Sonderthema:
Grasser:

ÖSTERREICH-Interview

Grasser: "Mein Fall ist wie Krebs"

Es war die politische Aufregung der Woche: Die Anklage gegen Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser und 15 Mitbeschuldigte steht (siehe rechts), einem Prozess schien nichts mehr im Wege zu stehen, doch jetzt schlägt Grasser zurück: Gegen die schwerwiegenden Vorwürfe der Staatsanwaltschaft (Untreue, Bestechung, Beweismittelfälschung) legt er Einspruch ein. Und meldet sich nach langem Schweigen nun auch öffentlich zurück.

Zum Interview mit ÖSTERREICH im Wiener Hotel Le Méridien erscheint Grasser wie immer perfekt gestylt, aber ernster als aus früheren Tagen gewohnt. Und er hat einen Handkoffer dabei. Nach dem Termin geht’s sofort wieder zurück nach Kitzbühel. Nach Wien, wo er dauernd auf seinen Fall angesprochen wird, kommt er nur noch, wenn es unbedingt sein muss.

Krimi mit Schönheitsfehler: Es gibt noch keinen Beweis

Das Konvolut hat 825 Seiten und liest sich mindestens so spannend wie Krieg und Frieden. Denn der Inhalt ist hochexplosiv. Die Anklage gegen Karl-Heinz Grasser und 15 Mitbeschuldigte, verfasst von den Staatsanwälten Gerald Denk und Alexander Marchart, versucht nachzuweisen, dass der ehemalige Finanzminister zentrale Figur einer Verbrechergruppe war, die schon im Jahr 2000 den Tatplan gefasst hatte, die Republik um Millionen zu erleichtern.

Und dann beim Verkauf der Buwog-Wohnungen, bei der Belegung des Linzer Terminal Towers und anderen Gelegenheiten tätig wurde (für alle Genannten gilt die Unschuldsvermutung).

Sieben Jahre lang wurden 700 Einvernahmen geführt, Telefone abgehört, Häuser durchsucht und Konten geöffnet.

Die Geschichte liest sich schlüssig, doch sie hat einen Schönheitsfehler: Es gibt keinen Beweis und (noch) keinen Zeugen, der die Anschuldigungen stützt.

Die konkreten Anklagepunkte sind gravierend und würden bei einer Verurteilung wohl Gefängnisstrafen nach sich ziehen.

Grasser und sein Anwalt Manfred Ainedter haben jetzt Einspruch eingelegt und wollen Schritt für Schritt nachweisen, dass die Beschuldigungen falsch sind. Eine Hauptlinie von Grasser dürfte sein, sich von seinem Ex-Freund Walter Meischberger zu distanzieren.

Grasser im Interview: "Wirtschaftlich ist es für mich ein Totalschaden"

ÖSTERREICH: Was war Ihre erste Reaktion, als die Anklage kam?

Karl-Heinz Grasser:
Ich war sehr enttäuscht, denn ich habe bis zuletzt mit einer Einstellung des Verfahrens gerechnet. Der Staatsanwalt hat mich sieben Jahre verfolgt, es wurden 700 Einvernahmen und 600 Hausdurchsuchungen gemacht und weiß Gott wie viele Terabyte-Daten zusammengetragen – und jetzt lese ich die Anklage und sehe, dass ein Kriminalroman daraus geworden ist, der mit der Wahrheit nichts zu tun hat. Der Staatsanwalt geht einer Phantasie nach, die er über sieben Jahre entwickelt hat. Es ist eine Anklage, die keinen Zeugen hat, der sie stützen könnte, und keinen Beweis. Und sie ist völlig einseitig abgefasst.

ÖSTERREICH:
Es liest sich aber recht eindrucksvoll, viele Indizien scheinen schlüssig. Wie erklären Sie einem Außenstehenden, dass nichts dran ist?

Grasser: Die Frage habe ich mir auch gestellt. Wenn man das so liest und dran glauben will, kann man es durchaus glauben – es ist keine schlechte Geschichte, die der Staatsanwalt da schreibt. Aber sie stimmt nicht. Meine Hoffnung, dass es zu dieser Anklage nicht kommt, stützte sich auf den Weisungsrat. Ich dachte, dass dieses Gremium die Anklage tatsächlich prüft und die Fehler bemerkt. Aber das ist nicht geschehen.

ÖSTERREICH: Welche Fehler?

Grasser: Der Staatsanwalt schreibt etwa, dass Peter Hochegger, als er mit dem angeblichen „Tatplan“ des Grasser & Co. in einer Einvernahme konfrontiert wurde, das nicht bestritten habe. Mein Anwalt hat dieses Aussageprotokoll von Hochegger herausgesucht. Da steht genau das Gegenteil drin: Grasser hätte ihn hochkant rausgeschmissen, wenn er mit so etwas gekommen wäre, sagt Hochegger. Mein Eindruck ist, dass der Staatsanwalt bewusst die Unwahrheit schreibt. Deshalb haben wir die Anklage jetzt auch beeinsprucht.

