Werner Faymann - Kuschelkanzler im Amt

Porträt

© Johannes Kernmayer

Werner Faymann - Kuschelkanzler im Amt

Auf den "Sandkisten"-Kanzler folgt der "Kuschelkanzler". Werner Fayman (48), geschmeidiger, stets freundlicher SPÖ-Aufsteiger ist die Anti-These zum gewollt intellektuellen, oft überheblich wirkenden Alfred Gusenbauer. Das Zeug zum Publikumsliebling hat der Wiener ohne Frage, ob er inhaltlich Großes leisten wird, ist nicht so sicher. Kritiker meinen, Visionen seien dem pragmatischen Boulevard-Liebling Faymann fremd.

Vom Schulsprecher zur Mietervereinigung
Faymann, geboren am 4. Mai 1960 in Wien, kommt aus eher bürgerlichem Umfeld, fand aber schon rasch den Anschluss zur Sozialdemokratie. Nach ersten Gehversuchen als Schulsprecher heuerte er bei der Sozialistischen Jugend an, wo er im Stil Martin Luthers fast schon rebellisch sieben Thesen zur Jugendpolitik an die Tür des Rathauses schlug. Später war der ehemalige Jus-Student dann schon zahmer unterwegs. Mit gerade einmal 28 wurde er Geschäftsführer der Wiener Mietervereinigung, eine Machtbastion in der Bundeshauptstadt.

Karriere in Wiener Stadtregierung
Ab 1985 saß Faymann für die SPÖ im Gemeinderat bzw. Landtag, ab 1994 war er Stadtrat für Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung und eröffnete in dieser Funktion publikumswirksam unzählige kommunale Wohnbauten. In seinen Jahren in der Stadtregierung wurde ihm mehr als einmal nachgesagt, Ambitionen auf die Nachfolge von Michael Häupl als Wiener Bürgermeister zu hegen. So soll der Stadtchef auch ganz froh gewesen sein, Faymann in die Bundespolitik los gebracht zu haben.

Vom Infrastrukturministerium ins Kanzleramt
Gusenbauer macht ihn Anfang 2007 seinem ersten und einzigen Kabinett zum Infrastrukturminister und Regierungskoordinator. In letzterer Funktion war sein schwarzes Pendant war Josef Pröll, man konnte schon damals miteinander. Im Wirkungsbereich seines Infrastrukturministeriums räumte Faymann personell ordentlich um, seine guten Beziehungen zu den Boulevard-Zampanos Hans Dichand und Wolfgang Fellner verhinderten böse Schlagzeilen, als er unliebsame Manager bei Asfinag und ÖBB mit hohen Abfertigungen in die Wüste schickte.

Als Alfred Gusenbauer so richtig zu wackeln begann, war schnell klar, dass nur Faymann als sein Nachfolger infrage käme. Der umschmeichelte denn auch gleich das Parteivolk von Neusiedler- bis Bodensee und durfte sich bei seinem ersten Wahlparteitag über 98 Prozent der Stimmen freuen. Am wichtigsten dabei war wohl, dass Faymann sofort die von Gusenbauer gekränkten Gewerkschafter wieder ins Bott holten, die dem neuen SPÖ-Chef ursprünglich eher skeptisch gegenüber gestanden waren.

Wahlsieger mit Stimmenverlusten
Und der Erfolgsrun hielt an, hält es eigentlich noch immer. Mit "genug gestritten" warb Faymann seiner ausgleichenden Persönlichkeit entsprechend für Eintracht statt Zwietracht und konnte - auch dank eines schwachen Gegenkandidaten - letztlich souverän die SPÖ wieder auf Platz eins führen, wenngleich mit starken Stimmenverlusten.

Da dieses Kuschelrezept nun schon bei den Wählern funktioniert hatte, sah Faymann keinen Grund, es in den Koalitionsverhandlungen mit etwas anderem zu versuchen. Mit sanften Tönen fing er die ÖVP nach und nach ein und ließ sie wieder in die roten Arme sinken. Allzu viel herausgeholt hat Faymann für die SPÖ weder personell noch inhaltlich, aber doch zumindest so viel, dass kein parteiinterner Aufstand zu erwarten ist.

Politisch schwer einzuschätzen
Was von Faymann in den kommenden fünf Jahren zu erwarten ist, kann man nur schwer sagen. Welche Themen ihm nun wirklich wichtig sind, wagen auch Parteifreunde nicht sicher zu beurteilen. Allzu links wird es bei ihm nicht zugehen, Faymann pflegt ein eher bürgerliches Auftreten, dazu passt seine Mitgliedschaft im Rotary-Club. Abzuwarten bleibt, wie Faymann auf Druck vor allem der "Kronen Zeitung" reagieren wird. Seit seinem Leser-Brief an Österreichs größtes Printmedium in Sachen EU-Volksabstimmung steht er hier unter besonderer Beobachtung.

Für Privatleben wird Vielarbeiter Faymann künftig noch weniger Zeit haben. Hobbys hat er freilich ohnehin nur wenige, das Bergwandern gehört ebenso dazu wie regelmäßige Urlaube am Lido von Venedig. Nicht müde wird er zu betonen, dass seine wichtigste Zeit die mit der Familie ist. Faymann ist in zweiter Ehe mit der Wiener SPÖ-Gemeinderätin Martina Faymann-Ludwig verheiratet und hat mit ihr gemeinsam eine Tochter namens Flora. Seine ältere Tochter Martina entstammt einer früheren Beziehung.

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