht hat, wollten bereits früher in den Archiven des privaten Vereins der Wiener Philharmoniker recherchieren. Erst durch beharrliche Kritik des Bildungssprechers der Grünen, Harald Walser, scheint die Bereitwilligkeit des Orchesters, unabhängige Forschung zuzulassen, gestiegen sein. Jedenfalls lichten sich auch in der TV-Dokumentation die "Schatten der Vergangenheit" durch neue Archivfunde und Zeugenaussagen. "Wir können nicht sagen: Die Uraufführung der Achten Bruckner, der Zweiten und Dritten Brahms, der Neunten Mahler - das waren wir. Aber 1938 bis 1945 - das waren die anderen. Das ist undenkbar", sagt Philharmoniker-Vorstand Clemens Hellsberg, der selbst mit "Die Demokratie der Könige" das historische Standardwerk über die Wiener Philharmoniker vorgelegt hat, eingangs des Films. Tatsächlich enthüllt sich mehr als eine typisch österreichische Geschichte von Anpassung, Verfolgung und Denunziation.

Orchestermitglieder mit Parteimitgliedschaft
60 von 123 Orchestermitgliedern hatten NS-Parteimitgliedschaft - weit mehr als der Bevölkerungsdurchschnitt. Und nur zehn dieser Musiker mussten nach 1945 das Orchester verlassen. Zu den zwei, die später wieder aufgenommen wurden, gehörte auch der Trompeter Helmut Wobisch (1912-1980), der bereits 1933 Partei- und SS-Mitglied war, am 1. Mai 1945 fristlos entlassen und 1951 wieder eingestellt wurde. 1954 bis 1968 war er Geschäftsführer der Wiener Philharmoniker, 1967 erhielt er das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Wobisch sei es auch gewesen, der Kriegsverbrecher Baldur von Schirach bald nach dessen Entlassung aus Spandau 1966 ein Duplikat des 1942 verliehenen Philharmoniker-Ehrenrings nach München gebracht habe, enthüllt Historiker Wilhelm Bettelheim im Film ein bisher sorgsam gehütetes Geheimnis. Dies habe er ein Jahr später von Dirigent Josef Krips erfahren. "Eine Einzelaktion", sagt Hellsberg.

NS-Zeit Startschuss für "Neujahrskonzert"

Dass die Anfänge der heute weltberühmten Neujahrskonzerte der Wiener Philharmoniker in die NS-Zeit fielen, thematisiert der Film ebenso wie Aktenfunde, wonach sich nationalsozialistische Orchestermitglieder für ihre entlassenen jüdischen Kollegen einsetzten. Während einer Probe mit Franz Welser-Möst werden am Ende des Films die Auswirkungen des Nationalsozialismus auf das Orchester verdeutlicht. Nach und nach verlassen Musiker die Probe, um auf Kollegen aufmerksam zu machen, die einst an gleicher Stelle im Orchester waren und vertrieben oder ermordet wurden. Fünf Musiker kamen in Konzentrationslagern um oder wurden ermordet, einer verstarb infolge der Delogierung aus seiner Wohnung, einer starb vor seiner Deportation. Zehn Kollegen wurden entlassen oder vertrieben. Von ihnen kehrte keiner mehr zurück.

Info
Schatten der Vergangenheit - Die Wiener Philharmoniker im Nationalsozialismus", am 11. März, ab 22:50Uhr auf ORF 2.

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