22. August 2010 17:49
Die Dokumente
werden gehütet wie ein Gral. Sie liegen bei einem Richter in Wien. Im
Tresor, versperrt hinter Schloss und Riegel. Der Inhalt ist so brisant, dass
bisher fast niemand Einblick bekam.
Nicht der extra eingerichtete parlamentarische Untersuchungsausschuss, nicht
die Adamovich-Evaluierungskommission, nicht einmal die SOKO Kampusch. „Die
wenigen, die die Dokumente kennen, wissen, warum“, sagt der Grüne Peter
Pilz. Er ist einer davon. In ÖSTERREICH und auf seiner Homepage
(www.peterpilz.at) veröffentlicht Pilz ab heute die bisher streng
geheimen Papiere, die politischen Sprengstoff bieten.
Zum allerersten Mal können Sie heute in ÖSTERREICH lesen, was Natascha
Kampusch bei der ersten Befragung durch die SOKO am 24. August 2006 wirklich
gesagt hat (siehe rechts).
Kampusch berichtet vom „unguten Bauchgefühl“, als sie Priklopil zum ersten
Mal sah. Sie erzählt, wie er sie entführte und mit einem Kastenwagen in
einen Wald bei Strasshof brachte. Und dann sagte Kampusch einen Satz, der
die Einzeltätertheorie gehörig ins Wanken bringt: „Plötzlich sagte er zu
mir, dass er mich woanders hinbringe, da die anderen nicht gekommen sind.“
Mittäter
Wer sind diese Mittäter oder Mitwisser? Die
Polizisten fragten nicht nach. Kampusch weiter: „Irgendwie kann ich mich
dunkel erinnern, dass damals von einer dritten Person die Rede war.“ Der
nächste Hinweis. Doch die drei Polizisten ignorieren ihn einfach.
Vielmehr wollen sie von Kampusch in der sechsstündigen Befragung Details zu
intimen Kontakten mit Priklopil wissen. So lange, bis die Befragung durch
den Psychologen Ernst Berger abgebrochen werden muss. ÖSTERREICH druckt
diese Passagen bewusst nicht ab. Denn viel brisanter ist: Warum wollte die
Polizei nichts von Mittätern wissen?
Vertuschung
Pilz: „Einiges deutete auf einen zweiten Täter hin.
Aber das passte nicht ins Bild der erfolgreich abgeschlossenen
Ermittlungen.“ Hintergrund: Im Herbst 2006 standen Nationalratswahlen an.
Die ÖVP und ihre damalige Innenministerin Liese Prokop wollten den
Fahndungserfolg feiern. Die Schlüsselfiguren laut Pilz: Der VP-nahe
stellvertretende Generaldirektor für Öffentliche Sicherheit, Franz Lang und
Bernhard Treibenreif. Sie sollen Generalmajor Karl Mahrer die Weisung
gegeben haben, nicht weiter zu ermitteln. Zwei Fakten im Fall Kampusch
wurden so laut Pilz systematisch vertuscht:
- Dass es bereits kurz nach der Entführung 1998 zwei Hinweise auf den
Täter Wolfgang Priklopil gab.
- Dass mehrere Hinweise auf Mittäter einfach ignoriert und unter den
Teppich gekehrt wurde.
Für den Grünen Pilz ein „politischer Skandal“.