Zehntausende in Berlin

30 Jahre Mauerfall: Rosen, Freude und Momente der Stille

Nach Euphorie und Jubel einst ist nun auch viel Nachdenkliches zu hören.
Berlin/europaweit. Das Brandenburger Tor ist in magisches Licht getaucht. Beethovens Schicksalssymphonie erklingt. Zehntausende sind gebannt und viele erinnern sich an den Mauerfall vor 30 Jahren.
 
Daran, wie sich Menschen in den Armen lagen, auf dem Betonwall tanzten. "An die Nacht der Nächte, nach der nichts mehr war wie zuvor", wie der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Besuchern der großen Mauerfallparty an diesem historischen Ort zuruft.
 
Für die 73-jährige Evaluise Schwadke war es die Nacht der Nächte. Sie sei in der Mauerfallnacht dabei gewesen und nun wieder hier, erzählt sie mit Tränen in den Augen. "In diesen Tagen die damaligen Momente Revue passieren zu lassen, geht mir sehr nahe", sagt die Pensionistin, die damals in Ost-Berlin lebte.
 
Stille legt sich über den Platz, als die einstige DDR-Oppositionelle Marianne Birthler spricht. Sie erinnert an die Menschen, deren Leben durch die SED-Diktatur zerstört wurde oder die starben. Dann schlägt sie den Bogen zum Heute: "Wenn wir unsere Freiheit wertschätzen und verteidigen, dann - egal, wie alt wir sind und woher wir kommen - dann können wir uns alle 89er nennen."
 
Die Errungenschaften von 1989 verteidigen - das ist auch das Anliegen Steinmeiers: "Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen ausgegrenzt und angegriffen werden, dass die Demokratie verhöhnt, dass der Zusammenhalt in diesem Land zerstört wird", mahnt er. "Einheit, Freiheit, Demokratie - das haben die Mutigen damals erkämpft. Welch ein großartiges, welch ein stolzes Erbe. Machen wir was daraus!"
 
Dieser trübe Novembertag ist ein Tag der Erinnerung an die friedliche Revolution im Herbst 1989, ein Tag der eher leisen Freude über den Mauerfall vor 30 Jahren - nicht nur in Berlin. Bayern und Thüringen feiern im einst geteilten Grenzdorf Mödlareuth, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen am früheren deutsch-deutschen Grenzübergang Marienborn. Es ist auch ein Tag, der zeigt, dass das geeinte Deutschland normal geworden ist, dass ein großer Jahrestag ohne großes Pathos auskommt.
 

Menschen aus aller Welt nach Berlin gereist

 
In die Berliner Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße, wo der Erinnerungstag mit dem offiziellen Gedenken beginnt, sind auch Schüler aus Polen, Tschechien, Ungarn, Norwegen und der Slowakei gekommen. Sie wünschen sich, dass nie mehr Mauern die Menschen trennen. "Wir wollen uns für Europa einsetzen", sagt eine junge Tschechin. Die Schülerin steckt wie die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und Deutschlands Bundespräsident eine Rose in die Hinterlandmauer, die damit symbolisch durchlöchert wird.
 
Der kleine Theodor aus Berlin hat mit Merkel gesprochen, wie seine Mutter später berichtet. Die Kanzlerin habe ihrem Sohn erzählt, dass einst Menschen hinter einer Mauer eingesperrt waren. "Damit sie nicht weglaufen", sagt der Fünfjährige. Für ihn sind dies Geschichten aus einer anderen Welt. Merkel nimmt sich Zeit für Gespräche, während sie auf dem früheren Todesstreifen an der Bernauer Straße zur Andacht in der Kapelle der Versöhnung geht.
 
An der Bernauer Straße spielten sich nach dem Mauerbau vom 13. August 1961 dramatische Szenen ab. Die Häuser gehörten nun zum Osten, der Gehsteig zum Westen, Menschen versuchten in den ersten Tagen noch, aus den Fenstern in den Westen zu springen. Dann wurde zugemauert.
 
"Zu viele Menschen wurden Opfer der SED-Diktatur. Wir werden sie nicht vergessen", verspricht Merkel in der Kapelle. Worte, die an Menschen wie Karin Gueffroy gerichtet sind, die Mutter des letzten erschossenen DDR-Flüchtlings Chris Gueffroy. Sie bleibt fast stumm an diesem Gedenktag, sagt nur, sie sei sehr berührt. "Das wird immer so bleiben", meint sie mit traurigem Blick. Ihr 20-jähriger Sohn starb wenige Monate vor dem Mauerfall im Februar 1989 im Kugelhagel - einer von mindestens 140 Toten an der Berliner Mauer.
 
Trotz des regnerischen Wetters sind neben den Politikern auch etliche Bürger zur Bernauer Straße gekommen. Detlev Puschke und seine Frau Margret reisten extra aus Magdeburg an. Nun stehen sie in Sichtweite des Denkmals "Die Kauernde, sich aufrichtend", wo der deutsche Bundespräsident und die Staatsoberhäupter der vier osteuropäischen Staaten Blumen niederlegen.
 
Puschke hat die Brutalität des SED-Regimes am eigenen Leib erfahren. Er sei in der DDR im Gefängnis geboren worden und im Heim groß geworden, erzählt der Lkw-Fahrer. Inzwischen sei er als Opfer von DDR-Unrecht rehabilitiert worden. "Ich hätte gern mal dem Bundespräsidenten die Hand gegeben - einfach, um mal Danke zu sagen, nicht mehr und nicht weniger." Doch Puschke steht zu weit weg hinter einer Absperrung.
 
An Merkel kommen die Zaungäste der offiziellen Gedenkveranstaltung näher heran. Über die Absperrgitter hinweg strecken sie ihr Hände entgegen, zücken Handys für Fotos. Die Kanzlerin im hellbraunen Mantel, die gerade in Ostdeutschland bisweilen niedergebrüllt wird, trifft hier auf Menschen, die klatschen und Bravo rufen. Sie lächelt für Selfies und wechselt mit vielen ein paar Worte.
 
Doch die Sorge um den Erhalt der Demokratie ist auch zu spüren - nicht nur bei Kanzlerin und Bundespräsident. Ein Besucher aus Hessen fühlt sich angesichts der AfD-Wahlerfolge an die Jahre 1938/39 erinnert. "Die Rechten profitieren auch heute", sagt der 70-Jährige.

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