Bushs Pakistan-Strategie gescheitert

Mord an Bhutto

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Bushs Pakistan-Strategie gescheitert

Ein Riesenland taumelt ins politische Chaos, und die Welt schaut hilflos zu. Pakistans Probleme fügen sich nach der Ermordung von Oppositionsführerin Benazir Bhutto zu einem bedrohlichen Szenario zusammen: ein radikal-islamischer Untergrund mit gewaltbereiter Al-Kaida-Szene, gärende Unzufriedenheit unter den fast 170 Millionen Einwohnern, eine hochgerüstete Armee - und die Atombombe, deretwegen jede Krise in Pakistan auch den Rest der Welt angeht. Ratlosigkeit in Washington: Die USA, der wichtigste Verbündete von Machthaber Pervez Musharraf, sehen mit Bhuttos Ermordung ihre Pakistan-Strategie zerstört. So eng sind die Interessen beider Länder verwoben, dass die Krise Pakistans auch eine Krise für die US-Außenpolitik ist.

Kampf gegen den Terror
Der Wert Pakistans für die USA lässt sich in Zahlen bemessen. Mehr als zehn Milliarden Dollar zahlten die USA seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 an Pakistan als Unterstützung für seine Dienste im Kampf gegen den Terror. Das ist auch für die Weltmacht USA eine enorme Summe. Washington baute Pakistan als Bollwerk gegen den Terrorismus und für den Militäreinsatz im Nachbarland Afghanistan aus. In dieser Rolle ist es als Verbündeter für die USA unverzichtbar. US-Präsident George W. Bush wertete den Anschlag auf Bhutto umgehend als "feigen Akt" zur Destabilisierung Pakistans. Außenministerin Condoleezza Rice rief die Pakistanis auf, "Ruhe zu bewahren und gemeinsam am Aufbau einer friedlichen und demokratischen Zukunft zu arbeiten".

Bhuttos Tod macht das baldige Eintreten einer solchen Zukunft noch unwahrscheinlicher. In den Planungen der US-Regierung war der Oppositionellen eine Schlüsselrolle zugefallen: Bhutto, so die Überlegung in Washington, könne als Premierministerin unter Musharraf eingesetzt werden und somit dessen Stellung wahren helfen. "Die USA hatten gehofft, dass eine Beteiligung Bhuttos an der Macht der zunehmend unpopulären Herrschaft von Musharraf demokratische Legitimität verleiht", urteilt Jayshree Bajoria von der Washingtoner Denkfabrik Council of Foreign Relations. Eine Koalition der verfeindeten, aber moderaten Kräfte um Bhutto und Musharraf hätte ein Gegengewicht zur radikal-islamischen Opposition sein sollen.

Föderung der Demokratie
Ein solches Arrangement hätte auch den USA aus dem Dilemma verholfen, in das sie nach Verhängung des Ausnahmezustands durch Musharraf im Herbst geraten waren: Die Förderung der Demokratie zählt zum rhetorischen Kernbestand der US-Außenpolitik, wurde aber durch das Bündnis mit dem Militärmachthaber in Pakistan vor aller Augen konterkariert. Seit über einem Jahr vermittelten hochrangige US-Diplomaten nach Informationen der "Washington Post" zwischen Bhutto und Musharraf; der Druck aus Washington habe zu zwei Geheimtreffen der Widersacher im Jänner und im Juli in Dubai geführt und schließlich zu der Vereinbarung, dass Bhutto bei der für 8. Jänner angesetzten Parlamentswahl als Spitzenkandidatin antritt.

Bhuttos gewaltsames Ende lässt Pakistan umso mehr als ein Land erscheinen, das die Kraft zum inneren Frieden verloren hat, das Potenzial für Chaos und Zerstörung aber behält. In ihrem Bemühen, die radikalen Kräfte in dem Nuklearstaat von der Macht fernzuhalten, bleibt den USA einstweilen als Verbündeter nur ein geschwächter, unpopulärer Staatschef. Die USA müssen damit rechnen, dass sich Pakistan nun in den vorderasiatischen Krisengürtel aus Irak, Iran und Afghanistan einreiht.

Monate der Instabilität
Der Sicherheitsanalyst Andrew Cordesman vom Center for Strategic and International Studies in Washington hält "Monate der Instabilität" in Pakistan für wahrscheinlich - vor allem dann, wenn die Täterschaft nicht ganz klar islamischen Extremisten zugeschrieben werden könne und sich der Zorn der Öffentlichkeit gegen Musharraf richte: "Falls sich der Verdacht durchsetzt, dass die Musharraf-Regierung irgend einen Anteil an der Ermordung hatte, könnte dies Pakistan an den Rand eines zivilen Konflikts bringen."

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