Kriegsverbrecher Mladic festgenommen

Geheimaktion in Serbien

Kriegsverbrecher Mladic festgenommen

Eine DNA-Analyse hat die Identität des Serben bestätigt.

Der seit Jahren wegen Genozids und anderer Kriegsverbrechen in Bosnien-Herzegowina gesuchte einstige Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladic , ist in Serbien festgenommen worden, bestätigte der serbische Präsident Boris Tadic. Eine DNA-Analyse hat gezeigt, dass es sich bei einem festgenommenen Mann um den "Schlächter vom Balkan" handelt. Der TV-Sender B92 meldete, die Festnahme durch den Geheimdienst sei in dem Dorf Lazarevo bei Zrenjanin erfolgt.

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3.500-Seelen-Dorf in der Vojvodina
Der Ort mit etwa 3.500 Einwohnern befindet sich etwa 12 Kilometer östlich der Vojvodina-Stadt Zrenjanin. In der Region leben viele Familien aus Bosnien-Herzegowina und Montenegro, die dort nach dem Zweiten Weltkrieg angesiedelt worden waren.

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    Falscher Namen
    Mladic besitzt Personaldokumente auf den Namen Milorad Komadic, berichtete der Belgrader Sender. Er wird vom Haager UNO-Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien (ICTY) gesucht, vor dem er wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnien-Kriegs (1992-95) angeklagt ist.

    Bürgermeister überrascht
    Der Bürgermeister des Vojvodina-Dorfes Lazarevo, Radmilo Stanisic, in welchem am Donnerstagmorgen der als Kriegsverbrecher gesuchte einstige Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladic, festgenommen wurde, zeigte sich überrascht. Er habe nicht gewusst, um wen es sich bei dem Festgenommenen handeln sollte, sagte Stanisic dem Belgrader Sender B-92. Dass es dabei um Mladic gehe, habe er erst später bei einem Treffen in der zwölf Kilometer entfernten Stadt Zrenjanin erfahren.

    Stanisic bestätigte, dass er in den Morgenstunden von der polizeilichen Durchsuchung von drei Häusern in seinem Dorf Kenntnis erhalten habe, eines im engsten Zentrum der Ortschaft. In welchem Haus genau sich Mladic versteckte, konnte er nicht sagen.

    Info-Kasten: Die Liste der Anklagepunkte
    Das Haager UNO-Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien (ICTY) hat den früheren Militärführer der bosnischen Serben, Ratko Mladic, wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in insgesamt 15 Fällen angeklagt. Die Verbrechen soll er während des Bosnien-Kriegs zwischen 1992 und 1995 begangen haben. Im Folgenden eine Liste der Anklagepunkte:
    •  Zwei Fälle von Völkermord und Beihilfe zum Völkermord, unter anderem wegen des Massakers in der UNO-Schutzzone Srebrenica, wo im Juli 1995 etwa 8000 muslimische Männer und Knaben von bosnisch-serbischen Truppen und Freischärlern ermordet wurden.
    • Sieben Fälle von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, darunter Verfolgung aus politischen, rassistischen und religiösen Gründen, Menschenvernichtung, Mord, Deportation und gewaltsame Vertreibung. Die Vorwürfe beziehen sich auf Verbrechen in Srebrenica und Sarajevo sowie in 27 anderen bosnischen Städten und Dörfern.
       
    • Sechs Verstöße gegen Vereinbarungen und Konventionen für Kriegsfälle, darunter Mord, Grausamkeit, Angriffe und Terror gegen Zivilisten sowie Geiselnahme. Von letzterem Verbrechen waren laut Anklage auch Beobachter der Vereinten Nationen sowie internationale Militärbeobachter betroffen.


     

    Bereits am Weg nach Den Haag?
    Mladic soll so schnell wie möglich an das Haager UNO-Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien (ICTY) überstellt werden, sagte Serbiens Präsident Tadic. Einem TV-Sender zufolge soll Mladic bereits in einer Maschine Richtung Den Haag sitzen.

    Helfershelfer werden ausgeforscht
    "Die Verantwortlichen für die Fluchthilfe und das jahrelange Untertauchen von Mladic würden gesucht und gefunden", so Tadic weiter. Der Präsident drückte seine Überzeugung aus, dass auch der Fall des flüchtigen früheren politischen Chefs der kroatischen Serben Goran Hadzic gelöst werde. Größere Proteste nach der Festnahme von Mladic erwartet Tadic nicht, auch wenn die jüngsten Meinungsumfragen gezeigt hätten, dass sich die Serben ihr mehrheitlich widersetzten. Er befürchte nicht, dass Serbien wegen der Einhaltung internationaler Verpflichtungen in politische Instabilität verfalle. Serbien habe mit der Festnahme Mladic' sein Ansehen und seine Glaubwürdigkeit in der internationalen Staatengemeinschaft erhöht.

    Ehefrau und Sohn "erleichtert"
    "Erleichtert" von der Nachricht über die Verhaftung von Ratko Mladic haben sich seine Ehefrau Bosiljka und sein Sohn Darko gezeigt. Dies teilte der Anwalt der Familie, Milos Saljic, am Donnerstag gegenüber Journalisten mit. Die Angehörigen seien nämlich zuletzt der Ansicht gewesen, dass Ratko Mladic überhaupt nicht mehr lebe. Saljic selbst will Mladic zuletzt im Jahr 2001 gesehen haben.

    Aus Sicherheitskreisen sickerte durch, Mladic sei schwer krank. Der 69-Jährige habe zumindest einen Schlaganfall erlitten, in dessen Folge eine Hand steif geblieben sei.

    Mladic war 1995 untergetaucht

    Mladic wird insbesondere für das Massaker von Srebrenica verantwortlich gemacht, das als größtes Kriegsverbrechen in Europa seit 1945 gilt. Seine Männer hatten nach der Eroberung der ostbosnischen Enklave, die unter UNO-Schutz stand, 8000 muslimische Männer und Jugendliche ermordet. Der politische Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, wurde 2008 gefasst und muss sich seither vor dem Haager Sonderstrafgerichtshof verantworten.

    Ashton auf dem Weg nach Belgrad
    Die EU-Außenpolitik-Beauftragte Catherine Ashton war gerade auf dem Weg nach Belgrad, als die Meldung von der Festnahme des jahrelang gesuchten mutmaßlichen bosnisch-serbischen Kriegsverbrechers Ratko Mladic hereinplatzte. Als einer der ersten gratulierte EU-Parlamentspräsident Jerzy Buzek. Die Festnahme sei eine "gute Nachricht für Serbien, für die Stabilität in der Region und sie gibt Serbiens EU-Beitrittsprozess einen neuen Schwung", betonte er. Und er fügte hinzu: Die Festnahme ist ein "überzeugender Beweis" für Serbiens Bemühungen und seiner Kooperation mit dem Haager Kriegsverbrechertribunal.

    EU-Kandidatenstatus rückt näher
    Die Festnahme von Mladic gilt unter Brüsseler Diplomaten und Experten als großer Durchbruch und "Boost" für Serbiens weiteren Weg in Richtung EU. Viele sehen nun den Weg frei für den von Serbien als nächsten Schritt begehrten offiziellen EU-"Kandidatenstatus". Nun müsse auch die EU ein klares Zeichen setzen und Serbien "möglichst rasch den Kandidatenstatus geben", verlangte der Kroatien-Berichterstatter des EU-Parlaments und langjährige Kenner der Region, Hannes Swoboda.
     

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