ÖSTERREICH:
Fakt ist, dass Ihr Freund Walter Meischberger bei der Buwog-Privatisierung dem siegreichen Bieter Immofinanz die entscheidende Zahl zum Angebot übermittelt hat ...

Grasser:
Ich habe ihm keine Informationen gegeben. Woher er seine Zahlen hatte, weiß ich bis heute nicht.

ÖSTERREICH:
Können Sie für alle Mitangeklagten die Hand ins Feuer legen?

Grasser:
Diese Frage stellt sich nicht; ich kenne ja einen guten Teil von ihnen gar nicht.

ÖSTERREICH: Aber Walter Meischberger kennen Sie...

Grasser: Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass Meischberger nie rund um die Buwog tätig geworden wäre. Aber man tut jetzt so, als hätte der Grasser dem Meischberger einen Auftrag und Geld der Republik gegeben. Keinesfalls: Offensichtlich hat das private Unternehmen Immofinanz einen Vertrag mit Hochegger und Meischberger gemacht. Ich hätte mir gewünscht, dass die beiden, wenn sie schon bei einer Privatisierung der Republik, tätig werden, ganz normal Rechnungen legen und dafür Steuern zahlen.

ÖSTERREICH:
Die Optik ist sehr schief...

Grasser:
Aber bedenken Sie: Es hat zum Beispiel meines Wissens ein sozialdemokratischer Kanzleramtssekretär Millionen verdient rund um einen Verkauf von Teilen der Telekom Austria an die Telecom Italia. Hat da jemand gesagt, dass der damalige Bundeskanzler korrupt war und Geld genommen hat, nur weil einer seiner Vertrauten Millionen verdient hat? Ich lebe einfach schlecht damit, dass man automatisch sieben Jahre lang sagt, der Grasser hat was gewusst und Geld genommen. Das ist eine bösartige Unterstellung.

ÖSTERREICH:
Haben Sie noch Kontakt mit Meischberger?

Grasser:
Praktisch nicht.

ÖSTERREICH:
Sind Sie menschlich enttäuscht?

Grasser:
Ich habe das, was mich ärgert und emotionalisiert über die letzten Jahre verändert. Man wird ein anderer Mensch. Ich habe aufgehört, mich als Opfer zu betrachten. Am Anfang hab ich gesagt: Du hast nichts gemacht, wirst in den Medien zerrissen, als Verbrecher vorverurteilt . Spätestens mit der Anklage habe ich beschlossen: Ich bin kein Opfer, sondern ich muss zum Akteur werden und um Gerechtigkeit für mich kämpfen.

ÖSTERREICH:
In seinem Tagebuch, aus dem die Anklage zitiert, belastet Meischberger Sie. Er schreibt zum Beispiel, Sie seien hoch nervös gewesen, als die Buwog-Causa begann ans Licht zu kommen...

Grasser:
Das ist doch nicht belastend! Meischberger hat mich damals angerufen und gesagt, wir müssen reden – und mir dann sein Geschäft mit der Immofinanz und Hochegger geschildert und dass er jetzt Selbstanzeige machen muss. Ich war damals sehr nervös, denn mir war von Beginn an klar: Man wird die Lücke schließen zwischen Meischberger und Grasser und das wird mein Skandal. Dass ich da nervös war, ist doch kein Beweis für eine Schuld. Genauso bin ich heute nervös: Es ist nicht lustig, eine Anklage von 825 Seiten zu haben – auch wenn sie falsch ist. Damals, als das alles angefangen hat, hab ich gleich meinen Anwalt zum Staatsanwalt geschickt, und der hat gesagt: Ah, sind Sie da, weil der Grasser ein Geständnis ablegen will? Und von einem Rechtsvertreter hab ich gehört, dass man einem Befragten aus der Immofinanz gesagt hat: Liefern Sie uns den Grasser, dann wird Ihr Verfahren viel besser laufen. Wenn Sie so klar merken, dass versucht wird, Ihnen etwas anzuhängen, hat man allen Grund nervös zu sein.

ÖSTERREICH:
In der Anklage ist auch die Rede davon, Sie hätten Ihre eigene Unterschrift geübt, damit sie so aussieht wie auf einem gefälschten Dokument ...

Grasser:
Das ist überhaupt der größte Schwachsinn. Das war so: Bei einer Einvernahme halten mit die Beamten einen Vertrag vor mit einem Zusatz und sagen, ich soll mir die Unterschriften anschauen. Ich sage: Ja, das sind meine. Die Unterschriften sehen nicht ganz gleich aus, aber ich unterschreibe nicht immer gleich (Grasser unterschreibt zwei Mal zwecks Veranschaulichung).

