Mutter eines Katastrophen-Opfers spricht erstmals

Lassing-Drama

© Archim Bieniek

Mutter eines Katastrophen-Opfers spricht erstmals

Seit sich am 17. Juli 1998 um 11.45 Uhr die Erde auftat und zuerst den Bergmann Georg Hainzl und Stunden später weitere zehn Männer, zwei Wohnhäuser, einige Schuppen und eine Fahrspur der Landstraße verschlang, ist in Lassing in der Steiermark nichts mehr so, wie es einmal war. Tausende Tonnen Schlamm und Wasser verschütteten damals um 22 Uhr die zehn Männer, die eingefahren waren, um zu retten, was zu retten war. Am 26. Juli um 20.30 Uhr, neun Tage nach dem Unglück und einer Serie von entsetzlichen Pannen und einem unvorstellbaren Kompetenzwirrwarr bei den Rettungsarbeiten geschah das, was noch heute das Wunder von Lassing genannt wird: Der Bergmann Georg Hainzl wurde als einziger der Verunglückten nahezu unverletzt geborgen. Er hatte neun Tage lang, 60 Meter unter der Erde auf einem Tisch in einer Kammer gelegen und gottergeben auf Hilfe gewartet. Die fieberhafte Suche nach den anderen Vermissten wurde erst am 17. August, einen Monat nach dem Unglück, offiziell für beendet erklärt.

Mit dem Tod leben
19 Kinder verloren ihren Vater, zehn Frauen ihren Mann, fast jede Familie in dem 1.800 Einwohner zählenden Ort war betroffen. Die Verschütteten hat jeder gekannt. Mit den Folgen des Unglücks hat man gelernt zu leben. Millionen an Schadensersatz und Spenden sind geflossen und dennoch fühlen sich nicht alle gerecht behandelt. Ja, es gab nicht nur die Trauer zu bewältigen, sondern auch den Neid. Neid auf andere, die es scheinbar besser erwischt hatten als man selbst.

Zehn Jahre danach
Zehn Jahre nach dem Unglück ist Gras über den Krater gewachsen, die Gedenkstätte für die Toten wurde dort errichtet, rundum 19 Kirschbäume gepflanzt. Die Lassinger wollen nichts mehr mit dem Unglück zu tun haben, sie wollen die „Geschichte abhaken“. „Jetzt kommen sie wieder, die Leute von der Presse mit ihren Mikrofonen und Kameras und klingeln an allen Türen. Wir wollen davon nichts mehr wissen“, so einer der fünf Männer, die schon morgens um zehn Uhr bei ihrem zweiten Bier im Wirtshaus sitzen. „Für uns ist die Sache vorbei. Keiner will mehr darüber reden. Wir wollen unsere Ruhe.“ Auch eine ältere Frau, die von ihrem Haus direkt auf die Gedenkstätte sieht, tut alles, um zu vergessen: „Dieses Unglück kann man nicht überwinden“, sagt sie mit Tränen in den Augen. „Es war viel zu schrecklich. Es ist halt alles zugedeckt. Und wir wollen einfach nur leben.“

Mit MADONNA sprach die fünffache Mutter, Großmutter und Urgroßmutter Hildegard Pölzl (80), deren Erstgeborener Hermann im Alter von 46 Jahren bei dem Unglück umkam.

Frau Pölzl, welche Erinnerungen haben Sie an den Tag des Unglücks?

Hildegard Pölzl: An dem Tag hatte der Hermann frei. Er und seine Frau waren noch einkaufen für mich. Sie haben für mich zwei Kittelschürzen gekauft. Dann haben sie ihn angerufen, er soll dringend kommen. Mein Mann hat den Hermann noch kurz davor gesehen. Ich habe nur noch gehofft, dass er wieder rauskommt. Mein Gott, ich hab halt gehofft und gehofft...

Wann wurde Ihnen klar, dass es keine Hoffnung mehr gibt?

Pölzl: Das hat lange gedauert. Wir sind diese Zeit immer rauf zur Grube und haben versucht, was zu erfahren. Das Telefon hat ja auch nicht funktioniert. Man hat halt nichts gesehen und erfahren. Da waren so viele Leute. Oft wenn wir heimgekommen sind, habe ich mich hingelegt, weil ich so erschöpft war, schlafen konnte ich aber nie. Einmal hat es dann um halb fünf in der Früh an der Tür geläutet und ich habe mir gedacht: Das ist jetzt der Hermann, der anläutet. Endlich! Er lebt! Er ist wieder da! Aber es war jemand von einer Zeitung. Wir haben die Türe aufgemacht, weil wir dachten, es könnte der Hermann sein.

