Schlammschlacht bei ÖVP und FPÖ

Wahl-Analyse von Robert Misik

Schlammschlacht bei ÖVP und FPÖ

Können Sie sich noch an den „Fall Silberstein“ erinnern? Ich wette, Sie können das nicht. Gewiss, wann immer sie irgendein selbst verschuldetes Problem haben, wettern die Türkisen gegen irgendwelche „Silberstein-Methoden“, sodass sich bei den meisten Menschen eingeprägt hat, dass der Silberstein irgendwas Böses getan haben muss im letzten Wahlkampf.

Kerns blödeste Idee. Zur 
Erinnerung: Silberstein hat mit drei, vier Leuten zwei ­Facebook-Seiten betrieben, auf denen die Konkurrenz schlechtgemacht wurde. Völlig hirnlos, da diese Facebook-Seiten auch kaum jemand gesehen hat. Dass all das völlig wirkungslos war, macht Silberstein natürlich nicht sympathischer. Es war die blödeste Idee von Christian Kern, diesem windigen Kerl einen Auftrag zu geben. Aber Silberstein hat nicht der ÖVP, sondern der SPÖ geschadet.

In dunkle Kanäle geleitet. Und zwar deshalb, weil jemand den gesamten Mailverkehr der SPÖ mit Silberstein in dunkle Kanäle geleitet hat, aus denen dann die Daten stapelweise an die Medien gingen. Das hatte viel mehr Wirkung als irgendwelche Facebook-Seiten.

ÖVP hat wieder bei der 
Budgetplanung getrickst

Who’s who der Milliardäre. Parteien, bei denen es nicht rundläuft, haben oft Lecks, aus denen Interna in alle Richtungen dringen. Im aktuellen Wahlkampf wird immer deutlicher, dass es in der ÖVP Leute gibt, die offenbar verdammt sauer auf Sebastian Kurz sind. Es begann damit, dass die geheime Spenderliste der ÖVP (das Who’s who an heimischen Milliardären) an den Standard gespielt wurde – und zwar die Spenden 2018 und 2019, also sehr aktuelle Daten. Und nun erhielt der Falter offenbar die hochaktuelle Wahlkampf-Finanzplanung der ÖVP, aus der hervorgeht, dass die Partei wieder bei der Budgetplanung trickst – und mit Vorsatz.

Ob das kriminell ist oder ob diese schwindligen Buchungen gerade noch im Rahmen der Legalität sind, ist zurzeit unklar.

Funktioniert der Corpsgeist in der ÖVP nicht mehr?

Feinde in eigenen Reihen. Die ÖVP behauptet, sie wurde gehackt. Kann man glauben, wenn man sehr gutgläubig ist. Im Kurz-Team herrscht offenbar eine Schlammschlacht. Dass sich Kurz auch in den eigenen Reihen viele Feinde gemacht hat, weiß jeder. Aber dass sie ihn jetzt trotz seiner Erfolge weghaben wollen, dass also Corpsgeist, innerparteiliche Bunkermentalität und die Unterwerfung unter den Anführer nicht mehr wirken, ist die Überraschung der letzten Wochen. Jetzt herrscht helle Panik bei den Türkisen.

Am Parteitag könnte FPÖ Laden um die Ohren fliegen

Strache schwer von der Rolle. Eine Schlammschlacht gibt es nicht nur im türkisen, sondern auch im blauen Sumpf. Das Problem der FPÖ ist ja nicht allein, dass sie wegen Ibiza und allem, was danach rausgekommen ist (Postenschacher, Räubermentalität), ins Trudeln geraten ist, noch viel gefährlicher ist für sie ja der Zwist ihrer einstigen Frontleute. HC Strache ist schwer von der Rolle und böse, dass seine Partei nicht in Treue zu ihm steht, sondern ihm sogar die Facebook-Seite abgeknöpft hat.

Philippa gegen Waldhäusl. Seine Anhänger drohen damit, nicht zur Wahl zu gehen. Straches Philippa klopft sich öffentlich mit „Sonderbehandlungs“-Waldhäusl. Und Hofer und Kickl sind sich längst spinnefeind und schaffen gerade noch, gute Miene zum innerparteilichen Schlammcatchen zu machen. Jetzt haben sie noch einen Parteitag vor sich, bei dem ihnen der Laden um die Ohren fliegen könnte. In einer Regierung hat so eine Partei nichts zu suchen.

Frustrierte: Lieber ins 
Grüne statt ins Wahllokal

Wechseln die Rechten zu Kurz? Was machen aber rechte Wähler, die nicht mehr die FPÖ wählen wollen, weil sie sauer auf ihre Partei sind? Die wählen dann Kurz, so nehmen die Meinungsforscher an. Bloß ist bei Kurz auch längst der Lack ab und mit jeder Enthüllung steht er mit einem dicken Patzer mehr da.

Ein Teil wandert zu den Neos ab. Neuerdings verleugnet er sogar seine Heimat Meidling und behauptet, in Niederösterreich aufgewachsen zu sein, was wohl jedem sauer aufstößt, der findet, Politiker sollen nicht einfach Märchen erzählen. Vielleicht wandert ja ein Teil der Wähler zu den Neos ab, einige, die beim letzten Mal etwa von der SPÖ zur ÖVP gingen, könnten dann wieder zurückkehren.

Aber dann gibt es noch jene Wähler, die weder zur SPÖ noch zu den Grünen noch zu den Neos wechseln wollen – aber die es zugleich unmöglich finden, die Türkisen und Blauen zu wählen. Viele von denen werden einfach daheimbleiben. Denn wenn die Parteien, denen ich mich nahestehend fühle, gerade unwählbar sind, was tue ich dann? Logisch, ich fahr lieber ins Grüne als ins Wahllokal.

Viele Wähler bleiben daheim. Trotz der aktuellen Umfragen können sowohl ÖVP und FPÖ noch abstürzen. Und zwar nicht, weil ihre Wähler in großen Scharen zur Konkurrenz überlaufen. Sondern, weil sie möglicherweise einfach am Wahltag angewidert daheimbleiben.

Die Meinungen in unseren Kommentaren und Analysen müssen nicht mit jener der 
Redaktion übereinstimmen.

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