Gaddafi droht:

Diktator im Bunker

Gaddafi droht: "Ich oder Bin Laden"

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Es war eine bizarre Mischung aus Schimpftirade und Grabrede: Muammar Gaddafi meldete sich am Donnerstagnachmittag abermals aus seinem Bunker. Via Telefon. Kameras waren keine zugelassen. Es sollte wohl nicht gezeigt werden, wo der Diktator sich wirklich versteckt. Offensichtlich hat Gaddafi inzwischen panische Angst vor einem gezielten Militärschlag.

In der wirren Rede wiederholte Gaddafi seine Durchhalteparolen, sagte: "Wenn ihr einander töten wollt, dann tut das", schimpfte er mit der schrillen Stimme eines Verzweifelten.

"Bin Laden ist der wirkliche Verbrecher"
Dann warnte der Diktator vor islamischem Terror in Libyen: "Al-Kaida ist für den Aufstand in meinem Land verantwortlich. Al-Kaida manipuliert die jungen Menschen, Osama bin Laden ist der wirkliche Verbrecher", tobte er. Sein Signal: Fällt er, Gaddafi, regiert bald die Al-Kaida. Tatsächlich gab es in den vergangenen Tagen im Osten des Landes mehrere Kundgebungen von Al-Kaida-Sympathisanten.

"Keine vernünftige Person beteiligt sich an den Protesten. Die Menschen stehen unter Drogen", beschimpfte er Oppositionelle als Rauschgiftsüchtige.

Die befreite Region am Mittelmeer (an der Grenze zu Ägypten) ist Gaddafi völlig entglitten. Die Opposition hat die Macht übernommen. Gaddafis Gegner fühlen sich bereits so stark, dass sie "zum Marsch auf Tripolis" aufrufen, um den Diktator endgültig aus dem Bunker zu holen.

Siegesfeiern
In den Städten Benghazi, El Baida, Derna und Tobruk, den Umschlagszentren der libyschen Erdölindustrie, feierten am Donnerstag Tausende Demonstranten ein Dutzend hochrangige Armeeangehörige, die sich von der Führung in Tripolis losgesagt haben.

Massaker in Moschee
Nur Teile des Westens und die Umgebung der Hauptstadt sind noch unter Kontrolle von Gaddafis-Söldner-Truppen: Immer mehr Details über Massaker werden bekannt. In einer Stadt bei Tripolis wurde eine Moschee beschossen: "Ich sah Leichenberge und Blutlachen", berichtet ein Augenzeuge. Auf dem Flugplatz von Misrata feuerten die Söldner in eine Menschenkette.

Menschenrechtsorganisationen befürchten Tausende Tote. Gaddafi-Söldner würden die Leichen in der Wüste "entsorgen". Laut dem Sicherheitschef der ostlibyschen Stadt Benghazi, Nuri al-Obeidi, sind alleine hier in den letzten Tagen mindestens 390 Menschen getötet worden. Rund 1.300 Menschen wurden verletzt.

Westen erhöht Druck
Angesichts der anhaltenden Gewalt in Libyen verstärken die westlichen Staaten den Druck auf Gaddafi. US-Präsident Barack Obama telefonierte am Donnerstag mit europäischen Staats- und Regierungschefs, um über ein gemeinsames Vorgehen zu beraten. Am Freitag sollten sich der UN-Menschenrechtsrat und erneut der UN-Sicherheitsrat mit der Situation in dem nordafrikanischen Land auseinandersetzen.

Cobra rettet Österreicher aus Libyen

Aufatmen bei 15 Österreichern: Sie konnten im Auto-Konvoi aus Libyen ausreisen.

Am Donnerstag konnten die ersten Österreicher am Landweg aus der Gefahrenzone Libyen gerettet werden. In einem Konvoi von sieben Autos wurden 15 Österreicher und drei EU-Bürger in einer mehrstündigen Rettungsaktion von Tripolis nach Tunesien gebracht. Am Nachmittag erreichte der Konvoi sicher die tunesische Stadt Djerba – die Österreicher wurden an 20 Checkpoints von Aufständigen und Gaddafi-Anhängern aufgehalten. Mit an Bord waren auch Mitarbeiter der österreichischen Botschaft. Geschützt wurde der Rettungstransport von Cobra-Beamten.

In ganz Libyen sitzen trotzdem noch immer mehr als 50 Österreicher in Libyen fest. 20 von ihnen befinden sich im Osten des Landes, neun Österreicher waren am Flughafen Shaba kurz vor der Ausreise, 24 wollen vorerst in Tripolis bleiben.
 

Flüchtlinge: Österreich muss 6.000 aufnehmen

Schon jetzt sind auf der italienischen Insel Lampedusa 6.000 Flüchtlinge gestrandet, Hunderttausende könnten folgen. Besonders Italien schlägt Alarm und rechnet gar mit bis zu einer Million Flüchtlingen. "Wir müssen uns auf Migrationen biblischen Ausmaßes gefasst machen", warnt Verteidigungsminister Ignazio La Russa. Besonders Italien und Spanien drängen darauf, die Flüchtlingswelle gerecht auf ganz Europa aufzuteilen.

Austro-Anteil
Die EU-Richtlinie 2001/55/EG gibt vor, wie bei einem Massenzustrom von Vertriebenen eine "ausgewogene Verteilung der Belastungen" auszusehen hat: Je nach Einwohnerzahl, Größe und Asylsystem der Staaten werden die Flüchtlinge aufgeteilt. Demzufolge müsste Österreich rund 6.000 Menschen aufnehmen (konservative Schätzung).

Innenministerin Maria Fekter (ÖVP) sieht noch keinen Handlungsbedarf: Mit der Zahl jener, die bisher in Italien gestrandet sind, "muss das große Italien schon noch zurande kommen", sagt sie. Anny Knapp von der Asylkoordination sieht das anders: "Derzeit sollten die Alarmglocken schrillen, Italien kann nicht für alle Flüchtlinge zuständig sein. Eine europäische Lösung muss her."
 

Lesen sie den Augenzeugenbericht eines geretteten Österreichers auf der nächsten Seite.

Autor: (prj)
Seiten: 12
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