Lange nach dem Unglück soll es noch Klopfzeichen gegeben haben. Hat auch das Ihre Hoffnung geschürt?

Pölzl: Man hat sich an alles geklammert. Man weiß im Innersten, dass es keinen Sinn mehr hat, man hat gewusst, es wird weniger möglich, aber das hat lange gedauert, bis man das wirklich begriffen hat. Ich habe auch etwas gehört, so wie wir alle. Ich habe immer hinein geschrien: ‚Melde dich Hermann!“ Im August noch habe ich ihn gehört von der Grube rauf. Ich höre ihn noch immer schreien. Man lenkt sich durch Arbeit ab, aber daran denken, muss man immer.

Eine Schar von Hellsehern und Wahrsagern hat sich damals auf den Weg nach Lassing gemacht und die Hoffnung der Menschen angekurbelt. Haben auch Sie sich anstecken lassen?

Pölzl: Man ist so verzweifelt und alles, was einem Hoffnung gibt, wird angenommen. Man soll ja auch nicht abergläubisch sein. Aber da sind schon seltsame Sachen passiert. Zum Muttertag hat der Hermann mir damals einen Blumenstock geschenkt. Einen wunderschönen mit großen Blüten. An dem Tag, an dem es passiert ist, sind die Blumen alle runtergehangen, obwohl ich den Stock gegossen habe. Und dann sind sie wieder rauf. Und da dachte ich, dass er doch lebt. Es hat damals jeder irgendwas gehört, und angeblich soll doch wer geklopft haben. Da haben sie die Suche schon lange aufgegeben. Ich war schon entsetzt, als sie aufgehört haben, zu graben. Man fühlte sich im Stich gelassen. Die Hoffnung war wieder ganz stark, nachdem sie den Hainzl rausgeholt haben.

Es heißt oft, ein Unglück spürt man schon im Voraus. Haben Sie etwas geahnt?

Pölzl: Ich nicht, aber der Hermann hat gespürt, dass etwas kommt. Er hat sich damals einige Male umgedreht und sich immer wieder verabschiedet. Das war dann schon seltsam nachher. Weil er ja sowieso jeden Tag bei uns vorbeigekommen ist. Und dann habe ich erfahren, dass er im Gasthaus an diesem Tag gesagt hat: ‚Ich trinke noch ein Bier, das ist eh das Letzte.'

Sie glauben, Ihr Sohn hatte eine Vorahnung?

Pölzl: Ja. Er hat schon lange davor gesagt: Es kommt was ganz Entsetzliches, was kann ich nicht sagen. Er hat auch oft gesagt: Da saufen wir noch mal ab. Er konnte das ja einschätzen, dass viel zu viel Wasser reingekommen ist und dass so was nicht normal ist. Der Hermann war sein Leben lang ein lustiger Kerl, aber einige Zeit vor dem Unglück hat er sich verändert. Er konnte nicht mehr gut schlafen, er hat Angst gehabt.

Was ist heute, zehn Jahre danach, wichtig für Sie?

Pölzl: Ich versuche mich des Lebens zu freuen. Auch wenn es oft schwer ist. Ich habe eine Tochter und vier Buben. Es tut weh, dass eines meiner Kinder gestorben ist. Aber man lebt weiter und kann das auch nach vielen Jahren nicht vergessen. Er war so ein guter Sohn. Zu allen freundlich und hilfsbereit und auch für die Familie war er immer da. Die Schwiegertochter, die fünf Kinder, die Geschwister, mein Mann und ich haben schwer gelitten. Mein Mann hat es gar nicht verkraftet, er hatte vor sieben Jahren einen Schlaganfall

Worüber freuen Sie sich?

Pölzl: Dass alle gerne zur Oma und zum Opa kommen und lieb zu uns sind.

Sie sind vor Kurzem 80 Jahre geworden. Was wünschen Sie sich noch für Ihr Leben?

Pölzl: Gesundheit für alle. Das ist wichtig. Mich quält halt noch immer, dass ich nicht weiß, wo der Hermann genau liegt. Wenn ich an ihn denke, habe ich ihn vor mir. Dann möchte ich sehen, wie er liegt, bei wem er liegt, das möchte ich ganz genau wissen. Mein Gott, ich hätte so viele Fragen. Aber die kann mir keiner beantworten.

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