Sitzenbleiben: Österreich im Mittelfeld

9% wiederholen Klasse

© TZ Österreich/Achim Bieniek

Sitzenbleiben: Österreich im Mittelfeld

Das Sitzenbleiben an den Schulen ist keine österreichische Spezialität. Im EU-Vergleich liegen die heimischen Schüler vielmehr im Mittelfeld: Laut einer von der EU-Kommission in Auftrag gegebenen Studie haben in Österreich rund neun Prozent aller 15-jährigen Schüler mindestens einmal eine Klasse wiederholt. An der Spitze liegen Frankreich bzw. der französischsprachige Teil Belgiens (je 37 Prozent). Interessantes Ergebnis der Studie: Der Prozentsatz der Sitzenbleiber hat weniger mit den gesetzlichen Regeln und den Leistungen der Schüler eines Landes zu tun, sondern primär mit der Schulkultur und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Deutschland: 21% wiederholen Schulstufe
In Luxemburg haben rund 36 Prozent der 15-Jährigen bereits einmal eine Klasse wiederholt, in Spanien und Portugal jeweils 35 Prozent, in den Niederlanden und dem deutschsprachigen Teil Belgiens 26 Prozent, im flämischen Teil Belgiens 22 Prozent, in Deutschland 21 Prozent, in Liechtenstein 20 Prozent, in Irland zwölf Prozent und in Ungarn zehn Prozent. Besonders selten sitzengeblieben sind Schüler in Island (ein Prozent), Großbritannien, Slowenien (je zwei Prozent), Finnland (drei Prozent), Tschechien, Dänemark, Litauen, Rumänien, der Slowakei und der Türkei (je vier Prozent).

Kein Zusammenhang zwischen Gesetzeslage und Sitzenbleiberrate
Für die Studie wurden im Rahmen der PISA-Studie gewonnene Resultate zum Sitzenbleiben mit den diesbezüglichen gesetzlichen Regelungen in den einzelnen Staaten verglichen. Ergebnis: Es gibt keinen klaren Zusammenhang zwischen der Gesetzeslage und der Sitzenbleiberrate. Der Grund für die deutlichen Unterschiede in den einzelnen Staaten liege in den Einstellungen des Lehrpersonals, der Bildungsverantwortlichen sowie der Eltern - in manchen Staaten sei die Meinung, dass eine Klassenwiederholung dem Lernerfolg zuträglich ist, stärker vertreten als in anderen.

Automatischer Aufstieg in Island und Norwegen
Das automatische Aufsteigen in die nächsthöhere Klasse ist nur in wenigen Ländern Usus: Island und Norwegen kennen kein Sitzenbleiben, Bulgarien und Liechtenstein zumindest im Volksschulbereich nicht. Auch in Großbritannien bleiben die Klassen im Regelfall durch die gesamte Pflichtschulzeit zusammen.

Alle anderen Staaten kennen grundsätzlich das Sitzenbleiben, wobei die Regelungen im Detail unterschiedlich sind. So ist in manchen Staaten etwa die Anzahl der Klassenwiederholungen pro Schüler begrenzt. Sitzenbleiben kann etwa durch Extra-Unterricht oder (ähnlich wie in Österreich) Extra-Prüfungen abgewendet werden.

Verschiedene Instanzen entscheiden
Unterschiedlich sind auch die Instanzen, die bei der Entscheidung über das Sitzenbleiben mitwirken: Vereinzelt (vor allem im Volksschulbereich) müssen die Eltern einer Klassenwiederholung aktiv zustimmen, in manchen Ländern haben die Eltern Mitwirkungsrechte bzw. dürfen das Sitzenbleiben selbst beantragen. In den meisten Fällen liegt die Letztentscheidung aber bei den Pädagogen - allerdings nicht immer bei den Klassenlehrern selbst, sondern manchmal auch beim Schuldirektor. Dass in Österreich Eltern die Möglichkeit offensteht, gegen das Sitzenbleiben ihrer Kinder mit einem Rechtsmittel bei der Schulbehörde vorzugehen, ist übrigens nicht selbstverständlich.

Gegliedertes Schulsystem
Zusammen mit Belgien, Deutschland, Luxemburg, den Niederlanden, Litauen, Liechtenstein und der Slowakei gehört Österreich zu den Ländern mit einem gegliederten Schulsystem: Anders als in Staaten mit Gesamtschule besteht in diesen die Möglichkeit, schwächere Schüler statt des Sitzenbleibens in einen anderen Schultyp wechseln zu lassen (in Österreich also von der AHS-Unterstufe in die Hauptschule). Bemerkenswert: Trotzdem gehören alle Länder mit gegliedertem Schulsystem - Slowakei und Litauen ausgenommen - zur Gruppe jener Staaten, in denen Sitzenbleiben weit verbreitet sind.

Schmied fordert Kurssystem
An der Einführung eines Kurssystems vor allem in Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen an der AHS-Oberstufe bzw. an den berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) führt für Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) "kein Weg vorbei". Als realistischen Zeitpunkt für den Beginn einer Umstellung nannte sie gegenüber der 2012, für alle 800 Standorte benötige es einen Stufenplan.

Schulkultur

Das Sitzenbleiben hat für Schmied, wie in der aktuellen EU-Studie zum Thema angesprochen, "sehr viel mit Schulkultur zu tun und ist nicht unbedingt mit Leistung in Verbindung zu bringen. Die These, dass Sitzenbleiben ein Instrument zur Leistungssteigerung ist, ist nicht haltbar."

Klassenwiederholungen in der Oberstufe reduzieren
Da Klassenwiederholungen in Österreich vor allem an den Oberstufenschulen verbreitet sind, gelte es vor allem hier anzusetzen, so Schmied. Daher liefen im Ministerium intensive Arbeiten dazu. Für die Umstellung würden die Erfahrungen der derzeit laufenden Schulversuche zum Kurssystem sowie aus dem Abendschulbereich, der bis 2012 komplett umgewandelt wird, herangezogen.

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