26. Juli 2010 22:13
Außenminister Michael Spindelegger (ÖVP) hat den Anstoß gegeben – jetzt ist
man sich einig: Bis Herbst soll mit der Rot-Weiß-Rot-Card die Zuwanderung
neu geregelt werden, die Sozialpartner müssen die Kriterien ausverhandeln –
das alte Quotensystem hätte dann ausgedient. Laut Spindelegger sind bis zum
Jahr 2030 rund 100.000 Zuwanderer nötig, um Wirtschaft und Sozialstaat
stabil zu halten.
Tatsächlich waren schon im vergangenen Jahr rund 25.000 Zuwanderer nach
Österreich gekommen. Dazu kommen ab Mai 2011 geschätzt 20.000 Ausländer pro
Jahr. Denn: Nach Wegfall der Zugangshürde aus den neuen EU-Beitrittsländern
(Ungarn, Polen, Rumänien etc.) ist ein hürdenloser Zuzug möglich. Gesamt
könnte sich eine jährliche Zuwanderung von 45.000 ergeben. Macht gesamt bis
2030 rund 900.000 Zuwanderer. Zählt man die 100.000 „qualifizierten
Spindelegger-Zuwanderer“ hinzu, kommt man auf 1 Million.
SPÖ-Sozialminister Rudolf Hundstorfer gab sich am Montag überraschenderweise
zuversichtlich, bis zum Herbst eine Lösung für neue Zuwanderungsregeln – von
denen nur Nicht-EU-Ausländer betroffen wären – zu finden: „Bis dahin werden
wir ein kriteriengeleitetes Zuwanderungssystem verhandeln.“ ÖSTERREICH liegt
bereits ein bisher unveröffentlichtes Zuwanderungskonzept vor:
- Schritt 1: Test im Internet. Potenzielle Zuwanderer sollen sich
schon per Internet schlau machen können, ob sie für die
Zuwanderung nach Österreich geeignet sind. Zu diesem Zweck sollen
sie im Netz den „Aufnahmetest“ schon vorwegnehmen können
– als Vorbild dienen Kanada und Australien, die schon Punktesysteme
anwenden.
- Schritt 2: Was wird getestet? Geprüft werden unter anderem
die Qualifikation – aber nötig sind auch genügend freie
Stellen, die nicht von Österreichern besetzt werden.
- Schritt 3: Bewerbung bei der Botschaft. Einer Bewerbung bei der
jeweiligen Botschaft steht nichts mehr im Weg, wenn der Zuwanderer einen
Job in Aussicht hat
- Schritt 4: Rot-Weiß-Rot-Cards als Schlüssel. Wird die
Einreise erlaubt, bekommt man eine Rot-Weiß-Rot-Card. Sie ist Schlüssel
für eine Aufenthalts-, Arbeitserlaubnis, Zugang zur
Sozialversicherung usw.
- Schritt 5: Familie kommt mit: Wenn es nach der Wirtschaft geht,
darf der Zuwanderer dann die Familie mitnehmen, so WKO-Expertin Margit
Kreuzhuber.
Tatsächlich hatte sich die SPÖ auf Druck der Gewerkschaft zuletzt bei den
Verhandlungen gegen die neuen Regeln gesperrt. Und obwohl Spindelegger
versichert, es gehe nur um Zuwanderer, die man auf dem Arbeitsmarkt wirklich
brauche, forderten ÖGB und AK auch am Montag vor einer Einigung auf die
Zuwanderungsregeln zuerst einmal Maßnahmen gegen das Lohndumping.
ÖSTERREICH: FPÖ und BZÖ kritisieren Sie scharf, weil Sie sich
für Zuwanderung ausgesprochen haben. Stehen Sie weiter dazu?
Michael Spindelegger: Selbstverständlich. Diese Kritik muss man
aushalten. Wir brauchen eine Zuwanderung für Österreich. Das ist die
Realität. Man muss auch den Mut haben, den Menschen die Wahrheit zu sagen.
Bei unserer demografischen Entwicklung – dem Überalterungskonzept und zu
wenige Kinder – würden wir sonst ein echtes Problem bekommen.
ÖSTERREICH: Die FPÖ meint, das sei ein Eingeständnis für
„gescheiterte VP-Familienpolitik“.
Spindelegger: Über solche Aussagen muss ich schon ein wenig
schmunzeln. Unsere Vorstellung von Familienpolitik ist es ja nicht,
möglichst viele Kinder zu zeugen. Das kann man den Menschen wohl nicht
vorschreiben. Das ist vorgestrige Politik. Und wenn der Herr Strache mir
ausrichtet, dass es überhaupt keine Zuwanderung geben soll, dann soll er
einmal erklären, wie er die Sozialsysteme ohne eine kontrollierte
Zuwanderung aufrechterhalten würde.
ÖSTERREICH: Ohne Zuwanderung würde unser Sozialsystem
mittelfristig kollabieren?
Spindelegger: Wir brauchen diese Zuwanderung, um den
Gesundheitsbereich, das Pensionssystem und unser Sozialsystem zu sichern.
Und schauen Sie, es gibt ja ohnehin Zuwanderung. Es kann ja jeder aus der EU
zu uns kommen. Ich gestalte das dann lieber proaktiv. Wir als Regierung
können dann auch gezielt aussuchen, wer zu uns kommt.
ÖSTERREICH: Aber grundsätzlich gibt es diese Einwanderungsquote
von rund 20.000 Menschen doch schon, oder?
Spindelegger: Es geht nicht darum, Zahlen zu vergleichen. Ich denke,
wir müssen hier als Politik aktiv handeln. Man muss sehen, dass man die
richtigen Menschen braucht. Und sie bewusst ansprechen.
ÖSTERREICH: Die Regierung hatte grundsätzlich eine
Rot-Weiß-Rot-Karte vereinbart. Was muss man sich darunter vorstellen?
Spindelegger: So ist es. Es geht darum, einen verbindlichen Katalog
zu erstellen, wer den Anspruch auf diese Karte und Zuwanderung erhält. Dabei
sind Sprachkenntnisse, der Willen, unsere Gesellschaft und unser
Rechtssystem zu respektieren, Voraussetzung.
ÖSTERREICH: Warum ist da bislang noch nichts weitergegangen?
Ursprünglich wollte die Koalition das doch schon dieses Jahr, oder?
Spindelegger: Das ist leider bislang an der Arbeiterkammer
gescheitert. Aber nachdem sich der Sozialminister nun auch für die Karte
ausgesprochen hat, bin ich zuversichtlich, dass sie bald kommt.
ÖSTERREICH: Arbeiterkammer und ÖGB bleiben aber skeptisch.
Spindelegger: Das fände ich sehr schade. Ich komme auch aus dem
Arbeitnehmerbereich. Und damit sichert man eben den Sozialbereich.
Interview: Isabelle Daniel