Portisch:

ÖSTERREICH-Interview

Portisch: "Politiker brauchen jetzt Mut"

Vergangene Woche stellte Hugo Portisch die besonders sehenswerte Neuauflage seiner legendären Doku-Reihe Österreich II vor. Sie startet am Nationalfeiertag.

ÖSTERREICH: „Österreich I“ hatte eine deutliche Botschaft: Stark ist man nur gemeinsam! Bei „Österreich II“ gibt es ebenfalls deutliche Botschaften: Das wieder erstandene Österreich hatte in nur 14 Tagen zwei große Parteien und eine Regierung! Was könnten die heutigen Regierungsverhandler daraus lernen?
Hugo Portisch: Die Situation ist sicherlich nicht vergleichbar, die Handlungsweise der Politiker jedoch schon. Eines haben sie damals beispielhaft bewiesen: Mut, die großen Probleme, ohne zu zögern, sofort in die Hand zu nehmen, dabei mustergültig zusammenzuarbeiten, ohne dabei auf eigene parteipolitische Vorteile zu schielen.

ÖSTERREICH: Bei der Pressekonferenz erwähnten sie, dass nicht nur Tempo und Entscheidungskraft, sondern auch Visionen ganz wesentlich waren für den Neubeginn. Sind Visionen heute noch möglich und formulierbar?
Portisch: Das glaube ich zwar, aber damals hatten die Politiker nur ein einziges Ziel – wenn Sie wollen, war es eine Vision: Österreich ist wieder aufzurichten; und sie waren überzeugt, dass ihnen das auch gelingen werde! Unter einer Voraussetzung, die Leopold Figl in seiner Weihnachtsansprache 1945 in einem einzigen Satz zum Ausdruck brachte: Ich bitte euch, glaubt an dieses Österreich!

ÖSTERREICH: Wenn man „Österreich II“ sieht, wird klar: In dieser 2. Republik waren über Jahrzehnte charismatische Politiker am Werk. Figl, Renner, Kreisky … Bräuchten wir solche Charismatiker wieder, oder ist diese Spezies ausgestorben?
Portisch: Außer Obama – und das ist auch schon im Schwinden – sehe ich weltweit keinen Politiker mit Charisma. Vielleicht liegt das an der Nüchternheit des Internets, auch an der Entzauberung durch Facebook und Twitter.

ÖSTERREICH: Den Start der 2. Republik schafften die Großparteien SPÖ und ÖVP. Diese werden, wie man bei der letzten Wahl sah, immer kleiner. Ein unaufhaltsamer Trend?
Portisch: Nicht unbedingt. Es wird darauf ankommen, ob und wie sie sich neu erfinden können – und vor allem, ob sie dann mutig, entschlossen und schnell handeln werden.

ÖSTERREICH: Wie Sie erläuterten, bestand der vordringlichste Aufwand bei der Überarbeitung von „Österreich II“ in der kritischen Hinterfragung der Unabhängigkeitserklärung – ging es dabei um die „Opfer­rolle“ Österreichs?
Portisch: Ja. Renner bezog sich dabei auf die Moskauer Deklaration der alliierten Mächte, in der Österreich als erstes Opfer der Hitler-Aggression bezeichnet wurde. Nur zog er daraus den Schluss, als solches habe Österreich keinerlei Verantwortung für das, was die Hitlerdiktatur im eigenen Land und in allen besetzten Gebieten an Verbrechen begangen hat. Im Gegensatz zu Deutschland nahm damit ­Österreich keinerlei Mitverantwortung auf sich.

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Autor: Christoph Hirschmann
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