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Buch entzaubert die Twitter-Gründer

Intrigen & Machtkämpfe

Buch entzaubert die Twitter-Gründer

Der Gründungsmythos gehört zum Silicon Valley wie das Eis zum Sommer. Jede Firma hat einen, und bei den Unternehmen, die es zu Ruhm und Geld bringen, wird er besonders oft erzählt. Facebook entstand demnach in Marc Zuckerbergs Zimmer im Studentenwohnheim, Apple in der Garage der Eltern von Steve Jobs. Auch Twitter hat so eine Gründungsgeschichte. Sie handelt von drei Freunden, die auszogen, die Welt zu verändern. Nach dem mit Spannung erwarteten Börsengang wird das Unternehmen Milliarden wert sein. Doch in die Vorbereitungen platzt ein Buch, das dem Twitter-Mythos Kratzer verpasst.

NYT-Journalist
Nick Bilton hat es geschrieben, ein erfahrener Journalist der US-Zeitung "New York Times". Folgt man seiner Darstellung, war der Anfang von Twitter spannender und deutlich weniger harmonisch als die offizielle Version. Die bekannte Variante lautet ungefähr so: Twitter entsprang einem Geistesblitz von Jack Dorsey, einem rebellischen und ambitionierten Programmierer. Gemeinsam mit seinen Freunden Evan Williams und Biz Stone gründete er das Unternehmen, Dorsey wurde Chef. Er schickte den ersten "Tweet", der sogar in den Börsenunterlagen zitiert wird.

Später tauschten Dorsey und Williams die Rollen, Dorsey war nun Vorsitzender des Verwaltungsrats. Er gründete ein weiteres Unternehmen, während Twitter schnell wuchs. Wo anfangs Freunde über ihr Mittagessen plauderten, schickten bald Popstars, Präsidenten und Protestierende ihre 140 Zeichen langen Mitteilungen um die Welt. Während der Revolutionen des Arabischen Frühlings nutzten Demonstranten den Dienst, um sich Gehör zu verschaffen. Inzwischen sind 230 Millionen Menschen auf Twitter aktiv. Nur Geld verdient das Netzwerk immer noch nicht. Sonst ist es eine Erfolgsgeschichte des Silicon Valley, wo zahllose Startups gegründet werden und viele scheitern.

Idee hatte mehrere Väter
Autor Bilton erzählt eine etwas andere Version der Ereignisse. Demnach basiert Twitter nicht allein auf der Idee eines begabten Programmierers. Stattdessen hatte der Erfolg viele Väter. Einer davon ist praktisch vergessen: Noah Glass. Glass gründete die Firma Odeo, die nie abhob. Als Odeo zusammenbrach, entstand aus den Ruinen die Idee für Twitter. Folgt man Bilton, so war Glass maßgeblich daran beteiligt. Er sei es gewesen, der dem neuen Dienst seinen Namen gab. Er und Williams hätten das Potenzial von Twitter zur Kommunikation erkannt.

Doch Glass konnte sich nicht gegen seine Freunde behaupten. Er wurde herausgedrängt, bevor Twitter populär wurde. Das Spiel sollte sich mehrmals wiederholen: Erst wird Dorsey Chef, dann Evan Williams, später übernimmt Dick Costolo. Es wirkt beinahe schon wie ein Wunder, dass Twitter nicht von diesen Konflikten zerrieben wurde. Die Winkelzüge störten die Freundschaft zwischen den Gründern so nachhaltig, dass Dorsey zwischenzeitlich sogar beinahe zum Rivalen Facebook wechselte, berichtet Bilton. Glass kann den empfundenen Verrat heute noch kaum verwinden. Seine Selbstbeschreibung auf Twitter lautet: "I startet this" - etwa, "das hier war meine Idee".

Perfekter Startzeitpunkt
Bilton hat sich offensichtlich Mühe gegeben, sein Buch nicht nur für Szenekenner zu verfassen. Er will "eine wahre Geschichte von Geld, Macht, Freundschaft und Verrat" erzählen, so der deutsche Titel des Werks. Personen werden mit Spitznamen angesprochen, ihr Werdegang und ihre Macken beschrieben. Dass das Buch zeitgleich mit Twitters Aktien auf den Markt kommt, könnte für Bilton besser kaum sein.

Doch er kann sich nicht recht entscheiden, ob er eine umfassende Firmenhistorie oder ein Kammerspiel schreiben will. Eine unübersichtliche Zahl an Nebencharakteren tummelt sich im Buch, die vielen Rückblenden verknoten schon einmal den roten Faden. Bilton hat intensiv recherchiert, er sprach mit allen vier Gründern sowie vielen weiteren Personen, erhielt interne E-Mails und wälzte Dokumente. Sein Buch ist vor allem eine Erinnerung, dass auch die Techniker in Silicon Valley gerne mal eine gute Geschichte erzählen.

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