ÖSTERREICH:
Aber da gibt es ein Blatt als angeblichen Beweis, wo etliche Unterschriften von Ihnen untereinander stehen – eben wie zu Übungszwecken...

Grasser:
Ich weiß das nicht mehr genau. Aber es ist wohl so gewesen, dass ich – nachdem mir das vorgeworfen wurde, irgendwann vor einem Blatt Papier gesessen bin, mich geärgert habe über die völlig unsachlichen Vorwürfe und dann auf dem Blatt einfach mehrmals unterschrieben habe...

ÖSTERREICH:
Wie begegnen Ihnen eigentlich die Menschen auf der Straße? Mit Häme, Mitleid oder Solidarität?

Grasser:
Alles. Die sieben Jahre haben es mit sich gebracht, dass es eine starke Polarisierung gibt, dass dich die Menschen entweder mögen oder hassen. Die einen sehen es als große Ungerechtigkeit, die anderen haben immer schon gewusst, dass der Grasser ein schlechter Mensch ist. Es gibt nur ganz wenige, denen ich egal bin.

ÖSTERREICH:
Sie leben in Kitzbühel, sind nur mehr in Wien, wenn Sie müssen. Hassen Sie Wien?

Grasser:
In Kitzbühel werde ich darauf nicht angesprochen. Das ist ein ganz anderes Leben als in Wien. Wien ist viel politischer.

ÖSTERREICH:
Was machen Sie derzeit eigentlich?

Grasser:
Beruflich ist es extrem schwierig, denn mit den ersten Ermittlungen vor sieben Jahren ist mein Geschäft zusammengebrochen. Am Anfang ist man in einer Schockstarre. Dann versucht man im Ausland ein zartes Pflänzchen aufzubauen, dann kommen die nächsten Schlagzeilen und zerstören wieder alles. Wirtschaftlich ist es für mich ein Totalschaden. Einerseits habe ich extrem hohe Kosten, andererseits praktisch kein Einkommen.

ÖSTERREICH:
Ist der Schaden zu beziffern?

Grasser:
Ich habe sicherlich weit mehr als eine Million Euro aufgewendet. Meine Existenz ist zerstört.

ÖSTERREICH:
Eine politisch motivierte Zerstörung?

Grasser:
Ich zitiere die Abgeordnete Moser nicht gerne, aber sie selbst hat gesagt, sie hätte nicht mit einer Einstellung gerechnet, weil der öffentliche druck so groß ist. Ich habe schon den Eindruck, dass ich den Kopf für die schwarz-blaue Regierungszeit hinhalten muss. Können Sie sich an eine größere Vorverurteilung erinnern in Österreich oder in Deutschland und an ein so langes Verfahren? Kachelmann wurde stark vorverurteilt, doch das Verfahren ging sehr schnell.

ÖSTERREICH: Nehmen Sie noch am politischen Leben in Österreich teil oder graust‘s Ihnen vor der Politik.

Grasser:
Manche meiner verbliebenen Freunde sagen, ich soll in die Poltik zurückgehen. Das kommt für mich nicht infrage, auch weil die Politik zum Großteil dafür verantwortlich ist, was mir gerade zustößt. Es war trotzdem eine gute Zeit. Ich bin sicher, dass die Regierung Schüssel historisch einmal anders beurteilt wird. Wir haben viel reformiert und viel richtig gemacht. Wenn ich unsere Rettung der Bawag mit der Hypo-Alpe-Adria-Katastrophe vergleiche ...

ÖSTERREICH:
Aber an der Bundespräsidentenwahl nehmen Sie teil?

Grasser:
Natürlich, und ich habe den Herrn Hofer gewählt und werde es wieder tun, weil ich ihn für den besseren Kandidaten halte. Van der Bellen hat sicher Qualitäten, aber Hofer hat das bessere Alter und scheint das Amt lebendiger interpretieren zu wollen.

ÖSTERREICH:
Wird Ihre Ehe durch die ganze Geschichte belastet?

Grasser:
Natürlich betrifft es den Alltag, es ist wie ein Krebsgeschwür, etwas, was ich meinem schlimmsten Feind nicht wünsche. Wenn Sie über sieben Jahre mit sochen Vorwürfen beworfen werden, kann das nicht spurlos an einer Familie vorübergehen. Es ist eine enorme Belastung und man muss sein Leben ändern. Aber wie sagt Papst Franziskus? „Glücklich sein, bedeutet nicht, ein perfektes Leben zu haben.“ Deshalb bin ich glücklich dass ich eine fantastische Frau und eine Familie habe, die mir die Kraft gibt, das alles zu überstehen.

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