"Rivonia": Dear Readers ätherischer Pop driftet ins Politische

"Rivonia"

Dear Reader bringt neue Platte heraus

Am 5. April erscheinendes Album behandelt die Geschichte Südafrikas.

Auf ihrem letzten Album beschäftigte sich Cherilyn MacNeil mit der tierischen Seite des Menschen, zwei Jahre später hat auf "Rivonia" ein mitunter düsterer, politischer Grundton in die Songs von Dear Reader Einzug gehalten. Das Projekt der gebürtigen Südafrikanerin, die seit einigen Jahren in Berlin lebt, erhält damit trotz aller popmusikalischer Leichtigkeit eine neue Tiefe, beschäftigt sich die junge Sängerin auf dem am 5. April erscheinenden Werk doch mit der Geschichte ihres Heimatlandes. Wobei sie nicht mit erhobenem Zeigefinger agiert: "Ich habe gar nicht die Legitimation dazu. Ganz im Gegenteil: Ich fragte mich ständig, ob ich das überhaupt machen darf."

Hier eine kleine Hörprobe "Down Under"



Auseinandersetzung mit der Heimat  

Entstanden ist das Konzept des Albums durch den Umzug nach Europa. "Ich habe total ignorant begonnen", erklärt die zierliche Musikerin der APA im Interview. In Berlin sah sie sich mit Fragen zu ihrer Heimat, zu Nelson Mandela, zu sozial-politischen Themen konfrontiert. "Das waren Dinge, die ich peinlicherweise nicht beantworten konnte. Ich wollte immer der wirklichen Welt entkommen, deshalb habe ich solchen Sachen wohl keine Aufmerksamkeit geschenkt. Aber aus meiner Verlegenheit ist dann der Wunsch nach Wissen entstanden." Stunden vor dem Laptop oder über Bücher wie Mandelas Autobiografie "Long Walk To Freedom" gebeugt waren die Folge. "Es war etwas sehr Natürliches, was da passiert ist." Herausgekommen sind elf Songs, musikalisch reduzierter und fokussierter als die bisherigen Arbeiten und vor allem textlich mit deutlich mehr Gewicht. Im Zentrum steht die Gegend Rivonia, die der Platte auch ihren Titel gegeben hat. Wo MacNeil ihre Kindheit und Schulzeit verbrachte, wurde 1963 "quasi die ganze Führung des ANC (African National Congress, Anm.) festgenommen", wie sie erzählt. Was für MacNeil also lange Zeit "das Rivonia eines weißen, gutbürgerlichen Mädchens" war, erhielt neue Facetten für die Endzwanzigerin: "Das ist Südafrika für mich: Ein Bewusstsein dafür, wie viele verschiedene Erfahrungen es gibt und wie fragmentiert unsere Kultur ist."

Viel Politisches Verarbeitet
Stücke wie das von der Verhaftung handelnde "Took Them Away" oder "26.04.1994" über die ersten demokratischen Wahlen in Südafrika durchzieht trotz ernstem Tenor aber eine lyrische Leichtigkeit, die von markanten Pianoklänge und Perkussion umrahmt wird. Womit MacNeil dem Credo "Weniger ist mehr" zu folgen scheint, ihre Songs bis auf das harmonische Grundgerüst entkleidet und diese Essenz durchwegs eingängig und zwingend arrangiert. Pop bleibt schließlich Pop. "Es ist ja keine komplette Geschichtsarbeit über Südafrika, auch wenn die Songs teils auf wahren Begebenheiten beruhen", resümiert sie: "Und ich bin in ihnen. Das ist unausweichlich. Wie hat dieser Charakter diese Situation gesehen, empfunden, erlebt? Es ist wie Fiktion inspiriert durch Geschichte."  Entstanden ist der persönliche Blick auf die eigene Heimat im stillen Kämmerchen. "Es war nicht unbedingt das gemeinschaftlichste Projekt", lacht MacNeil, "sondern mehr ich in meinem Zimmer - alleine über Stunden und Stunden, bis ich beinahe wahnsinnig wurde." Das Endresultat ist aber kein kammermusikalischer Pop, sondern durchaus raumgreifend. Wobei die Umsetzung für die ausführenden Studiomusiker nicht immer ganz einfach gewesen sein dürfte. "Sie kannten ja nicht das ganze Bild, das in meinem Kopf war. Sie hörten immer nur: 'Das müsst ihr so spielen! Nein, langsamer hier! Das vorgezogen!'", imitiert MacNeil die strenge Komponistin: "Als ob sie blind wären, mussten sie sich ganz auf mich verlassen. Ich war also die Chefin, das war schön."

Dear Reader live in Linz
Live wird Dear Reader als fünfköpfiges Ensemble unter anderem in Linz (11. Mai im Posthof) Station machen. "Ich dachte eigentlich, dieses Album sei reduzierter - was es auch auf gewisse Weise ist. Aber gleichzeitig brauche ich vier starke Stimmen, um die Songs umzusetzen." Mittels verschiedenster Instrumente und einer Loop-Station wird man sich dabei an den Studioversionen entlanghangeln, die offener als frühere Arbeiten sind. "Es gibt nur eine sehrbestimmte Palette von Farben diesmal. Dieser Fokus hat mir sehr geholfen, als ich das Album produziert habe."

Info
Alle Informatioen zu Dear Reader konzert finden Sie unter www.oeticket.com.

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