Missbrauch: Schon
 über 1.000 Opfer

Wien

Missbrauch: Schon
 über 1.000 Opfer

Die Welle der Empörung ebbt nicht ab. Und das ist gut so, denn nur so erhält der Heim-Skandal eine Chance auf Aufklärung.

Nach den Schilderungen vom Kinderheim am Wilhelminenberg, in dem es über Jahrzehnte zu Massenvergewaltigungen und Gewaltexzessen gekommen sein soll, finden immer mehr Opfer die Courage, sich zu melden. Mittlerweile sind es schon über 1.000 Opfer, die ihre Geschichte erzählen wollen, alleine beim Weissen Ring melden sich täglich bis zu einem Dutzend.

„Wir haben bereits weit über 500 Menschen, die Hilfe in Anspruch nehmen wollen“, so Erika Bettstein. Nicht alle wollen eine Entschädigung, „manche möchten einfach nur reden“, sagt der Wiener Opferanwalt Johannes Öhlböck, der noch von viel mehr Opfern ausgeht.

Die Aufarbeitung der düsteren Vergangenheit hat aber nicht nur in Wien eingesetzt. Aktuell wird im steirischen Hartberg ein Heim für schwererziehbare Kinder unter die Lupe genommen, auch dort soll es zu Züchtigungen gekommen sein, berichten bislang vier Opfer – es könnten Dutzende folgen. Heimleiter und Bürgermeister, Karl Pack (VP) ist „erschüttert über die Vorwürfe“.

130 Opfer in Tirol, 53 in NÖ. In Tirol ist man schon weiter, denn seit 2010 werden hier die Zustände in Landesheimen aufgearbeitet. Insgesamt sind bis dato 130 Opfer mit je 20.000 Euro entschädigt worden, gemeldet haben sich 260 Geschädigte.

In Niederösterreich explodiert derzeit die Zahl der Opfer. 53 haben sich inzwischen gemeldet, der Großteil in den letzten Tagen.

Auch in Oberösterreich hat man reagiert. „Finanzielle Gesten“, nennt es Landeshauptmann Josef Pühringer (VP). 81 Betroffene von Landesheimen haben sich gemeldet, an 55 wurden bereits 622.500 Euro ausbezahlt, also 25.000 Euro pro Opfer.

Erzieherin Renate Bauer über das Wilhelminen-Heim

ÖSTERREICH: Wie lange haben Sie am Wilhelminenberg als Erzieherin gearbeitet?
Renate Bauer:
Ich war von 1972 bis zur Schließung 1977 am Wilhelminenberg. Als ich als 19-jährige Erzieherin zum ersten Mal ins Heim kam, dachte ich: „Ich bin auf einem anderen Stern.“ Die Kinder hatten Kleidung aus den 50er- und 60er- Jahren an. Fast alle Zimmer waren verschlossen. Die meisten Erzieher hatten keine pädagogische Ausbildung. Ich war eine der wenigen Ausnahmen.

ÖSTERREICH: Gab es Erzieherinnen, die die Kinder schlugen?
Bauer:
Ich habe schon gehört, dass es zwei bis drei Kollegen gab, die die Kinder schlugen. Aber ich war 19 Jahre jung, da bin ich diesen Dingen nicht nachgegangen. Ich habe versucht, etwas zu ändern, damit es den Kindern besser geht.

ÖSTERREICH: Welche Erzieherin hatte einen besonders schlechten Ruf?
Bauer:
Es war die Linda, die ohnehin schon aus den Medien bekannt ist. Das war eine sehr harte Erzieherin. Sie hatte nichts Herzliches und war unbarmherzig. Ich habe in ihrer Gruppe auch blaue Flecken bei den Kindern gesehen.

ÖSTERREICH: Haben Sie beobachtet, dass es sexuellen Missbrauch gab?
Bauer:
Dass die Kinder geschlagen wurden, hat es sicherlich gegeben. Aber den sexuellen Missbrauch kann ich mir nicht vorstellen. Es gab kaum Männer als Erzieher. Der Portier war einer der wenigen. Das Heim war allerdings Anziehungspunkt für Zuhälter. Fast jeden Abend schlichen sie um das Heim und leuchteten mit Taschenlampen in die Schlafsäle, um die Kinder anzulocken. Da habe selbst ich mich als 19-Jährige gefürchtet.

ÖSTERREICH: Hat die Heimleitung etwas gegen die Zuhälter unternommen?
Bauer:
Manchmal wurde die Polizei gerufen. Einige der 14- bis 15-jährigen Mädchen sind auch auf den Strich gegangen. Aber nicht regelmäßig.

ÖSTERREICH: Und wie sind sie aus dem Heim gekommen, wenn alles verschlossen war?
Bauer:
Die haben sich mit Leintüchern abgeseilt.

ÖSTERREICH: Haben die Kinder gegen die Zustände nie revoltiert?
Bauer:
Sicherlich. Einmal haben sich die Kinder die ganze Nacht im Schlafsaal verbarrikadiert und Radau gemacht. Ich war hilflos. Damals sagten sie zu mir: „Wir machen es nicht Ihnen zu Fleiß, aber wir halten es nicht mehr aus.“

Autor: (hab, ida)
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