Libanon

Wiederaufbau mit Hindernissen

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Die wirtschaftlichen Schäden durch die israelische Offensive betragen bis zu acht Milliarden US-Dollar. Eine schnelle Erholung ist nicht in Sicht.

Ein großer Stadtplan liegt auf dem Tisch unter dem überdachten Zelt in Beiruts südlichem Viertel Haret Hreik. Ein Mitarbeiter des Hisbollah-Hilfsteams hat sich über die Karte gebeugt, auf der die Zerstörungen in dem schiitisch dominierten Stadtteil markiert sind. Bis zum Beginn der israelischen Militäroffensive hatte die von Generalsekretär Hassan Nasrallah geführte "Partei Gottes" in Haret Hreik ihr Hauptquartier. Heute ist von den Parteibüros nichts mehr übrig, auch Dutzende von Wohnhäusern wurden bei israelischen Luftangriffen zerstört.

Umfangreiche Zerstörungen
Da neben Haret Hreik und den anderen Vierteln der Südbeiruter Vorstadt Dahye vor allem die überwiegend schiitischen Gebiete nördlich der Grenze zu Israel von den Zerstörungen betroffen sind, überrascht es nicht, dass die hier stark vertretene Hisbollah die Federführung beim Wiederaufbau übernimmt. Etwa 30.000 Haushalte sind während der fast fünfwöchigen israelischen Angriffe aus der Luft, vom Wasser und von Land zerstört worden, schätzt der libanesische Rat für Entwicklung und Wiederaufbau (CDR). Premier Fouad Siniora spricht gar von 130.000 zerstörten oder beschädigten Wohnungen. Der internationale Flughafen von Beirut wurde getroffen, Wasserwerke und Kläranlagen. Rund 630 Straßenkilometer sind nach CDR-Angaben nach den heftigen Bombardements nicht mehr zu befahren, 77 Brücken und 72 Überführungen sowie 25 Tankstellen wurden zerstört.

Hinzu kommen mehr als 900 privatwirtschaftliche Einrichtungen wie Milch- und Papierfabriken, Markthallen und Agraranlagen. Die Infrastrukturschäden belaufen sich nach CDR-Angaben auf mehr als 2,5 Milliarden Dollar, die Kosten der zerstörten Häuser auf 1,4 Milliarden Dollar. Der Repräsentant des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) in Beirut, Alexis Nassan, schätzte die Schäden in einem Gespräch mit der Netzeitung gar auf bis zu acht Milliarden Euro. Mit weiteren indirekten Verlusten in Höhe von mehr als zwei Milliarden Dollar rechnet der Wirtschaftswissenschafter Kamal Hamdan, vor allem durch Gewinnausfälle im Tourismus sowie in der industriellen Produktion.

Extremer Rückfall für die Wirtschaft
Für die Wirtschaft des Zedernstaates bedeutet der Krieg einen Rückfall in längst überwunden geglaubte Zeiten. Nach der Ermordung von Ex-Premier Rafik Hariri im Februar 2005 hatte vor allem das Dienstleistungsgewerbe des Vier-Millionen-Einwohner-Landes arge Einbußen hinnehmen müssen. Eineinhalb Jahrzehnte nach Beginn des mühevollen Wiederaufbaus nach dem Bürgerkrieg (1975-90) sah sich die stolze Händlernation im Frühjahr 2005 schon wieder mit einem Absturz konfrontiert. Um elf Prozent fielen die Besucherzahlen in der westlichsten Hauptstadt des Nahen Ostens und in der zweiten großen Touristenattraktion, den römischen Ruinen von Baalbek. Aber wie so oft meisterte die libanesische Gesellschaft auch diese Krise.

Angesichts des großen Ausmaßes der Zerstörungen ist es fraglich, ob ein solcher Kraftakt nochmals gelingen kann. Zwar hatte Tourismusminister Joseph Sarkis noch Mitte Mai erklärt, er erwarte bis Jahresende insgesamt über anderthalb Millionen Touristen in der Zedernrepublik. Rund zwei Millionen US-Dollar Reinerlöse dürfte der Reiseboom 2006 in die Kassen von Hotels, Restaurants und anderen Tourismusbetriebe pumpen, so die damalige Prognose. Doch daraus dürfte nichts werden, zählten die reichen Touristen aus den arabischen Golf-Staaten, die die erst nach Kriegsende wieder aufgebaute Innenstadt normalerweise um diese Jahreszeit bevölkern, zu den ersten, die das Land nach Kriegsbeginn verließen.

Schnelle Erholung unwahrscheinlich
Der Ökonom Marwan Iskander, ein langjähriger Vertrauter des wegen seiner Wiederaufbauleistungen schon vor seinem Tod als "Mr. Lebanon" titulierten Hariri, bezweifelt eine schnelle Erholung. "Es wird mehrere Monate dauern, nur um die schlimmsten Schäden zu beseitigen. Das bedeutet, dass das Bruttoinlandsprodukt bis auf weiteres auf der negativen Seite bleibt." Iskander glaubt, dass das Verhalten der zahlreichen Investoren aus den Golf-Staaten darüber entscheidet, ob sich die Wirtschaft vom neuerlichen Schlag erholen kann. Die saudiarabische Regierung stellte schon in der ersten Kriegswoche eine Milliarde Dollar zur Stützung des libanesischen Pfund zur Verfügung. In den vergangenen drei Jahren hatten Anleger aus den sechs Staaten des Golf-Kooperationsrates (GCC) (Saudiarabien, Kuwait, Katar, Bahrain, Vereinigte Emirate) vor allem der Hauptstadt Beirut einen Bauboom beschert.

In Beiruts südlicher Vorstadt hingegen sieht man keine GCC-Fahnen, sondern die des theokratischen Iran - über einem Tisch am hinteren Ende in dem Hisbollah-Hilfszelt ebenso wie an den zahlreichen in Haret Hreik aufgestellten Wassertanks. Experten schätzen, dass Teheran für den von der Hisbollah finanzierten Wiederaufbau den schiitischen Glaubensbrüdern bis zu 150 Millionen US-Dollar hat zukommen lassen.

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