Susanne Raab

Im Gespräch mit Susanne Raab

Ausweg aus der Gewalt-Spirale

"Jeder Gewaltakt gegenüber einer Frau ist einer zu viel", sagt Frauenministerin Susanne Raab im Interview. Letzte Woche wurde die neunte Frau getötet. Raab setzt auf Gewaltprävention. 

Der Blick aus dem Frauenministerium geht auf die Minoritenkirche. Beim Mittelfeld des Portals sieht man die trauernde Gottesmutter, gestützt von zwei Frauen mit Heiligenschein.
Auf den Schultern von Frauen lastet viel. Und das Frauenministerium selbst ist mittlerweile zum Super-Ressort mutiert. Es umfasst die Agenden Frauen, Gleichstellung, Familie, Jugend und Integration. Jede einzelne Thematik eine Mammutaufgabe.

Gewalt 

Gerade steht – nach der Bluttat an einer 35-jährigen Frau in Wien-Brigittenau – die ausufernde Gewalt an Frauen an oberster Stelle. Es wird Sicherheitsgipfel geben, Untersuchungen, Sensibilisierungskampagnen und weitere Präventionspakete.Wenn Frauenministerin Raab sagt, dass jeder Gewaltakt einer zu viel ist, sagt sie damit auch: Niemals wieder. Vielleicht geht ihr Blick dabei auf die steinernen Reliefs an der Minoritenkirche. Wo Frauen die Last der Welt tragen.
Im Sommer wird Raab zum ersten Mal Mutter. Auf ihrem Nachtkästchen liegt nun statt entspannender Lektüre ein neues Buch: Das erste Jahr, ein Baby-Ratgeber. Ob Mutter oder Ministerin, zum Babythema sagt sie strahlend: „Wir werden das Kind schon schaukeln.“

Insider: Neun Frauen wurden heuer bereits von ihren Partnern oder Ex-Partnern getötet...

Susanne Raab: Mein absoluter Schwerpunkt in der Frauenpolitik ist der Schutz vor Gewalt. Wir haben das Frauenbudget um 43 Prozent erhöht, ein großer Teil davon geht in den Gewaltschutz. Ich will, dass jede Frau weiß, dass es für sie einen Zufluchtsort und einen Ausweg aus der ­Gewaltspirale gibt. Wir setzen auch laufend neue Maßnahmen im Gewaltschutzbereich, wie etwa den Sicherheitsgipfel mit der Polizei, die Untersuchung aller Frauenmorde der letzten 10 Jahre sowie eine neue Informationskampagne.

Insider: Es gibt Auswege …
Raab: Wir haben in mehr als 90 Prozent aller Bezirke in Österreich eine Mädchen- und Frauenberatungsstelle. Es war auch in Corona-Zeiten jederzeit gesichert, dass es hier genügend Kapazitäten gibt. Wir haben immer noch ein konstant hohes Niveau an Betretungsverboten, rund 1.000 pro Monat. Einerseits muss Frauen eben ein Zufluchtsort geboten werden, andererseits muss auch mit den Männern gearbeitet werden. Daher wird es ab Sommer eine verpflichtende Anti-Gewalt-Schulung nach Wegweisungen geben.


Insider: Sie haben gesagt, es sind die Frauen, die in der Corona-Krise „unser Land am Laufen halten“.
Raab: Frauen haben in der Krise Übermenschliches geleistet, das verdient unseren größten Respekt. Wenn ich nur an den Lebensmitteleinzelhandel oder den Gesundheitsbereich denke: Das sind Branchen, wo 70 Prozent Frauenanteil herrscht. Dazu kommt noch die Mehrfachbelastung zu Hause. Es sind zumeist die Frauen, die mit ihren Kindern Homeschooling machen und dazu die Hausarbeit, das Homeoffice unter einen Hut bringen.


Insider: Wenn es über Belastungsgrenzen hinausgeht?
Raab: Wir haben sichergestellt, dass es in schwierigen finan­ziellen Situationen Unterstützung gibt. So wurde der Familienhärtefonds nun noch einmal aufgestockt und ­verlängert. Es stehen zusätzlich 50 Millionen Euro zur Verfügung. Alle Familien, bei denen ein Elternteil in Kurzarbeit ist oder den Arbeitsplatz verloren hat, können bis Ende Juni ganz unbürokratisch Hilfe beantragen, was bis zu 3.600 Euro bedeutet. Davon profitieren besonders alleinerziehende Frauen.


