Grosz gesagt: Der kritische Blick

"Maskenlos, abstandslos, anstandslos!"

Polit-Blogger und oe24-Kolumnist Gerald Grosz kommentiert für Sie die Polit-Woche in seiner bekannt charmanten Art.  

Lieber User und Seher von oe24

Herzlich Willkommen bei Grosz gesagt, dem überaus kritischen Blick auf die aktuellen Geschehnisse unserer Zeit. Kritisch, direkt, unabhängig und scharf wie Messer. Versprochen!
Ach, das war ein Volksfest in St. Pölten. 1200 euphorisierte Anhänger des Kanzlers saßen dicht an dicht in einer Halle, küssten sich, brüllten sich mit „We love Basti“-Rufen die frohlockende Seele aus dem geschundenen Leib. Die kleine Bude war bummvoll gefüllt, wie es der Nachtgastronomie in Österreich schon seit mehr als 19 Monaten verwehrt ist. Die Rollatorenregimenter des Seniorenbundes, die Kindersoldaten der Jungen Volkspartei, das Mistgabelbataillon des Bauernbundes. Alles war vollzählig angetreten, um dem besten Kanzler aller Zeiten würdig zu huldigen.

Maskenlos, abstandslos, ich hoffe zumindest für die Anwesenden nicht hygienelos, feierten die treuen Gläubigen der türkisen Ersatzreligion ihren Messias, ihren Heilsbringer. Und die Inszenierung erinnerte nicht zufällig an die Messen der Zeugen Jehovas. In der ersten Reihe die Heilige Hanni aus St. Pölten, ganz in jungfräulichem Weiß als Gastgeberin des eucharistischen Weltkongresses zur Anbetung des gerade einmal aus der Pubertät geschlüpften Jünglings an der Spitze der ÖVP.

Dem Erlöser zur Seite seine in froher Erwartung stehende Lebensgefährtin als lebender Beweis für die unbefleckte Empfängnis im 21. Jahrhundert. Und selbstverständlich an der Seite des türkisen Alpenpapstes der treueste aller Treuen, der liebste Apostel unter allen, Daniloh Kunhar, auch Gernot Blümel genannt, der die wundersame Wandlung von einem Kinderwagen zu einem Laptop vollzog. Und auch Ochs und Esel durften in der Krippe der Heiligen Familie nicht fehlen, auch die Landeshauptleute fanden den beschwerlichen Weg in die kleine niederösterreichische Landeshauptstadt, die für einen Tag zum biblischen Betlehem aller Türkisen wurde. Auf Corona wurde übrigens gepfiffen, die Pandemie verschwand für diesen besonderen Tag. Und da soll noch einer sagen, der Heilige Sebastian vollbringe keine Wunder.

Mit 99,4 Prozent dankten es ihm die Wähler, dass sie einst wie Lazarus aus der Seuchenhölle auferstanden sind und nun an der Seite des Herrn ihre Karriere machen können. Dass spätestens mit der oberösterreichischen Landtagswahl und der Grazer Gemeinderatswahl das coronafreie Wunder ein Ende finden wird, und eben derselbe Kanzler mit seinem Gesundheitsminister alle wieder in das Pestverließ sperren wird, vergaßen die Parteitagsdelegierten zumindest für einige Stunden. Verblüfft bleibt nur das Volk über, das seit Monaten auf Brauchtumsveranstaltungen verzichten muss und via TV die Volksfestbilder der VP-Coronaorgie frei Haus geliefert bekommt.

Viele sind eben gleich und manche sind gleicher. Oder auch: Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen noch lange nicht erlaubt. Der Jupiter reiste übrigens von St. Pölten direkt nach Berlin um seine Amtskollegin Angela Merkel in den Ruhestand zu verabschieden. Ein Raunen geht durchs deutsche Volk, wenn die Ära Merkel dann endlich ein Ende findet. Wer der nächste Kanzler des Nachbarn wird, zeichnet sich in den Umfragen ab. Mit Olaf Scholz dürften die Sozialdemokraten überraschend die Nase vorne haben. Angelas Wunschkandidat Armin Laschet hingegen ist mit dem sommerlichen Hochwasserereignis und seinen kuriosen Auftritten weggespült worden.

Von der politischen Bildfläche gespült wurde unlängst auch HC Strache, der einstige Messias der Blauen. Schuldig, nicht rechtskräftig, lautet das Urteil des Gerichts, das die letzten politischen Comebackversuche im Keim erstickt. Wird Zeit für den armen HC, sich endlich einen neuen, anständigen Job zu suchen. Denn mit dem Susi-Sorglos-Einkommen aus der Politik wird’s für ihn – zumindest für die nächsten Jahre – nichts. Einen neuen Job hat die letzten Tage eine treue VP-Anhängerin bekommen. Nach dem Abgang des in VP-Kreisen in Ungnade gefallenen Thomas Schmid wurde mit der Wiener Anwältin Edith Hlawati ein neuer Versuch gestartet, die Verstaatlichtengesellschaft der Republik in Geiselhaft der Parteien zu halten. Manche Beobachter fühlen sich angesichts dieser Bestellung an die Steinzeit der Großen Koalition erinnert. Die Geschichte wiederholt sich eben unablässig. Wie auch außenpolitisch.

Denn steinzeitlich geht es derweil in Afghanistan weiter. Die USA haben das Land endgültig verlassen, die Taliban, Al Quaida und der Islamische Staat üben sich derzeit im Wettstreit, wer grausamer agiert. In der Zwischenzeit streiten sich in Europa die Parteien leidenschaftlich, wie man aus dem ins Mittelalter zurückgefallenen Land Flüchtlinge herausholt. Besonders hervorgetan hat sich Luxemburgs Außenminister Asselborn, der Österreich für seine Haltung, nach 44.000 aufgenommenen Afghanen in den letzten Jahren, niemandem mehr Asyl zu gewähren. Dass ausgerechnet Luxemburg sich an Österreich reibt ist bemerkenswert, zumal das Herzogtum im letzten Jahr gerade einmal 41 Afghanen Asyl gewährte. Man sieht eben den Splitter im Auge des Anderen, aber den Balken vor dem eigenen Kopf nicht. Bundeskanzler Kurz lässt sich von Zurufen nicht beeindrucken und bleibt stur. Das ist auch gut so. Schauen wir, wie lange er das durchhält und ob nicht nach den Wahlen am 26. September ein wundersamer Meinungsumschwung einsetzt. Schauen Sie weiter auf sich, geimpft oder ungeimpft, und bleiben Sie mir treu, wenn es nächste Woche wieder heißt: Grosz gesagt!

Gerald Grosz www.geraldgrosz.at
 



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