ÖSTERREICH-Interview

"Man hat gedacht, Gott verschwindet"

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Professor Paul Zulehner, Priester, Religionssoziologe und Dekan an der Uni Wien, im Gespräch mit Österreich über die aufsehenerregende Studie.

ÖSTERREICH: Wie religiös sind die Österreicherinnen und Österreicher?

Paul Zulehner: In früheren Jahren, etwa in den Siebzigern, hat man gemeint, dass Gott überhaupt verschwinden wird. Oder dass Gott so sehr in das Innere des Menschen verschwinden wird, dass kaum mehr etwas sichtbar ist. Diese Prognosen haben sich nicht bewahrheitet.

ÖSTERREICH: Die Religiosität ist also nicht verschwunden?

Zulehner: Es gibt ja Leute, die sprechen sogar von Renaissance der Religion. Wir sagen, es gibt eine spirituelle Dynamik in säkularen Kulturen. Die Annahme, Religiosität sei verschwunden, wirkt rückblickend fraglich.

ÖSTERREICH: Manche sprechen sogar von einem Comeback Gottes.

Zulehner: In den bekannten Lebensübergängen Heirat, Geburt und Tod kommt, wie unsere Daten zeigen, eine relativ stabile Religiosität zum Vorschein. Wenn etwa bei einem Todesfall der Schmerz des Verlustes zu meistern ist, dann ist die Suche nach religiösen Ritualen gegeben.

ÖSTERREICH: Ist Religiosität in manchen Bevölkerungsgruppen stärker verankert als in anderen?

Zulehner: Ja, sicher. Einerseits scheinen Frauen da mehr Begabung zu haben als Männer. Andererseits sind die Jüngeren heute eher auf der Suche, als dass sie in Gewissheiten leben. Aber Gott ist für die ganz Jungen wieder interessant.

ÖSTERREICH: Der Religionsmonitor zeigt, dass Religiosität für den Einzelnen bei herausragenden Lebensereignissen eine große, aber bei Politik oder Sexualität kaum eine Rolle spielt.

Zulehner: Ja, aber das ist ja auch erfreulich. Da sehe ich gar kein Problem. Ich denke, man sollte nicht dauernd die Religion mit weltlichen und alltäglichen Dingen verwechseln oder gar erschweren.

ÖSTERREICH: Zu denen Sexualität zählt.

Zulehner: Ja, oder auch die Politik oder die Wirtschaft, da sind die Werte (für die Bedeutung der Religiosität; Anm.) noch niedriger.

ÖSTERREICH: Aber die Gläubigen scheinen sich zu erwarten, dass Religion im öffentlichen Leben eine stärkere Rolle spielt.

Zulehner: Das ist ja voll im Gange. Erstens, weil ein modernes Christentum auf einen vormodernen Islam trifft. Allein das führt zu einer neuen Aufladung der Öffentlichkeit mit religiösen Themen. Zweitens wird gefragt, ob es gut sei, dass der Mensch alles tut, was er tun kann. Der Bedarf nach Ethik wächst. Es gibt ja kein Krankenhaus und keine Regierung, die ohne hoch qualifizierte Ethikkommission arbeiten kann. Auch die Jugend sieht an den Schulen einen Bedarf an Ethik-Unterricht.

ÖSTERREICH: Aber Religiosität und Kirchenbesuch gehen nicht Hand in Hand?

Zulehner: Um einen Vergleich zu machen: Als Arbeitnehmer wünsche ich mir eine starke Gewerkschaft, bin aber vielleicht nicht deren Mitglied. Die Menschen sind heute eben wählerisch.

ÖSTERREICH: Auch zu Weihnachten?

Zulehner: Es gibt Leute, die nicht Kirchenmitglieder sind, die aber jetzt zu Weihnachten in der Kirche sitzen. Es sind sehr viele neugierig und froh, wenn es in einer Kirche einen gut gestalteten Gottesdienst gibt. Es gibt ein stabiles religiöses Grundwasser. Da ist mehr vorhanden, als man von außen sieht.

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