22. Juli 2008 08:00
Einige Dutzend Anhänger serbischer nationalistischer Organisationen haben am
frühen Dienstagabend im Stadtzentrum Belgrads gegen die Festnahme des
bosnisch-serbischen Ex-Präsidenten Radovan Karadzic protestiert. Die
Demonstranten, die von einem großen Polizeiaufgebot auf dem Republikplatz
umzingelt wurden, bewarfen die Ordnungshüter mit Stühlen aus den umliegenden
Cafés und Knallkörpern. Den Protestlern schlossen sich auch der
Generalsekretär der ultranationalistischen Serbischen Radikalen Partei
(SRS), Aleksandar Vucic, sowie Karadzic' Bruder Luka an.
Demonstranten zerschlugen außerdem mehrere Statuen einer
Freiluft-Ausstellung, die derzeit im Stadtzentrum stattfindet. Verletzte hat
es laut ersten Berichten nicht gegeben.
Unterschiedliche Reaktionen
Während die Information für einige
eine klare Erleichterung darstellte, da dadurch ein weiteres Hindernis auf
dem Weg Serbiens in die Europäische Union beseitigt wurde, sind andere
wiederum empört. Eine Gruppe junger Anhänger Karadzic' fuhr gegen
Mitternacht in ihren Wagen immer wieder beim Sondergericht für
Kriegsverbrechen vorbei, wo der Festgenommene vermutet wird, um laut hupend
ihren Protest zu bekunden.
Von einigen begrüßt, von anderen kritisiert
Die
regierende Sozialistische Partei (SPS) distanzierte sich in einer
schriftliche Aussendung von der Festnahme des Haager Angeklagten, nachdem
zuvor das Innenministerium, an dessen Spitze der SPS-Chef Ivica Dacic steht,
mitteilte, an der Festnahme nicht beteiligt gewesen zu sein. "Die SPS
wird die Umstände in Erwägung ziehen, unter welchen Radovan Karadzic
festgenommen wurde und sie wird verlangen, dass die Öffentlichkeit Serbiens
darüber informiert wird, seit wann sich Radovan Karadzic auf dem Gebiet
Serbiens unter der Kontrolle der Sicherheitsdienste befindet", teilte
die Partei mit.
Offiziell wurde zunächst nicht bekannt gegeben, wo die Festnahme erfolgte.
Man geht davon aus, dass sie in Serbien erfolgte. Die Sozialisten
unterstrichen ferner in ihrer Aussendung, dass die Zusammenarbeit mit dem
Haager Gericht ein Prozess in zwei Richtungen sein müsse und sich nicht nur
auf die Auslieferung der Angeklagten beschränken dürfe.
Für den ehemaligen Infrastrukturminister Velimir Ilic stellt die Festnahme
Karadzic' andererseits eine Überraschung dar, die allerdings Serbien "einen
Schritt näher an die EU" gebracht habe.
Der Generalsekretär der ultranationalistischen Serbischen Radikalen Partei,
Aleksandar Vucic, meinte andererseits, dass es sich um eine "grausige
Nachricht" handle. Nur jene, die Serbien hassen würden, könnten sich
darüber freuen. Auch befinde sich Serbien auf dem Weg seines Verschwindens,
da Präsident Boris Tadic die "Diktatur" festige, meinte
Vucic.
EU und NATO begrüßten Festnahme
Es handle sich um eine "wichtige
Etappe" bei der Annäherung Serbiens an die EU, erklärte die
französische EU-Ratspräsidentschaft in der Nacht auf Dienstag. Die Festnahme
Karadzics zeige das Engagement Belgrads, zu Frieden und Stabilität am Balkan
beizutragen. Die NATO sprach von einer "guten Nachricht", auf die
man lange gewartet habe.
Serbien hatte Ende April ein Stabilisierungs- und Assoziationsabkommen mit
der EU unterzeichnet. Dieses tritt jedoch nur bei einer "vollständigen
Zusammenarbeit" Belgrads mit dem UNO-Kriegsverbrechertribunal in Kraft.
Die EU bestand als Zeichen für diese Kooperation vor allem auf die Festnahme
von Karadzic und seinem früheren Militärchef Ratko Mladic, der ebenfalls vom
UNO-Tribunal gesucht wird.