Martin Kocher: "Minister in 20 Minuten"

ÖSTERREICH-Interview

Martin Kocher: "Minister in 20 Minuten"

Nur 20 Minuten brauchte der Ökonom Martin Kocher, um Arbeitsminister zu werden.

Wien. Er ist Marathon-Läufer – und auch sonst Mann schneller Entschlüsse: Der neue Arbeitsminister Martin Kocher im ersten ÖSTERREICH-Interview.
 
ÖSTERREICH: Wie lange Zeit hatten Sie für Ihre Zusage, als der Kanzler anrief?
 
Martin Kocher: Die Anfrage kam am Samstag spät am Abend, ich sprach mit meiner Frau – dann habe ich mal grundsätzlich zugesagt. Das waren vielleicht 20 Minuten.
 
ÖSTERREICH: Sie waren mit dem Kanzler per Du – kennen Sie ihn schon länger?
 
Kocher: Per Du waren wir bisher nicht. Natürlich kannten wir uns von vielen Gesprächen – da ging es darum, Instrumente gegen die Krise zu entwickeln.
 
ÖSTERREICH: Die SPÖ fordert eine Neuverteilung der Jobs mittels 4-Tage-Woche.
 
Kocher: Für alle Beschäftigten wäre das das falsche Instrument. Langfristig würden die Kosten das Faktors Arbeit erhöht. Dass es in einzelnen Branchen sinnvoll sein kann und es in Kollektivverträgen schon gibt, stimmt.
 
ÖSTERREICH: Sie planen ein 700-Mio.-Ausbildungspaket. Wird das reichen?
 
Kocher: 700 Millionen sind eine sehr große Zahl – und dieses Paket muss einmal ­organisiert und abgearbeitet werden. Ob es reicht, weiß ich jetzt noch nicht. Es gibt noch andere Dinge, Kombilohn-Modelle, Arbeitsmarkt-Stiftungen – und andere Instrumente.

ÖSTERREICH: Aber die Aktion 20.000 wurde ja von der Regierung zurückgefahren.
 
KOCHER: Ich schließe nicht aus, dass es gezielte Aktionen für einzelne Gruppen gibt. Großflächig machen sie aber keinen Sinn, denn es wird auch für Langzeit­arbeitslose wieder Chancen geben, wenn die Wirtschaft wieder wächst.
 
ÖSTERREICH: Die Gewerkschaft hat Sie als Neo-Liberalen punziert. Sind Sie einer?
 
Kocher: Ich halte nichts von Kampfbegriffen. Nein, ich würde mich nie als Neoliberalen sehen. Ja, es gibt eine Studie des IHS zur Aktion 20.000, die sagt, dass die hohen Kosten nicht gerecht­fertigt waren. Ich habe aber keine ideologischen Scheuklappen, das Ziel ist für alle gleich: Eine möglichst hohe Beschäftigung zu schaffen.
 
ÖSTERREICH: Wann wird der Arbeitsmarkt diesen Corona-Schock überstanden haben?
 
Kocher: Ich glaube, wir werden im zweiten Halbjahr auch dank der Impfungen von den ganz hohen Zahlen herunten sein. Mittelfristig werden wir bis 2024 noch ­eine leicht erhöhte Arbeitslosigkeit haben. (gü)
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