10. Juni 2010 13:52
© Schwarzl/ TZ ÖSTERREICH
Nach der glücklich ausgegangenen Entführung der drei Monate alten Nora am
Mittwoch aus einem Salzburger Einkaufszentrum wird die Wohnung der
Verdächtigen im Tiroler Unterland bald durchsucht. Sie ist derzeit
versiegelt und wird geöffnet, sobald eine Verfügung der Staatsanwaltschaft
vorliegt, sagte Oberst Josef Holzberger vom Landeskriminalamt (LKA) Salzburg
am Freitag.
Elisabeth S.(32) aus Kössen (Tirol) wird derzeit in einer psychiatrischen
Klinik in Bayern behandelt: „Es muss geklärt werden“, sagt Volker Ziegler,
Sprecher der Staatsanwaltschaft Traunstein (Bayern) zu ÖSTERREICH, „was zu
dieser Kindesentziehung geführt hat“.
Eines steht aber jetzt schon fest: Elisabeth S. hat sich monatelang auf die
Tat vorbereitet, sich in einen „Wahn hineingelebt“, sagt Freundin Birgit A.
(siehe Interview). Sie richtete in ihrer Wohnung in einem Wohnblock in
Kössen ein Kinderzimmer ein. Kaufte Babydecken, einen Kinderwagen: „Uns
allen erzählte sie“, sagt die Freundin, „dass sie nun einen Freund hat und
von diesem Mann schwanger ist“.
Anderen Freundinnen log sie vor, dass sie das Kind bereits bekommen habe.
Sie ging mit einem Kinderwagen spazieren, der Buggy war allerdings leer. Ein
anderes Mal soll eine Holzpuppe darin gelegen haben: „Sie hat sich so
unglaublich reingesteigert“, sagt die Freundin, „dass sie wohl keinen
anderen Ausweg mehr gesehen hat.“
Erster Entführungsversuch schon am Dienstag
Dienstagvormittag
setzte sich die Hotel-Angestellte in ihren silbergrauen Peugeot 206, fuhr
ins Salzburger Einkaufszentrum „Europapark“. Einer Frau, die ihr vier Monate
altes Baby im Maxi-Cosi trug, folgte sie durchs ganze Zentrum. Es ergab sich
aber keine Gelegenheit, das Baby zu entreißen.
Deshalb kam sie am Mittwoch wieder. Entführte um 9.43 Uhr die kleine Nora
aus dem Maxi-Cosi, der bloß eine Minute unbeobachtet vor einer H&M-Umkleidekabine
stand. Mit dem Baby raste sie zurück in ihren Heimatort Kössen, zeigte das
Kind einer Bekannten: „Das ist mein Baby“, log sie euphorisch.
Aufgegeben hat sie ihren Wahnsinnsplan erst, als die Polizei mit ihrem Foto
aus der Überwachungskamera fahndete: „Sie wollte dem Kind nichts antun, hat
sie uns erzählt“, sagt Staatsanwaltssprecher Ziegler. Und: „Uns erzählte sie
auch, dass sie im Herbst 2009 ein Kind bei der Geburt verloren habe. Seit
damals hätte der Wunsch nach einem eigenen Kind ihr ganzes Leben
bestimmt.Überprüft haben die Beamten diese Aussage allerdings nicht. Ihre
Freundin behauptet nämlich: „Sie war nie schwanger, hat auch nie ein Kind
verloren.“
Das sagt die Freundin der Entführerin:
"Babysachen
sind bereitgelegen..."
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ÖSTERREICH: Haben Sie eine Erklärung für diese Tat? Birgit
A.: „Sie hat sich halt so sehr ein Kind gewünscht. Immer wieder
hat sie uns erzählt, dass sie jetzt einen Freund hat, schwanger sei.
Wir haben uns für sie gefreut, aber ihre Erzählungen haben nie
gestimmt. Sie hat sich da in einen Lügenturm hineingeredet.
ÖSTERREICH:
Im Verhör sprach sie von einer Fehlgeburt vor der Entführung? Birgit
A.: Nein, nein, das stimmt doch alles nicht. Sie war nie
schwanger, hat auch kein Baby verloren, das kann ich mit
99-prozentiger Sicherheit sagen. Sie ist so nett, freundlich,
g’scheit, hat ein hübsches, liebes Gesicht. Ein Auto, eine eigene
Wohnung, aber sie hat sich da in einen Albtraum hineingeredet …
ÖSTERREICH:
Sie soll sogar mit einem Kinderwagen mit einer Holzpuppe drin durch
Kössen gefahren sein, stimmt das? Birgit A.: Sie
hat sogar ihre Wohnung hergerichtet – Kinderzimmer, Babykleidung,
Kinderwagen. Sie hat so getan, als wäre alles in Ordnung und sie müsse
sich ganz intensiv auf ihre Rolle als Mutter vorbereiten. Sie hat
sich so reingesteigert, dass sie offensichtlich keinen anderen
Ausweg mehr gesehen hat, als ein Kind zu entführen. Alle haben wir
ihre Geschichte gehört, und alle haben wir bemerkt, dass irgendetwas
mit ihr nicht stimmen kann.
ÖSTERREICH: Was
meinen Sie damit? Birgit A.: Geahnt haben wir alle
was. Ich mach’ mir jetzt wirklich große Vorwürfe, dass ich nicht den
Mut hatte, sie direkt auf ihre Lügen anzusprechen. – Hör zu,, das
stimmt ja alles nicht, was du erzählst. Es gibt keinen Freund, du
bist nicht schwanger, du redest dich da in einen Wahn hinein.
Vielleicht wäre es nie soweit gekommen, hätte ich mit ihr geredet.
Ich danke Gott, dass nichts Schlimmeres passiert, zum Glück…
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Ortschef: "Verhalten von Frau auffällig"
Das
Verhalten der Frau sei schon auffällig gewesen, meinte der Bürgermeister der
Gemeinde im Bezirk Kitzbühel, in der die mutmaßliche Baby-Entführerin lebt,
am Freitag. Deshalb habe die Bevölkerung gut und couragiert reagiert und
schnelle Hinweise geliefert, nachdem die Polizei nach dem Vorfall am
Mittwoch einen Zeugenaufruf machte. Die 32-Jährige habe sich dadurch bereits
verdächtig gemacht.
Die Frau habe von einer Schwangerschaft gesprochen und einen Kinderwagen vor
der Wohnung abgestellt gehabt. Persönlich seien dem Ortschef diese Vorgänge
nicht bekanntgewesen, allerdings habe es im Dorf Gespräche gegeben und die
Gerüchte seien ihm zu Ohren gekommen.
Die Frage bleibt: Wie kam es dazu?
Nach Angaben des
Bürgermeisters sei die Frau in "gänzlich geordneten"
Familienverhältnissen in der Gemeinde aufgewachsen. Ihre Jugend habe sie in
einem "normalen Umfeld" verbracht. Wie es zu einem derartigen
Vorfall kommen konnte, entziehe sich seiner Kenntnisse, erklärte der
Bürgermeister.
Von einer "sehr braven, sehr fleißigen und allseits recht beliebten
Mitarbeiterin" sprach der ehemalige Arbeitgeber der Verdächtigen. Neun
Jahre habe die Frau bei ihm gearbeitet. Für ihn sei der aktuelle Vorfall
überraschend. "Niemand hätte gedacht, dass das passiert",
sagte der ehemalige Arbeitgeber.