Insider: Frauen verdienen nach wie vor bis zu 15 Prozent weniger als Männer.
Raab: Bei der Lohnungleichheit ist noch ein weiter Weg zu gehen. Hier gibt es keine One-size-fits-all-Lösung, es muss an unterschiedlichen Schrauben gedreht werden. Warum haben wir eine so große Lohnungleichheit? Zum einen, weil Frauen in weniger gut bezahlten Branchen tätig sind. Das muss man ändern. Wir müssen bereits Mädchen für mathematische oder technische Zukunftsbranchen begeistern, wo sie einfach mehr ver­dienen. Der zweite Punkt ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wenn es um einen Wiedereinstieg nach der Schwanger­schaft geht, muss es ein ausreichendes Netz an Kinderbetreuung geben. Da müssen wir uns auch Jahr um Jahr verbessern. Nicht nur, was die Kinderbetreuungsmöglichkeiten, sondern auch was die Flexibilität der Einrichtungen, also etwa die Öffnungszeiten, betrifft.


Insider: Es gibt von der EU einen Wiederaufbaufonds. 500 Millionen Euro sind für Frauen und Familien auf Schiene?
Raab: Ja, 500 Millionen aus dem EU-Wiederaufbaufonds sollen in Maßnahmen fließen, von denen Frauen und Familien besonders profitieren. Vor allem, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf betrifft, Stichwort Kinderbetreuung. Und in Umschulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen, damit Frauen wieder besser in den Arbeitsmarkt integriert werden und wir sie in besser bezahlte Zukunftsbranchen bringen können.


Insider: Integration in Zeiten der Pandemie: Ist es schwieriger geworden?
Raab: Die Grundlage für Inte­gration ist ja, dass Menschen zueinander kommen, miteinander sprechen, lachen, lernen. Das ist in der Krise sehr stark eingeschränkt. Wir haben deshalb auf digitale Integrationsformate gesetzt. Das ist sehr gut angenommen worden, und die Zahlen sind positiv. Das ersetzt aber niemals den persönlichen Kontakt. Daher ist es wichtig, dass alle Maßnahmen, wenn es die Pandemie zulässt, wieder volle Fahrt aufnehmen.


Insider: Ihre Erwartung an den neuen Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein?
Raab: Wir haben uns bereits bei mehreren Besprechungen kennengelernt, und ich freue mich auf eine gute Zusammenarbeit. Meine Erwartungshaltung ist, dass wir in der Pandemie und danach konkrete Maßnahmen umsetzen. Das Sozial- und Gesundheitsressort ist ein sehr breites, mit dem wir auch Überschneidungen haben, Stichwort Pensionssplitting, also die Übertragung von Teilgutschriften bei der Kindererziehung. Ebenso ist mir wichtig, wie wir Frauen in der Krebsvorsorge unterstützen können. Da befinden wir uns bereits im Austausch.


Insider: Ihre ganz persönliche Corona-Bilanz?
Raab: Es war ein hartes Jahr. Für die Regierung, für mich persönlich, für jeden Menschen. Es gab aber auch viele Erlebnisse, aus denen man Kraft schöpfen konnte. Ich bin optimistisch, und ich fühle eine gewisse Aufbruchsstimmung.


Insider: Sie werden im Juli Mutter. Auch bei Ihnen eine Mehrfachbelastung …
Raab: Ja, Anfang des Sommers werde ich Mama. Ich versuche, mich fit zu halten, und deshalb geht es mir ganz gut. Ich gehe so oft wie möglich spazieren, und ich werde den Sommer über zu Hause bleiben. Mein Mann wird dann ein Jahr in Karenz gehen, und es wird viel Flexibilität er­fordern, dass wir das hinbekommen. Ich habe aber im letzten Jahr so viele Frauen kennengelernt, darunter alleinerziehende Mütter mit drei Kindern, die nebenher arbeiten gehen und unglaubliche Herausforderungen meistern. Sie alle sind für mich große Vorbilder.

Interview: Harald Brodnig



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