Dompfarrer Faber:

Kirchen-Austritte

Dompfarrer Faber: "Lage ist beschissen"

Mitgliederschwund, Überalterung, Entfremdung von der Basis: Die Parallelen zwischen katholischer Kirche und ÖVP waren Mittwochabend Thema einer Diskussion im Rahmen von "Evolution Volkspartei". Der Abend mit Wiens Dompfarrer Toni Faber war dennoch von Optimismus geprägt. "Wenn die Kirche einen Franziskus-Effekt hat, haben wir gerade einen 'Django'-Effekt", meinte ÖVP-Generalsekretär Gernot Blümel.

Faber schwärmte bei der Veranstaltung im Rahmen des Parteiprogramm-Reformprozesses der ÖVP von der erfrischenden Wirkung, den Papst Franziskus durch seinen Zugang zu den Menschen, aber auch in personellen Dingen habe. Ähnliches attestierte er der ÖVP. "Ich spüre da auch einen ganz gehörigen frischen Wind", lobte er nicht zuletzt die neuen Akteure in der Wiener Innenstadt, wo Ursula Stenzel nicht mehr Spitzenkandidatin bei der Bezirksvertretungswahl sein wird.

"Lage ist beschissen"
Bezüglich der Lage der katholischen Kirche in Wien nahm sich der Dompfarrer kein Blatt vor den Mund. Was die Anzahl der Mitglieder betreffe, sei sie "relativ beschissen", so Faber, "wir haben uns seit 1970 halbiert". Ausgetreten werde oft aus Ärger und zu Protestzwecken. Einen der größten Zacken in der Statistik habe es etwa gegeben, als Kardinal Christoph Schönborn seinen damaligen Generalvikar Helmut Schüller "die Kündigung unter der Türdacken durchgeschoben hat", plauderte Faber aus dem Nähkästchen.

Für viele sei der Kirchenaustritt allerdings nur eine Auszeit, so der Pfarrer weiter. Er selbst habe 568 Menschen seit dem Jahr 2000 zurückbegleitet. Ein gutes Drittel davon lasse sich durch einen "Benefit" dazu bewegen, etwa durch die Aussicht, sich als Tauf- oder Firmpate zu engagieren. Man habe also eine ähnliche Erfahrung gemacht wie jede Partei heutzutage: Viele wollten auf eine lebenslange Bindung verzichten und den Weg eher auf Zeit gemeinsam gehen.

Django-Effekt
Blümel nahm dies auf und sprach von der Möglichkeit, für die ÖVP ein flexibles System der Mitgliedschaft zu überlegen und auch eine neue Art des politischen Engagements zu ermöglichen. Den "Django"-Effekt, also die Aufbruchstimmung durch Reinhold Mitterlehner als neuen Parteichef, gelte es jedenfalls mit Substanz zu erfüllen, und zwar mit Auswirkungen in der konkreten Regierungsarbeit.

Aus den elektronisch eingelangten Anregungen zum ÖVP-Reformprozess wurde die Frage nach - eventuell elektronischen - Mitgliederbefragungen in die Diskussion eingebracht. Faber sprach sich vehement dafür aus und verwies auf den Fragebogen vor der Familiensynode in Rom, der auf ein riesiges Echo gestoßen sei. "Es ist wohltuend, dass man die Realität einmal anschaut", sagte er. Blümel zeigte sich nicht abgeneigt, verwies aber auf Hürden im Statut, die es anzugehen gelte. Derzeit brauche es bei parteiinternen Abstimmungen nämlich Stimmzettel - eine elektronische Abstimmung sei gar nicht vorgesehen.

Aufmunternde Worte für den Reformprozess gab es zum Schluss noch vom früheren Kärntner Landesparteichef Gabriel Obernosterer. "Eine Reform, die nicht wehtut, ist keine Reform. Ich wünsche dir Glück", sagte er zu Blümel.

 

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